Vor dem Spiel gegen Hertha BSC

Gebre Selassie im Interview: „Ich kann nicht perfekt sein“

Theodor Gebre Selassie
+
Theodor Gebre Selassie lässt sich von Fehlern nicht mehr runterziehen.

Bremen - Werder-Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie spricht im Interview mit der DeichStube über seinen Wandel, die tschechische Nationalelf und den Torjubel seines Sohnes.

Als Theodor Gebre Selassie zu Werder kam, da war Klaus Allofs noch Sportchef und Thomas Schaaf der Trainer. Das Erfolgsduo von einst ist längst weg, der Tscheche verteidigt immer noch auf der rechten Seite, aber anders. Der 31-Jährige lässt sich von Fehlern nicht mehr so runterziehen und den Druck nicht mehr so nah an sich heran.

Geholfen hat dabei auch die Familie, Gebre Selassie ist inzwischen Vater von zwei Söhnen. Vor dem so wichtigen Heimspiel am Samstagabend gegen Hertha BSC (18.30 Uhr) verrät der Abwehrspieler im Interview mit der DeichStube auch, warum er nun doch nicht aus dem Nationalteam zurücktreten möchte.

Herr Gebre Selassie, Samstagabend, Weserstadion, Sie haben Ihr Einlaufkind an der Hand und betreten den Rasen – woran denken Sie in diesem Moment?

Theodor Gebre Selassie: Wie geil mein Job ist, dass ich in so einer Atmosphäre arbeiten darf. Das ist das beste Gefühl als Profi, denn beim Spiel ist man ja total konzentriert und bekommt das nicht so mit. Ich denke, nach meiner Karriere werde ich dieses Gefühl am meisten vermissen.

Denken Sie beim Einlaufen und während des Spiels an die Tabelle, in der Werder nicht so gut dasteht?

Gebre Selassie: Nein! Natürlich weiß ich, wo wir stehen. Aber ab dem Warmmachen sind alle Gedanken weg, dann fokussiere ich mich voll auf das Spiel. Für alles andere ist da wirklich keine Zeit.

Liegt es auch daran, weil der neue Coach Florian Kohfeldt noch höhere Anforderungen an die Spieler stellt?

Gebre Selassie: Wir haben uns in den letzten Monaten wirklich extrem weiterentwickelt, was die taktischen Dinge betrifft. Wir vertrauen jetzt unserer Qualität, dass wir jedes Spiel gewinnen können. Das haben wir auch in München gezeigt. Leider lief es dort defensiv nicht optimal, da waren wir nicht immer konzentriert genug. Spielerisch war das schon gut. Aber natürlich hilft uns das nur, wenn auch die Ergebnisse stimmen.

Florian Kohfeldt hat gefordert, dass die Mannschaft jetzt zupacken, also punkten muss.

Gebre Selassie: Das ist doch klar. Auch wenn ich es eigentlich nicht mag, wenn gesagt wird: Jetzt müsst ihr aber, also jetzt müsst ihr aber wirklich. Wir versuchen doch, in jedem Spiel unser Bestes zu geben und zu gewinnen. Aber der Gegner will das auch. So ist der Sport. Und wer einen Fehler mehr macht, der verliert wahrscheinlich.

Theodor Gebre Selassie erzielte das umjubelte 1:1 gegen die TSG 1899 Hoffenheim - sein zweites Saisontor.

Erhöht das Gerede vom Gewinnenmüssen nur unnötig den Druck?

Gebre Selassie: Vielleicht. Ich bin keine 23 Jahre mehr alt und weiß inzwischen, dass es noch wichtigere Sachen im Leben gibt als Fußball. Es ist doch so: Wenn mal etwas Schlimmes in der Welt passiert, dann wird schon gesagt, dass der Fußball nicht so wichtig ist. Nur leider wird es genauso schnell wieder vergessen. Deshalb finde ich: Man sollte sich allein mit Fußball nicht zu viel Druck machen. Das bringt nichts. Fußball ist ein Spiel. Ich gebe immer alles, mehr geht sowieso nicht.

Die Bremer leiden halt sehr mit Ihrem SV Werder.

Gebre Selassie: Das weiß ich doch, das verstehe ich inzwischen auch. Aus Tschechien kannte ich das nicht, da ist die Verbindung der Fans zum Club nicht so emotional.

Mussten Sie lernen, mit dieser hohen Erwartungshaltung klar zu kommen?

Gebre Selassie: Auf jeden Fall. Mein erstes Jahr hier war das schwierigste, was ich bis dahin erlebt hatte. Bremen lebt mit Werder. Egal, wo man sich bewegt, alle wollen mit dir über Fußball reden und fragen dich, warum es nicht so gut läuft. Das ist nicht so einfach. Mittlerweile kann ich damit gut leben. Vor ein paar Jahren war ich nach einem schlechten Spiel drei Tage lang mies drauf, jetzt ist es nur ein Tag. Denn ich weiß: Es ist nur Fußball und nächste Woche kommt das nächste Spiel. Außerdem habe ich immer meine Kinder vor Augen, da muss ich durch Fußball keine Depressionen bekommen. Und besser spielen würde ich dadurch ohnehin nicht.

Sie wirken auch auf dem Platz nicht mehr so verbissen. Wie haben Sie das geschafft?

Gebre Selassie: Daran habe ich tatsächlich gearbeitet. Das Alter und meine Kinder haben sicherlich auch geholfen. Ich habe mich früher wirklich mit jedem schlechten Pass länger beschäftigt. Heute bin ich dann zwar auch noch sauer, aber nicht mehr so lange. Ich musste ehrlicher zu mir sein und feststellen: Ich kann nicht perfekt sein, keiner ist perfekt.

Aber Berlin ist schon ein ziemlich perfekter Gegner für Werder – seit 2006 gab es keine Heimniederlage mehr gegen die Hertha. Ein gutes Omen?

Gebre Selassie: Immer diese Statistiken (lacht). Eigentlich will ich so etwas gar nicht wissen, weil jede Serie irgendwann reißt. Auf das Spiel hat das alles sowieso keinen Einfluss.

Ihr Landsmann Vladimir Darida hat bei der Hertha gerade seinen Stammplatz verloren. Haben Sie Kontakt zu ihm?

Gebre Selassie: Ab und zu. Zum Glück hat er seine Knieprobleme überwunden. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es in der Bundesliga ist, seinen Platz zu behalten. Vor einem Jahr hätte sich niemand vorstellen können, dass er mal seinen Stammplatz verliert. Und dann kommt eine Verletzung und alles ist anders.

Theodor Gebre Selassie kann mit dem Druck im Fußball heute besser umgehen als früher als junger Spieler.

Auch Sie saßen in München überraschend auf der Bank. Wie schwierig war das?

Gebre Selassie: Der Trainer hat vor dem Spiel mit mir darüber gesprochen, das finde ich gut. Er ist der Chef, er entscheidet das. Er ist für die Ergebnisse verantwortlich. Das muss man akzeptieren und darf nicht sauer sein, sondern muss wieder Gas geben.

Kohfeldt hat auch gesagt, dass es ein ganz enger Zweikampf zwischen Ihnen und Robert Bauer ist. Stacheln Sie sich da gerade mit Ihrem Konkurrenten zu noch besseren Leistungen an?

Gebre Selassie: Das weiß ich nicht. Mein größter Konkurrent bin ich sowieso selbst, ich will immer noch besser sein als vorher. Eigentlich brauche ich daher gar keinen Konkurrenten (lacht).

Sie haben wegen der Familie über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nachgedacht. Haben Sie sich schon entschieden?

Gebre Selassie: Also mit jetzt zwei Kindern zu Hause ist es echt anstrengend (lacht). Aber natürlich auch superschön. Ich denke, ich mache in der Nationalmannschaft weiter. Ich bin einfach stolz, für Tschechien spielen zu dürfen. Ich hatte letzte Woche noch Kontakt zum Verband. Wenn ich eingeladen werde, dann fahre ich natürlich hin. Aber die Familie darf darunter nicht zu sehr leiden.

Ihr jüngster Sohn ist erst drei Monate alt – war er schon im Stadion?

Gebre Selassie: Ja, gegen Hoffenheim war zum ersten Mal die ganze Familie da.

Echte Glücksbringer, der Papa hat schließlich getroffen.

Gebre Selassie: Das stimmt, aber die Mama war ganz schön gestresst. Die beiden Kleinen waren ziemlich aktiv (lacht).

Haben sie Ihr Tor verpasst?

Gebre Selassie: Nein, nein – der Dreijährige hat das schon mitbekommen. Der ist fußballverrückt. Er hat sich über mein Tor mehr gefreut als ich. Das ist wirklich sehr, sehr schön.

Und was ist das Schönste nach dem Schlusspfiff, worauf freuen Sie sich dann am meisten?

Gebre Selassie: Auf etwas Ruhe nach dem ganzen Trubel. Aber wenn ich nach Hause komme, muss ich sofort wieder mit meinem Sohn Fußball spielen. Dann stelle ich mich allerdings nur ins Tor (lacht).

Theodor Gebre Selassie: Seine Karriere in Bildern

Leistungsträger und Publikums-Liebling: Theodor Gebre Selassie spielt für den SV Werder Bremen.
Leistungsträger und Publikums-Liebling: Theodor Gebre Selassie spielt für den SV Werder Bremen. © imago
Der Tscheche wechselte 2012 von Slovan Liberec an die Weser.
Der Tscheche wechselte 2012 von Slovan Liberec an die Weser. © gumzmedia
Zuvor hatte der Rechtsverteidiger unter anderem bei Slavia Prag und dem FC Vysocina gespielt.
Zuvor hatte der Rechtsverteidiger unter anderem bei Slavia Prag und dem FC Vysocina gespielt. © imago
In seiner ersten Bundesliga-Saison kam er zu 27 Einsätzen. Gleich am ersten Spieltag erzielte er sogar sein erstes Tor für Werder - bei der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund.
In seiner ersten Bundesliga-Saison kam er zu 27 Einsätzen. Gleich am ersten Spieltag erzielte er sogar sein erstes Tor für Werder - bei der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund. © imago
Der tschechische Nationalspieler ist seit dem ersten Tag als Rechtsverteidiger gesetzt.
Der tschechische Nationalspieler ist seit dem ersten Tag als Rechtsverteidiger gesetzt. © gumzmedia
Gebre Selassie hier im Duell gegen Fabian Johnson und Borussia Mönchengladbach.
Gebre Selassie hier im Duell gegen Fabian Johnson und Borussia Mönchengladbach. © gumzmedia
Theodor Gebre Selassie
In der Saison 2016/17 schoss der tschechische Nationalspieler in 30 Spielen fünf Tore für die Grün-Weißen. Zwei Treffer bereitete er vor. © gumzmedia
Im Sommer-Trainingslager 2017 im Zillertal verlängerte Gebre Selassie seinen Vertrag bei Werder.
Im Sommer-Trainingslager 2017 im Zillertal verlängerte Gebre Selassie seinen Vertrag bei Werder. © gumzmedia
Er blieb in der Saison 2017/18 Stammspieler, fehlte in den ersten zehn Ligaspielen nur einmal wegen eines Infekts.
Er blieb in der Saison 2017/18 Stammspieler, fehlte in den ersten zehn Ligaspielen nur einmal wegen eines Infekts. © gumzmedia
Seit 2011 spielt Gebre Selassie auch für die tschechische Nationalmannschaft und gehört dort zum Stammpersonal. 2012 und 2016 nahm er für sein Land an der Europameisterschaft teil.
Seit 2011 spielt Gebre Selassie auch für die tschechische Nationalmannschaft und gehört dort zum Stammpersonal. 2012 und 2016 nahm er für sein Land an der Europameisterschaft teil. © imago
Gebre Selassie konnte im Verlauf der Saison 2017/18 seinen Platz in der Startelf gegen Robert Bauer verteidigen.
Gebre Selassie konnte im Verlauf der Saison 2017/18 seinen Platz in der Startelf gegen Robert Bauer verteidigen. © gumzmedia
Auch in der Saison 18/19 ist Gebre Selassie absoluter Stammspieler und verpasste in der Hinrunde keine einzige Spielminute: hier trifft er zum 1:1 gegen Hoffenheim.
Auch in der Saison 18/19 ist Gebre Selassie absoluter Stammspieler und verpasste in der Hinrunde keine einzige Spielminute: hier trifft er zum 1:1 gegen Hoffenheim. © imago
Am 22. Februar 2019 bestritt Gebre Selassie gegen den VfB Stuttgart sein 200. Bundesliga-Spiel für Werder Bremen. „Er ist mittlerweile ein echter Werderaner“, lobte Trainer Florian Kohfeldt.
Am 22. Februar 2019 bestritt Gebre Selassie gegen den VfB Stuttgart sein 200. Bundesliga-Spiel für Werder Bremen. „Er ist mittlerweile ein echter Werderaner“, lobte Trainer Florian Kohfeldt. © gumzmedia

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Eindrücke vom Kräutertag in Horstedt

Eindrücke vom Kräutertag in Horstedt

Bassum Open Air: Lokalredakteur backstage bei Florian Künstler

Bassum Open Air: Lokalredakteur backstage bei Florian Künstler

Frech und pfiffig: Diese Pferderassen haben es faustdick hinter den Ohren

Frech und pfiffig: Diese Pferderassen haben es faustdick hinter den Ohren

Kanufahren, Demokratieworkshop und sportliche Wettkämpfe

Kanufahren, Demokratieworkshop und sportliche Wettkämpfe

Kommentare