Gutes Gefühl als „Weihnachtstrainer“
Kohfeldt im Interview: „Ein Spiel muss Spaß machen“
Bremen - Florian Kohfeldt fühlt sich gut als „Weihnachtstrainer“, eine öffentliche Person ist er dagegen nicht so gerne. Ein Interview mit dem neuen Cheftrainer von Werder Bremen.
Es ist eine kleine Runde, die sich zum Frühstück trifft. Werder-Trainer Florian Kohfeldt, drei Journalisten, drei Vertreter der Medienabteilung des Clubs. Es gibt belegte Brötchen, Kaffee, Käse, Krabbensalat. Und einen Gesprächspartner, der sich – auch gestärkt durch das überraschend deutliche 4:0 über Hannover 96 am Sonntag – sehr selbstbewusst, aber auch sehr geerdet präsentiert. Kohfeldt spricht von seinem großen Trainer-Traum, von seiner Vorfreude auf eine Zusammenarbeit mit Thomas Schaaf und davon, was ihm neben Punkten im Fußball am wichtigsten ist. „Ein Spiel muss Spaß machen“, sagt er.
Sportchef Frank Baumann hat sich öffentlich für Thomas Schaaf als Technischen Direktor bei Werder stark gemacht. Zucken Sie da als frisch ins Amt gehobener Chefcoach zusammen, wenn eine Trainerlegende wieder im Verein installiert werden soll?
Florian Kohfeldt: Nein. Ich würde es als Gewinn sehen, wenn ein Experte wie Thomas Schaaf wieder für Werder Bremen arbeitet – auch für mich persönlich. Ich habe da keine Sorgen, sondern würde mich sehr freuen.
Zu Schaafs Aufgaben würde es gehören, jungen Trainern als Mentor zur Seite zu stehen. Würden Sie das Angebot nutzen?
Kohfeldt: Er wäre jemand mit einem sehr großen Fachwissen, der einen Blick von außen auf die Mannschaft und die Abläufe hat und mit dem ich mich in einem inneren Kreis austauschen könnte, ohne dass etwas davon nach außen dringt. Ich würde ihn als angenehmen Austauschpartner sehen.
2001 sind Sie als 19 Jahre alter Torwart zu Werder Bremen gestoßen, haben für die dritte Mannschaft gespielt. Damals war Schaaf der Bundesliga-Chefcoach, es begann die große Bremer Zeit.
Kohfeldt: Und ich habe als Zuschauer sehr bewundert, wie er die Mannschaft hat spielen lassen. Es war eine Art von Fußball, die sich von allem anderen abgehoben hat. Thomas Schaaf hat es geschafft, dass jeder Spieler auf dem Platz wusste, was er zu tun hatte, und trotzdem war das Spiel nicht statisch. Die Spieler waren frei, hatten Spaß am Fußball. Das ist mir auch ganz wichtig: Bei allem Druck und bei allem Drumherum bleibt Fußball immer noch ein Spiel. Und ein Spiel muss Spaß machen. Ich hoffe, dass ich das vermitteln kann.
Über das 4:0 am Sonntag gegen Hannover 96 lässt sich sagen, dass die Fans dabei einen Riesenspaß hatten – Sie doch auch, oder?
Kohfeldt: Ein Club wie Werder Bremen muss sich auch über seinen Fußball definieren. Die Zuschauer sollen wissen, dass das Spiel ihrer Mannschaft einen gewissen Stil hat – der funktioniert mal, der ist jedoch auch risikobehaftet. Aber man weiß, für welche Art Fußball Werder Bremen steht. Das sollte auch Trainer überdauern und einfach Club-Philosophie sein. Das Hannover-Spiel ging in die richtige Richtung. Trotz allem gab es einige Phasen, die schwierig waren.
Sie stehen als Trainer bislang für die Rückkehr zur Offensive. Wird das auch für das Auswärtsspiel am Samstag beim Bundesliga-Dritten RB Leipzig gelten?
Kohfeldt: Das kann ich nicht versprechen. Wir wollen ergebnisorientierten, attraktiven Fußball bieten. Wir werden aber auch gegen RB Leipzig nicht nur den defensiven Gedanken haben. Bei der Analyse des Gegners suchen wir immer erst nach der Idee, wie man die defensiven Schwächen des Gegners nutzen kann. Und dann überlegen wir, wie wir auf Grundlage der offensiven Idee verteidigen können. Konkret heißt das: Ist eine reine Kontertaktik gegen eine Mannschaft wie Leipzig vielleicht sogar eine größere Gefahr, als selbst initiativ zu sein?
Das 4:0 gegen Hannover war im zwölften Saisonspiel der erste Sieg – was ist jetzt noch möglich für Werder?
Kohfeldt: Es geht wirklich nur um den Nicht-Abstieg.
Clubchef Klaus Filbry hat auf der Mitgliederversammlung einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel für die kommenden Jahre ausgegeben. Einverstanden?
Kohfeldt: Ja. Das ist aber nichts, was ich für die aktuelle Saison formulieren würde. Grundsätzlich bin ich jedoch auch kein Freund davon, uns komplett kleinzureden. Wir sollten offensiv mit dem umgehen, was wir haben. Und wir haben einiges anzubieten. Wenn ich mir unseren Kader ansehe, dann erkenne ich nicht, warum der zum Beispiel schlechter sein sollte als der von ein paar anderen Clubs.
Starkreden statt kleinreden?
Kohfeldt: Es ist doch das Allerwichtigste, dass man auch in der Mannschaft die Gier nach mehr entwickelt. Daran wollen wir immer arbeiten. Aber das absolute Basisziel ist stets der Klassenerhalt.
Sind Sie eher ein Kopftrainer oder ein Bauchtrainer?
Kohfeldt: Ich will nicht bei anderen Kollegen klauen, aber ein Kollege hat es mal sehr gut gesagt: Es geht nicht ohne den Bauch, also ohne Gefühl. Aber – und das hat er auch erklärt: Es ist immer erst der Kopf, der gefordert wird, und dann der Bauch. Das muss dann allerdings zusammenpassen, denn mit einer Entscheidung gegen den Kopf tue ich mich sehr schwer.
Sie sind erst 35 Jahre alt und schon Cheftrainer eines Bundesligisten. Wann in Ihrem Leben haben Sie geahnt, gewusst, gemerkt, dass Sie das Zeug zum Bundesliga-Trainer haben?
Kohfeldt: Den Gedanken, Trainer sein zu wollen, hatte ich schon mit Anfang 20. Ich musste mir eingestehen, dass ich es als Torwart nicht bis ganz nach oben schaffen werde, wollte aber im Fußball bleiben. Denn das ist das, was mir, seit ich denken kann, am meisten Spaß macht. Ich habe gemerkt, dass ich einigermaßen ein Talent dafür habe, vor Gruppen zu stehen und zu sprechen. Das ist keine ganz schlechte Voraussetzung, um Trainer zu werden (lacht). Aber Bundesliga-Trainer – dieser Gedanke ist wirklich erst spät entstanden. Der war noch nicht mal in der Zeit als Co-Trainer von Viktor Skripnik da.
Und dann?
Kohfeldt: Frank Baumann (Werder-Sportchef, d. Red.) hat mir nach der Zeit als Viktors Co-Trainer die U23 anvertraut. Als ich diese Aufgabe einige Zeit gemacht hatte, wusste ich: Genau das möchte ich. Ich habe gemerkt, dass funktioniert, was ich mir überlege. Und ich wollte sehr gerne wissen, ob meine Ideen auch auf höchstem Niveau funktionieren. Wie Top-Profis wie Thomas Delaney, Max Kruse und Zlatko Junuzovic Dinge umsetzen, die ich mir überlegt habe. Das Schönste für einen Trainer ist es ja, zu sehen, dass die Mannschaft funktioniert – nicht der Einzelne, sondern das Team.
Sie sind bei Werder der „Weihnachtstrainer“, haben erstmal nur eine Zusage bis zur Winterpause bekommen. Haben Sie gezögert, sich auf dieses nicht ganz gewöhnliche Konstrukt einzulassen?
Kohfeldt: Nicht eine Sekunde. Wo ist denn das Risiko für mich? Der schlimmste Fall wäre, dass Werder an Weihnachten sagt: Okay, wir brauchen jetzt doch nochmal jemand anderen. Oder sie sagen es im April, Mai oder Juni. Vielleicht in drei Jahren. So selbstbewusst bin ich allerdings, dass ich weiß, dass damit mein Weg als Trainer nicht komplett zu Ende wäre. Dann müsste ich Umwege gehen, aber ich glaube, ich könnte weiterhin in meinem Beruf als Trainer arbeiten.
Eine Gefahr ist, mit einem schnellen Scheitern früh als Trainer zu „verbrennen“.
Kohfeldt: Welches andere Szenario gibt es denn, in so ein Geschäft einzusteigen? Für mich war es relativ unwahrscheinlich, dass man mir mit achtwöchiger Vorbereitung einen Champions-League-Club zur Leitung anbieten wird. Für mich war ganz entscheidend, dass ich mir ganz genau die Qualität des Werder-Kaders angeguckt habe und dass ich in Frank Baumann einen Sportchef an meiner Seite habe, in den ich ein immenses Vertrauen habe. Unser Verhältnis ist so gut, dass mir klar war: Diese Chance bekommst du nirgendwo anders – jedenfalls nicht mit jemanden, der für dich einsteht, wenn es schwierig wird.
Schwierig war es gleich zum Start: Baumann steht in der Kritik, weil zum dritten Mal in Folge der U23-Trainer zum Bundesliga-Chefcoach gemacht wurde.
Kohfeldt: Ich kann nachvollziehen, dass Skepsis da ist. Aber ich muss auch einfach sagen: Ich bin weder Viktor Skripnik noch Alexander Nouri. Ich kann ja nichts dafür, dass vorher schon zweimal die gleiche Lösung gewählt wurde.
Sie wirken sehr souverän im Auftreten, selbstbewusst, abgeklärt. Woher kommt dieses Unaufgeregte?
Kohfeldt: Wenn es so wirkt, freue ich mich. Ich bin aber nicht derjenige, der von sich sagt: Ich kann alles, ich weiß alles. Aber ich habe bislang auch nicht das Gefühl, dass mich etwas überfordert.
Haben Sie dennoch schon die Schattenseiten Ihrer neuen Funktion und Stellung entdeckt?
Kohfeldt: Dass ich jetzt eine öffentliche Person bin, war nicht unbedingt mein Traum. Morgens an der Ampel oder beim Bäcker angesprochen zu werden, daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber es gehört eben dazu, wenn man sich den Traum erfüllen will, auf Bundesliga-Niveau zu trainieren.
Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern




