Ein Besuch beim SC Vier- und Marschlande
Harnik und Kruse: Die Zauberer vom Zollenspieker
Hamburg - Martin Harnik und Max Kruse machten als Jugendspieler einen besonderen Verein noch etwas besonderer. Ein Besuch beim SC Vier- und Marschlande.
Früher, da hatte der Fußballplatz am Zollenspieker fünf Ecken. Das war einmalig in der Region, womöglich sogar weit darüber hinaus. Das Land eines benachbarten Bauern ragte schräg ins Feld hinein, schnitt ein Stück Seiten- und Toraußenlinie sowie die Ecke dazwischen ab. Sämtliche Eckbälle wurden auf dieser Hälfte des Platzes über Jahre hinweg nur aus einer, der ganzen Ecke getreten. Heute ist der Platz längst komplett. Als sein Enkel eines Tages im Verein Fußball spielen wollte, gab der Bauer das Land freiwillig an den SC Vier- und Marschlande ab.
In allen vier Ecken am Zollenspieker stehen heute Flutlichtmasten, LED, neueste Generation, ein echtes Vorzeige-Objekt im Hamburger Amateurfußball. Wieder eine Besonderheit, ein Merkmal, das den Verein aus dem Osten der Stadt vom Rest unterscheidet. Ein bisschen anders lief es hier, nur 200 Meter vom Elbufer entfernt, irgendwie schon immer. So wie in den Jahren zwischen 2003 und 2006, als zwei junge Fußballer aus der Nachbarschaft des Zollenspieker für Furore sorgten: Martin Harnik und Max Kruse. Ein Ortsbesuch.
Kruse und Harnik prägen goldenen Jahrgang
Die zweite Herren-Mannschaft des SC Vier- und Marschlande weiß, was sich gehört. Das dokumentiert ein großes Banner, das am Zaun direkt neben dem Platz hängt. „Vielen Dank! Ohne Euch – Kein Wir“ steht in roter Schrift auf schwarzem Grund geschrieben. Es ist ein letzter Gruß an die treuen Helfer und Fans, die die Mannschaft durch eine weitere Saison in der Bezirksliga Hamburg Süd begleitet haben. 28 Spiele, 34 Punkte, Platz elf. Jetzt ist Sommerpause. Erst in einigen Wochen wird auf dem Kunstrasenplatz am Zollenspieker wieder trainiert. Einer ist trotzdem fast täglich da, dreht seine Runden über die Anlage, sieht nach dem Rechten: Siegfried Niemand.
Sonnenbrille, rotes Vereinsshirt, graue Haare und Bart – den 61-Jährigen als Institution des SC Vier- und Marschlande zu bezeichnen, ist beinahe noch untertrieben, so viel hat er mit dem Club als Fußball-Obmann erlebt. 30 Jahre, zahlreiche Trainer, Aufstiege, Abstiege – und eben „diese beiden Jungs“, wie er sagt, die den goldenen Jahrgang, das beste SCVM-Jugendteam aller Zeiten geprägt haben. „In der C-Jugend ging das los“, blickt Niemand zurück. Er hat sich auf der Anlage einen Platz im Schatten gesucht, zum Schutz vor der Sonne, die um die Mittagszeit gnadenlos vom Himmel brennt. Nahe des großen Gasgrills, auf dem sich an Spieltagen die Würstchen drehen, erzählt er die Geschichte von Martin und Max, die längst auch seine Geschichte geworden ist. Nur hin und wieder unterbricht er sich selbst, um sich einen Zigarillo anzuzünden.
2003 war es, da standen Harnik und Kruse das erste Mal gemeinsam auf dem Platz. Der eine, Harnik, spielte bereits seit der F-Jugend im Verein, wuchs nur zwei Kilometer vom Zollenspieker entfernt auf. Sein Elternhaus steht immer noch dort. Der andere, Kruse, kam als C-Jugendlicher vom TSV Reinbek zum SCVM. Die Chance, Leistungsklasse spielen zu können, hatte ihn gereizt. „Max war eine Art Zuarbeiter, und Martin hat die Dinger reingemacht“, erklärt Niemand das Erfolgsrezept, das Vier- und Marschlande bis in die A-Jugend-Regionalliga tragen sollte. Neben dem HSV und St. Pauli hatte sich das Team zur besten Jugendadresse der Stadt entwickelt. Weil es sportlich stetig bergauf ging, wollten Harnik und Kruse lange nicht weg.
„Wir haben ja immer auf dem höchstmöglichen Level gespielt“, betont Niemand, „und einen guten Trainer hatten die Jungs auch.“ Thorsten Beyer trainiert heute den Eimsbütteler TV und hat kürzlich nur knapp den Aufstieg in die Landesliga verpasst. Harnik und Kruse nennt er „das Herz und das Hirn“ seiner ehemaligen Jugendmannschaft. „Sie waren sehr willensstark und sind lange geblieben, obwohl sie von vielen kritisiert wurden, dass sie so lange in einem kleinen Verein spielen.“ Genau das hat dem Duo laut Niemand aber so gut getan. „Bei uns konnten sie sich in aller Ruhe entwickeln.“
Kruse und Harnik wechseln im Doppelpack zu Werder
In der Tat geht es am Zollenspieker, direkt hinterm Elbdeich, sehr beschaulich zu. Viele Häuser tragen hier Reetdach, Störche sind rund um den Platz keine Besonderheit, und die kleine Polizeiwache, untergebracht in einem ehemaligen Wohnhaus mit roten Backsteinen, das direkt an die Anlage grenzt, würde auch für jeden Heimatfilm eine tolle Kulisse abgeben. Einzig die knallroten Wohncontainer der großen Flüchtlingsunterkunft verraten, dass das Zeitgeschehen auch am Zollenspieker nicht vorbeigeht.
Mehrmals in der Woche bietet der SCVM Training für Flüchtlinge an. „Das funktioniert richtig gut“, sagt Thomas Niese, der Geschäftsführer des Vereins, der sich inzwischen zu Niemand auf die Anlage gesellt hat. „Ja, und irgendwann kam das mit Werder“, erinnert sich der Obmann und meint das Jahr 2006, als Harnik und Kruse im Doppelpack nach Bremen wechselten.
Mit der A-Jugend des SCVM hatten sie gerade die Hinrunde in der Regionalliga hinter sich. „Werders Anbahnungsphase verlief sehr professionell. Wir haben uns als kleiner Verein ernst genommen gefühlt“, sagt Trainer Beyer, dessen Team damals in der Rückrunde auch ohne Harnik und Kruse den Aufstieg in die Bundesliga schaffte.
Der SCVM durfte sich zudem über eine satte Ausbildungsentschädigung freuen. „Von Werder gab es 15.000 Euro, und später nochmal Geld von der DFL, als beide ihre Profiverträge unterschrieben hatten“, berichtet Niemand. Insgesamt 50.000 Euro seien so zusammengekommen. Geld, von dem der Club einen kleinen Trainingsplatz anlegen ließ. Ein Hinweisschild mit den Namen der beiden, die den Platz erst möglich gemacht haben, gibt es jedoch nicht.
Harnik-Brüdervereinigung beim SC Vier- und Marschlande?
Das hat sicher auch damit zu tun, dass sie beim SC Vier- und Marschlande angenehm nüchtern mit ihrer Rolle in den Karrieren von Harnik und Kruse umgehen. Wenn Niemands „Jungs“ am Zollenspieker vorbeischauen, freut er sich. Tun sie es nicht, nimmt er es ihnen nicht übel. „Aber sie sind immer mal wieder da“, betont er. Harnik übernahm etwa die Rolle des Schirmherren bei der Einweihung der neuen Flutlichtanlage. Ein feierlicher Akt, bei dem Niemand dann doch einen Wunsch an den Bundesliga-Profi äußerte. „Ich habe ihm gesagt, dass er nach seinem Karriereende doch bitte als Spielertrainer der ersten Herren zu uns zurückkommt“, sagt der Obmann. „Mal abwarten.“
Einen würde das besonders freuen: Martins älteren Bruder Jan, der in der vierten Herren des Vereins spielt. „Es ist sein großer Traum, einmal mit Martin zusammenzuspielen, und wenn es nur für ein Spiel ist“, weiß Niemand. Im Sommer rückt Jan Harnik in die dritte Herren vom Zollenspieker auf. Ein erster Schritt zur Brüder-Vereinigung wäre also gemacht.
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