Wegen Sommer-Wechsel
Anthony Jungs schleichender Weg in den Hintergrund: Bleibt Werders einstiger Abwehr-Dauerbrenner ohne weiteren Einsatz?
Anthony Jungs Abschied vom SV Werder Bremen im Sommer naht. Droht dem Abwehr-Routinier ein leiser Abgang ohne weiteren Einsatz? Das sagt Ole Werner.
Bremen – Ganz so leise wie im vergangenen Jahr bei Jiri Pavlenka wird der Abschied von Anthony Jung vom SV Werder Bremen nicht werden, dafür hat der 33-Jährige auch in dieser Saison einfach wieder zu häufig gespielt. Zuletzt blieb der Innenverteidiger aber gleich dreimal in Serie auf der Bank, in den beiden Partien davor stand er auch schon nicht mehr in der Startelf, war aber immerhin noch eingewechselt worden. Es ist Jungs schleichender Weg in den Hintergrund, nachdem vor einigen Wochen öffentlich kommuniziert worden war, dass der Verein in der Abwehr nicht mehr mit ihm plant und der auslaufende Vertrag folglich nicht verlängert wird. Wie zu hören ist, wäre der Profi liebend gern geblieben – da wäre es also nur zu verständlich, wenn bei ihm jetzt auf den letzten Werder-Metern seiner Karriere eine gehörige Portion Wehmut und Traurigkeit zu spüren wären. Doch Ole Werner ist diesbezüglich nichts aufgefallen. „Auf dem Platz, in der Kabine und im täglichen Umgang überhaupt nicht“, sagt der Bremer Cheftrainer. „Tony ist ein Vollprofi, der menschlich und fußballerisch top ist. Er bereitet sich immer darauf vor, gebraucht zu werden. Wenn man Tony kennt, ist es auch genau das, was man erwarten kann.“
Dieses Erwartbare, diese Verlässlichkeit war es auch, die Anthony Jung in den vergangenen Jahren zu einem stetigen und geschätzten Element im werner‘schen System hat werden lassen. Der im spanischen Villajoyosa geborene Defensivakteur kam, als Werder Bremen sportlich am Boden lag und den zweiten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte verdauen musste. Anschließend half er dabei mit, dass den Bremern erst die schnelle Rückkehr und dann die erneute Etablierung im deutschen Oberhaus gelang. Mehrmals war Jung dabei abgeschrieben worden; spätestens als er von der Linksverteidiger-Position in die Abwehrkette rückte, wurde ihm vielerorts nur noch der Status als Backup für das Stammpersonal zugetraut. Doch wenn sich ihm durch den Ausfall von Kollegen eine Chance bot, griff Jung zu und biss sich auch nach deren Rückkehr in der ersten Elf fest.
Werder Bremen-Abgang von Anthony Jung naht - Ole Werner: „Wichtig ist, dass man vernünftig miteinander umgeht“
Nun naht die Trennung. „Jeder Spieler und Trainer erlebt, dass Dinge mal zu Ende gehen. Wichtig ist, dass man weiter vernünftig miteinander umgeht“, sagt Ole Werner. „Das mache ich. Ich ändere mein Verhalten einem Spieler gegenüber nicht, weil er uns verlässt. Schon gar nicht, wenn es in einer Saison noch um einiges geht.“ Worte, die nicht nur für Anthony Jung, sondern auch für den verletzten Milos Veljkovic (wechselt im Sommer zu Roter Stern Belgrad) oder ganz aktuell Oliver Burke (spielt demnächst für Union Berlin) gelten. Im Grunde sogar für Leihspieler wie André Silva oder Issa Kaboré, die aktuell nur eine Nebenrolle bei Werder Bremen einnehmen. Wenn überhaupt.
Dass Anthony Jung aktuell Zuschauer ist, hängt zu einem nicht unwesentlichen Teil damit zusammen, dass die aktuelle Besetzung der Dreierkette einen guten Job macht. Vermehrt stand zuletzt die Null bei Werders Partien. Wenn sich Niklas Stark, Marco Friedl und Amos Pieper nicht verletzen oder eine Sperre einhandeln, besteht eigentlich kein Grund zum erneuten Umbau. „Wir haben nach Gladbach ein paar Dinge verändert. Seitdem haben wir deutlich besser verteidigt und positive Ergebnisse erzielt. Deshalb hat er zuletzt weniger gespielt“, erklärt Werder Bremens Coach mit Blick auf Anthony Jung. „Das heißt aber nicht, dass er nicht mehr für uns auf dem Platz stehen und wichtig für uns sein kann.“ Nicht ausgeschlossen also, dass zu Jungs bisherigen 129 Pflichtspieleinsätzen für den SVW noch ein weiterer hinzukommt. Aber es muss schon einiges zusammenkommen.
Werder Bremen-Coach Ole Werner bedauert Abgang von Anthony Jung: „Weil er ein sehr verdienter Spieler ist“
An der grundsätzlichen Wertschätzung für Anthony Jung hat sich jedenfalls durch den Verzicht auf eine weitere Zusammenarbeit nichts geändert. „Der Verein hat eine Entscheidung getroffen, den Vertrag mit Tony nicht zu verlängern und das ist eine Entscheidung, die ich mittrage“, betont Ole Werner, der Jungs Enttäuschung vielleicht nicht öffentlich, aber in internen Gesprächen registriert hat. „Natürlich haben wir offen darüber gesprochen. Tony hätte sich vorstellen können, hier weiterzuspielen. In der Entscheidung war es auch nichts, was man leichtfertig getroffen hat oder wo keine ausgiebigen Diskussionen intern stattgefunden haben.“ Den Grund liefert der 36-Jährige direkt mit: „Einfach weil er ein sehr verdienter Spieler ist, der einen Top-Charakter besitzt und sehr professionell ist. Tony ist auch als erfahrener Spieler immer noch jemand, der dazulernen will und sich Jahr für Jahr weiterentwickelt hat.“
Demnächst muss Anthony Jung das woanders tun. Bei welchem Club er landen wird, ist noch nicht bekannt. Kürzlich machten Gerüchte über einen Wechsel nach Darmstadt die Runde. Seine Heimatgefühle könnte der in Hessen aufgewachsene Jung bei der Mannschaft von Ex-Werder-Trainer Florian Kohfeldt fraglos stillen – und womöglich erneut einem Team dabei helfen, die Torturen der 2. Liga besser zu meistern. Doch vorher stehen die letzten Wochen an der Weser bei Werder Bremen an, eventuell mit der einen oder anderen kleinen Träne im Knopfloch. „Am besten wäre es, wenn immer alle Spieler im Kader glücklich wären“, sagt Ole Werner, „aber das schaffe ich nicht“. (mbü)
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