Kolumne: Andreas Herzog schreibt für die DeichStube
"Werder braucht wieder Wucht"
Von Andreas Herzog. Vier Punkte aus sieben Spielen, nur drei Tore erzielt, Vorletzter in der Tabelle – das ist eine Momentaufnahme, die auch mich aufschreckt.
Ich sehe diese Zwischenbilanz als absolutes Alarmzeichen, das ernst genommen werden muss. Aber dabei darf bitte auch nicht überzogen werden. Was ich damit sagen will: Es hilft überhaupt nichts, jetzt die Nerven wegzuschmeißen und panisch zu werden.
Die Herausforderung für das Team um das Team ist sehr vergleichbar mit der Herausforderung auf dem Platz. Während die Spieler den Spagat hinbekommen müssen, trotz defensiver Sicherheit wieder zu offensiver Durchschlagskraft zu finden, müssen die Entscheidungsträger es schaffen, nach außen defensiv zu bleiben und trotzdem intern offensiv eine produktive Streitkultur zu entwickeln.
Intern muss kontrovers diskutiert werden
Denn es hilft gewiss nichts, das derzeitige Problem mit zu viel Ruhe anzugehen. Intern müssen klare Worte fallen, intern muss kontrovers diskutiert werden. Und ich bin mir sicher: Das wird es auch. Denn so kenne ich Werder Bremen. Die Erfahrung bei anderen Clubs hat doch gezeigt, dass es nur zu Chaos und Durcheinander führt, wenn alles in die Öffentlichkeit getragen wird.
Ich weiß jedoch nicht, ob in den internen Diskussionen auch über die Zukunft von Trainer Alexander Nouri diskutiert wird. Ich maße mir auch nicht an, mich in dieser Sache zu positionieren, erinnere aber daran, dass er schon einmal eine kritische Situation mit Werder erfolgreich gemeistert hat.
Aktuell besteht bei Werder nach saisonübergreifend zehn Spielen ohne Sieg die große Gefahr, dass sich der Misserfolg in die Hinterköpfe der Spieler frisst. Der nächste Schritt ist dann die Verunsicherung. Werder braucht deshalb endlich einen Sieg! Ich ahne, dass viele jetzt denken: ,Tolles Expertenwissen! Da wäre ich ja selber nie drauf gekommen.‘ Aber tatsächlich funktioniert der Fußball doch sehr oft genau so. Ein Tor, ein Erfolgserlebnis – und alles geht wieder viel leichter.
Die Mannschaft muss einen Gegner auch mal wieder niederrennen
Um das aber auch klar zu sagen: Von allein kommt dieses Erfolgserlebnis nicht. Werder hat mittlerweile eine gute defensive Struktur und hat in vielen der bisherigen Spiele wirklich gut ausgesehen. Doch jetzt muss die Mannschaft einen Gegner auch mal wieder niederrennen, ihn mit der eigenen offensiven Kraft niederdrücken und so zu Fehlern zwingen. Nicht kopflos, aber wieder mit der Wucht, wie man sie von früheren Bremer Mannschaften kennt.
Leicht gesagt, zugegeben. Doch wie umsetzen? Max Kruse, der Heilsbringer der vergangenen Saison, geht dem Team natürlich ab, einen wie ihn hat Werder kein zweites Mal im Kader. Ich setze jetzt aber Hoffnungen in die Rückkehr meines Landsmannes Zlatko Junuzovic. Klar, er ist nicht der Typ Torjäger, doch er kann ein guter Balance-Spieler zwischen Defensive und Offensive sein. Er ist für die Mannschaft enorm wichtig, weil er Laufstärke mit Spielintelligenz und überraschenden Aktionen kombiniert. Nehmen wir doch nur den Hackentrick, mit dem er gegen den HSV für Fin Bartels aufgelegt hat: Solche Aktionen braucht es in der Offensive, damit Werder nicht mehr so leicht auszurechnen ist.
Zur Person: Andreas Herzog (49) bestritt zwischen 1992 und 1995 sowie von 1996 bis 2001 236 Bundesliga-Partien für Werder Bremen. Der Mittelfeldspieler gewann 1993 die Meisterschaft sowie 1994 und 1999 den DFB-Pokal. Mit Bayern München triumphierte er 1996 im Uefa-Pokal. Für Österreich lief er in 103 Länderspielen auf.
