Rehhagel wird 80 – ein Rückblick der Werder-Ikone
Ottos Weg auf den Olymp: Vom Roland zum Zeus
Bremen - Von Hans-Günter Klemm. Sein Leben bietet Stoff für ein antikes Stück. Otto Rehhagel, wie so oft in seinem bewegten Dasein hier auf Erden, in der Hauptrolle. Als Held in dieser buchstäblich griechischen Tragödie: erst ein phänomenaler Aufstieg, dann ein ebenso rasanter wie jäher Absturz.
Am Ende eine selbst herbeigeführte Katastrophe, von dem Protagonisten, der das Schicksal in einer beispiellosen Überhöhung seiner Person herausgefordert hat. Rehhagel wird am Donnerstag 80. Es ist nicht bekannt, ob es eine große Sause geben wird. Vermutlich feiert der Mann, der sich einst als „Kind der Bundesliga“ einstufte, in seinem Haus in Essen-Altenessen diesen Ehrentag in aller Stille.
Es ist der Geburtstag eines der größten und erfolgreichsten Trainer, die die höchste deutsche Spielklasse hervorgebracht hat. Bei allen Verstrickungen, die die Laufbahn des immer noch rüstigen Jubilars begleitet haben: Otto gewann Titel, feierte Triumphe, sorgte für unvergessene Momente und lieferte historische Augenblicke, die wahrlich als Sensationen in die Fußball-Historie eingegangen sind.
Rehhagel gelang auch im Ausland der geniale Coup
Einer, der ihm ganz bestimmt besonders herzlich gratulieren wird, ist ein langjähriger Freund aus dem Bereich der schönen Künste. Jürgen Flimm, der populäre Theatermann, bundesweit geachteter Schauspieler, Regisseur und Intendant, gegenwärtig als Impressario an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin engagiert. Wegbegleiter Flimm kleidete das Lebenswerk des Otto R. mal in diese poetischen Worte: „Mitten aus dem Pott kommend, hat er es bis zur Akropolis geschafft.“
Eine treffende Beschreibung einer wechselhaften Laufbahn, pointiert formuliert in einem Satz, anspielend auf die Pointe in der Vita des geschätzten Kumpels. Als Magier in Deutschland schon geadelt, gelang Rehhagel auch im Ausland der geniale Coup: der Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland 2004, ein Erfolg mit dem krassen Außenseiter. Ein Meisterwerk des „Fußball-Extremisten“, wie die „FAZ“ den Coach taufte. Entsprechend kommentiert vom Macher. „Die Griechen haben die Demokratie erfunden“, sagte Rehhagel. „Ich habe die demokratische Diktatur eingeführt. Früher hat jeder gemacht, was er will. Jetzt macht jeder, was er kann.“
Werders Bundesliga-Trainer




Es ist die Arbeitsweise, der er sich immer befleißigt hat: Otto hat das Sagen. Alles hört auf sein Kommando. Er kann schalten und walten, wie er möchte. So hielt er es schon in Bremen und in Kaiserslautern. Und er hatte Erfolg. Bewährtes Motto: Lass Rehhagel mal machen – und du feierst Erfolge! Das Beispiel Griechenland steht für sich. Die Hellenen ehrten den damals mit 65 Jahren ältesten Trainer eines EM-Siegers, ernannten ihn zum Ehrenbürger Athens, huldigten ihm wie Zeus, dem Göttervater. „Dort hat er sich ein Denkmal gesetzt“, würdigt Willi Lemke, der langjährige Weggefährte von der Weser.
In Griechenland erklomm Rehhagel buchstäblich den Olymp. In Bremen, wo der Erfolgsweg des Zampanos zwei Jahrzehnte zuvor losgegangen war, hatte er sich schon zu „König Otto“ gekrönt. 3. Mai 1988. 1:0 für Werder in Frankfurt. Drei Runden vor Schluss köpft Kalle Riedle die Bremer zur Meisterschaft. Der ersehnte Titel für die Norddeutschen, mehr noch für Rehhagel. „Ich könnte auch ohne Titel leben“, hat dieser mal behauptet. Doch dem Mann, der 1980 mit Fortuna Düsseldorf den DFB-Pokal gewonnen hat und der lange Zeit unter der Chiffre „Otto Notnagel“ als Feuerwehrmann in der Trainergilde firmierte, glaubte dies niemand.
König Otto holte Talente wie Völler, Rufer und Co.
Im Dauerduell mit dem Münchner Meistermacher Udo Lattek, seinem Intimfeind, war er stets leer ausgegangen und somit gedemütigt worden. Nun endlich der Triumph, der Tag der Krönung. Bei der Siegesfeier setzten sie ihm eine Krone aus Pappmaschee auf: „Otto I.“, König von Bremen. Wie ein Monarch amtierte er wahrlich an der Weser. „Der Staat bin ich“ – die Maxime absolutistischer Herrscher wurde zur Richtlinie. Übersetzt in Rehhagels einfacher Diktion: „Jeder kann sagen, was ich will.“
Mit dieser Machtfülle ausgestattet, mit seiner Kompetenz und seiner klugen Personalpolitik hielt Rehhagel trotz immens schlechterer monetärer Startbedingungen die Bremer auf Augenhöhe mit dem Branchenprimus aus dem Süden der Republik. Otto holte Talente wie Völler und Riedle, Bratseth und Rufer, förderte Eigengewächse wie Meier und Neubarth, Eilts und Bode, vertraute Routiniers wie Kostedde und Burgsmüller, Votava oder Allofs. So formte er ein Team, fand die richtige Ansprache an die Elf, mitunter unterlegt mit Zitaten der Dichterfürsten Goethe und Schiller. Oft belächelt, reüssierte er mit dieser Art der Menschenführung nach der Methode der langen Leine.
Otto schuf vor allem eine leistungsfördernde Wagenburg-Mentalität. Keine öffentliche Kritik von ihm. Kritik von außen konterte der Autokrat, der Journalisten mit Skepsis begegnete und ein kompliziertes Verhältnis zu den Medien pflegte, mit seiner Denkweise: „Wer Erster ist, hat immer recht. Ich bin Erster, habe also Recht.“ Ende des Dialogs. Es folgte allein dieses Zugeständnis: „Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden.“
In der glorreichen Otto-Ära blühten die Grün-Weißen auf. Kontrollierte Offensive als Erfolgsrezept, Fußball mit Intuition und Inspiration, überraschende Schachzüge und Personalrochaden von Rehhagel, dem Hexenmeister auf der Bank. Formidable Europacup-Abende, als „Wunder von der Weser“ in die Chronik eingegangen. Und dann das Premium-Produkt aus dem „Otto-Katalog“, diesem Hochglanzprospekt. In Lissabon glückte 1992 der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. 2:0 gegen Monaco, 2:0 für Rehhagel gegen Arsene Wenger. Der Bergmannssohn aus Essen, der gelernte Anstreicher, der im Fußball seinen Weg machte, am Ziel seiner Träume.
Aufstieg mit den Roten Teufeln
Andere Träume ließen sich nicht realisieren. „Der Mann, der gleich nach dem Kaiser kommt“, so die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, wagte das Abenteuer, den Sprung nach Bayern, zum „FC Hollywood“. Und er scheiterte auf der ganzen Linie. Der Alleinherrscher im Bremer Reich rutschte auf dem glatten Parkett des Münchner Hofstaats mit Potentaten wie Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß aus. Ein Bruch in der Erfolgsgeschichte des passionierten Kaffeetrinkers und Asketen.
Rehhagel radierte die Schmach am Lauterer Betzenberg aus. In der Pfalz durfte er wieder nach seinem Gusto regieren, anders als in Bayern. Das Resultat: Aufstieg mit den Roten Teufeln, gefolgt vom sagenhaften Kunststück: 1998 Meister mit den Neuling, einmalig in der Liga.
Otto Rehhagel, der gefallene Held
Der „komische Kauz“ („Die Welt“) hatte es allen gezeigt, wie auch beim folgenden Engagement als Nationaltrainer der Griechen. Es hätte der glorreiche Schlusspunkt sein können. Doch Otto wollte mehr, strebte eine nostalgische Pointe an. Bei der Berliner Hertha hatte alles begonnen. Als rustikaler Verteidiger startete er bei Gründung der Bundesliga sein abenteuerliches Leben. 2012 heuerte Otto, dem glaubhaft das Zitat „Mit 50 bist du als Trainer reif für die Klapsmühle“ zugeschrieben wird, im geradezu biblischen Alter von 73 Jahren bei der betagten Fußball-Dame aus der Hauptstadt an.
Hertha befand sich in Abstiegsgefahr, Rehhagel wollte helfen, sich als Retter inszenieren. Es wurde ein Desaster, ein Abstieg im doppelten Sinne: der tiefe Fall eines Clubs und eines Trainers. Ein tragischer Abschied des Erfolgsmenschen Rehhagel von der großen Bühne, die ihm die Welt bedeutet. Otto, der gefallene Held.
