Gastkommentar des Ex-Bremers
Ismael: Mbappe rast in die Liga der Großen
Von Valerien Ismael. Frankreich schlägt Argentinien im Achtelfinale mit 4:3 – wer hätte ein solches Spiel, ein solches Ergebnis erwartet? Ich definitiv nicht.
Denn nach dem, was beide in der Gruppenphase gezeigt hatten, war ich auf ein gegenseitiges Belauern eingestellt. Auf ein Spiel, in dem beide auf die eine Aktion warten. Doch das ging es hin und her, ein Spiel mit offenem Visier. Es war Fußball, der Spaß macht. Und es war vielleicht auch so etwas wie die Übergabe eines Staffelstabs von einem ausglühenden Fixstern des Fußballs zu einem, der neu erschienen ist am Firmament. Oder anders gesagt: Lionel Messi tritt ab, Kylian Mbappe tritt auf!
Frankreich besteht nicht nur aus Mbappe
Unter Fußballern heißt es immer, dass du Top-Spieler in Top-Spielen erkennst. Ein WM-Achtelfinale gehört zu den Top-Spielen, und Mbappe hat es mit einem herausgeholten Elfmeter und seinen Toren zum 3:2 und 4:2 entschieden. Er hat gezeigt, auf welchem Niveau er spielen kann, hat den ersten Schritt gemacht hin zu einem ganz Großen des Weltfußballs.
Bis er diesen Rang tatsächlich erreicht hat, wird er zwar noch viel beweisen müssen, doch vielleicht sagen wir schon in ein paar Tagen, dass dieser 19-Jährige im Supersprint in der Galerie der Peles, Maradonas, Ronaldos und Messis angekommen ist. Wenn es gut läuft für Mbappe, sind es für ihn in Russland noch drei Spiele – gewinnt Frankreich die alle und bestätigt er dabei seine Leistung aus dem Argentinien-Spiel, ist er schon ein ganz Großer.
Um Lionel Messi tut es mir ein bisschen leid. Insgesamt hatte ich bei ihm während dieser WM das Gefühl, dass er sich durch die Spiele schleppen musste. Er wirkte unzufrieden, so als ob etwas, von dem ich nicht sagen kann, was es war, nicht stimmte. Seine Körpersprache hat mir in den Spielen überhaupt nicht gefallen. Mit dem WM-Aus ist für ihn wohl auch der Zeitpunkt gekommen, sich endgültig von der argentinischen Nationalelf zu verabschieden. Mich macht es traurig, ihn so gehen sehen zu müssen.
Aber als Franzose überwiegt natürlich die Freude über das Erreichen des Viertelfinales und die Perspektive, dass diese Mannschaft tatsächlich den Titel gewinnen kann. Denn „Les Bleus“ bestehen nicht nur aus Kylian Mbappe, sondern auch aus Paul Pogba und N’Golo Kante, die im Mittelfeld das Herzstück des Teams bilden. Sie sind immer anspielbar, geben dem Spiel Impulse – das ist Wahnsinn und funktioniert sehr gut.
Frankreichs Abwehrarbeit muss noch besser werden
Außerdem zu beobachten: Alle Franzosen haben sich seit dem ersten Spiel gesteigert – teilweise sogar über ihr eigentliches Level hinaus. Siehe Benjamin Pavard. Der Rechtsverteidiger des VfB Stuttgart war es, der Frankreich gegen die Argentinier in einer schwierigen Phase mit seinem Traumtor zum 2:2 gerettet hat. Nach starkem Beginn und der 1:0-Führung hatte das Team den Faden verloren, war nach dem 1:1 ins Grübeln gekommen, lag plötzlich sogar zurück. Dann dieser Schuss von Pavard! Das war die Aktion, die Frankreich total befreit hat.
Was jetzt noch besser werden muss, ist jedoch die Abwehrarbeit. Die Zeit, die der Argentinier Di Maria bei seinem Schuss zum 1:1 bekommen hat, darf eine Abwehr einem Angreifer einfach nicht lassen. Auch das 3:4 darf am Ende nicht mehr fallen. Wenn Frankreich es aber schafft, diese Defizite aufzuarbeiten, kann die Mannschaft es weit bringen. Uruguay ist in meinen Augen im Viertelfinale auf jeden Fall ein machbarer Gegner.
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