Werder in der Taktik-Analyse
Werner greift nicht ein: Werders Demontage gegen Freiburg in der Taktik-Analyse
Beim SC Freiburg läuft für Werder Bremen alles schief, was nur schieflaufen kann. Aus taktischer Sicht gibt das 0:5 (0:2) kaum das Spielgeschehen wieder. Warum Trainer Ole Werner dennoch Fehler begangen hat und wieso seine Wechsel zu spät kamen, analysiert unser Taktikkolumnist Tobias Escher.
Freiburg – Möchte man das Spiel zwischen dem SC Freiburg gegen den SV Werder Bremen (0:5) in einer Szene beschreiben, sollte man eine unbedeutende Situation aus der zweiten Halbzeit wählen. Vincenzo Grifo setzte direkt vor dem eigenen Strafraum zu einem Querpass an. Es war eine Wahnsinnstat, schließlich standen mehrere Bremer Angreifer bereit, diesen Pass abzufangen. Sie stürzten nach vorne, der Ball flipperte von Bein zu Bein, doch am Ende konnte Freiburg ohne große Probleme klären.
Egal, wie riskant die Idee war: Dem SC Freiburg gelang am Freitagabend alles. Für Werder Bremen lief hingegen alles schief, was nur schieflaufen konnte. So hätte die Bremer 0:5-Niederlage der Expected-Goals-Statistik zufolge genauso gut eine 1:3-Niederlage sein können. Dennoch muss sich Werder nach dem Spiel Fragen gefallen lassen, vor allem nach dem weiterhin fehlenden Plan B.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Vier Änderungen in der Startelf des SV Werder
Nach der 1:3-Niederlage gegen Hoffenheim veränderte Ole Werner seine Startelf auf vier Positionen. Vor allem im Angriff baute der Coach des SV Werder Bremen auf neue Kräfte: Justin Njinmah und André Silva bildeten den Doppelsturm. Romano Schmid ließ sich dahinter ins Mittelfeld fallen. Es entstand ein 5-3-2-System.
Freiburgs Trainer Julian Schuster sah keine Veranlassung, sein Personal zu wechseln. Sein Team blieb zuletzt dreimal in Folge ohne Gegentor. Auch gegen Bremen stellte der SC Freiburg die defensive Stabilität in den Vordergrund. Sie überließen Werder den Ballbesitz und konzentrierten sich auf eine kompakte Verteidigung.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Freiburg setzt auf stabile Defensive
Julian Schuster hatte sich dabei einen Matchplan zurechtgelegt, um die Offensive des SV Werder Bremen lahmzulegen. Offensiv spielte der SC Freiburg in einem 4-2-3-1-System mit Ritsu Doan als rechtem Außenstürmer. Defensiv ließ sich Doan jedoch weit fallen. Er verfolgte Derrick Köhn und wurde dabei zum fünften Verteidiger.
Auf der anderen Seite schob Vincenzo Grifo weit nach vorne. Er setzte Amos Pieper unter Druck. Der SC Freiburg wollte den Aufbau auf die linke Seite des SV Werder Bremen lenken und dort mithilfe von Doan die Bremer Angriffe kompakt verteidigen. Dieser Plan ging auf: Werder konnte den Ball zwar immer wieder auf die Flügel spielen. Von dort kamen sie jedoch selten zurück ins Zentrum.
Der SC Freiburg war dabei darauf bedacht, Romano Schmid aus dem Spiel zu nehmen. Doan, Linksverteidiger Kiliann Sildillia und Ex-Bremer Maximilian Eggestein bildeten ein Dreieck um Schmid. Sobald dieser an den Ball kam, stürzten sich mehrere Freiburger auf ihn. Schmid konnte den Ball unter hohem Druck meist nur zurück zu den Verteidigern des SV Werder Bremen spielen.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Beide Teams neutralisieren sich
Freiburg hatte Werder Bremen defensiv im Griff. Offensiv jedoch kamen sie aus dem Spielaufbau selten nach vorne, denn auch Werder hatte sich einen Defensivplan zurechtgelegt. Die Bremer agierten gewohnt mannorientiert. Gerade im Mittelfeld störten sie ihre Gegner aggressiv. Mitchell Weiser rückte immer wieder heraus, um Vinzenco Grifo zu attackieren. Grifo ist der entscheidende Aufbauspieler der Freiburger. Da er nicht ins Spiel fand, kam auch Freiburg selten vor das Tor.
So neutralisierten sich beide Teams im Verlauf der ersten Halbzeit. Auf beiden Seiten gab es exakt zwei Angriffe, die mit einer Torchance endeten. Doch während der SC Freiburg über zwei Standards in Führung ging, versemmelte Werder Bremen selbst beste Chancen. So vergab Silva eine Großchance (18.) und verschoss einen Handelfmeter (39.). Das war für Werder umso bitterer, als dass sie zur Halbzeitpause bei den Expected Goals klar vorne lagen.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Ideenlosigkeit im Bremer Offensivspiel
In der zweiten Halbzeit verdüsterte sich das Spiel aus Bremer Sicht zusehends. Der SC Freiburg überließ den Grün-Weißen noch stärker den Ball. Die Bremer Spielanteile lagen bei über 60 Prozent. Werder Bremen hatte jedoch keine zündende Idee, wie das defensive 5-3-2-System der Gastgeber geknackt werden sollte.
Werders offensive Harmlosigkeit folgt einem traurigen Trend: Auch Hoffenheim (1:3) und Augsburg (0:2) hatten sich die Gegner des SV Werder Bremen einen defensiven Matchplan zurechtgelegt. Den Bremern fehlt ein Plan B, wie sie gegen defensiv gut eingestellte Gegner zu Chancen kommen wollen.
Die Bremer Ideenlosigkeit lässt sich an der hohen Frequenz an Flanken ablesen. In der Hinrunde schlug Werder Bremen noch 18 Flanken pro Spiel. In der Rückrunde sind es 24 pro Partie, wobei das Spiel gegen Bayern (drei Flanken) die Statistik herunterzieht. Werder hat aber keinen Zielspieler für die hohen Hereingaben, zumal mit Jens Stage der torgefährlichste Mittelfeldspieler erst in der 61. Minute eingewechselt wurde. Es sind meist Verzweiflungstaten ohne Wert.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Ole Werner greift kaum von außen ein
Coach Ole Werner ist zudem nicht dafür bekannt, über Systemumstellungen oder taktische Wechsel die Spieldynamik zu verändern. Auch gegen den SC Freiburg hielt er lange an seiner Startelf fest. Erst nach dem 0:3 (57.) wechselte er dreifach (61.). Selbst diese Wechsel brachten aber keine Änderung der Systematik. So konnte sich Freiburg ganz auf die funktionierende Defensive konzentrieren. Die Offensive des SV Werder Bremen stellte ihnen zu keiner Zeit eine neue Aufgabe.
Nach und nach brach auch noch die Defensive der Gäste zusammen. Vor dem 0:3 stellte Werder Bremen das Pressing ein und verpasste es zugleich, sich für einen langen Ball zu wappnen. Den Toren vier und fünf gingen Schnellangriffe des SC Freiburg voraus. Werder stellte die Rückwärtsbewegung nahezu ein.
So steht am Ende ein 0:5, obwohl sich der SC Freiburg und Werder Bremen lange Zeit taktisch neutralisierten. Sicher: Geht Freiburg nicht mithilfe eines Fallrückziehers und eines Sonntagsschusses 2:0 in Führung, verläuft die Partie anders. Dass Werder am Ende keine Idee hatte, wie sie diese Partie noch drehen können, ist aber symptomatisch für die allgemeine Lage. Immer mehr Gegner finden Antworten auf Ole Werners Plan A. Ein Plan B scheint indes nicht zu existieren.
