VfB Stuttgart gegen Werder Bremen
Beeindruckend gut trotz Niederlage
Stuttgart - Martin Harnik hatte sich das Trikot über den Kopf gezogen, Davy Klaassen die Hände in die Hüften gestemmt, direkt daneben: Theodor Gebre Selassie, auf allen Vieren kniend.
Kurz nach dem Schlusspfiff gab das Trio auf dem Rasen, nahe der Mittellinie, für einen Moment ein Bild des Scheiterns ab, was irgendwie so gar nicht zu Werders starkem Auftritt während des 1:2 (0:1) beim VfB Stuttgart passen sollte. Gut, die Bremer hatten das Spiel verloren und damit den zwischenzeitlichen Sprung an die Tabellenspitze verpasst, dabei allerdings eine Leistung gezeigt, die Trainer Florian Kohfeldt hinterher knackig zusammenfasste: „Einfach geil!“
Zwei „Entscheidungsfehler“
In Sachen Leidenschaft, Einsatz und Offensivdrang war der 35-Jährige rundum zufrieden mit seiner Mannschaft. Es hätte also ein perfekter Nachmittag werden können – hätte. Denn es gab sie eben doch, diese zwei „Entscheidungsfehler“, wie Kohfeldt es nannte, die seine Mannschaft letztlich um den Lohn gebracht hatten. Um den zwischenzeitlichen Sprung an die Tabellenspitze, um den vierten Auswärtssieg am Stück, um den 1000. Punkt auf des Gegners Rasen.
Der erste dieser Entscheidungsfehler ging auf das Konto von Milos Veljkovic, der in der 19. Minute zu spät aus der Abwehr herausrückte, um dann im Laufduell von Anastasios Donis abgehängt zu werden. Torhüter Jiri Pavlenka stürzte aus dem Tor, Donis zog vorbei - 1:0 für Stuttgart.
Bitter: Auch bei Entscheidungsfehler zwei stand Veljkovic im Zentrum: In der 36. Minute riss er Daniel Didavi zum zweiten Mal an diesem Nachmittag um und sah dafür die zweite Gelbe, sprich Gelb-Rote Karte. „Das darf mir nicht passieren. Es tut mir leid für die Mannschaft“, sagte der 23-Jährige, der gegen Hertha BSC vier Tage zuvor noch Torschütze gewesen war. „Ich bin weit davon entfernt, über Milos den Stab zu brechen“, sagte Kohfeldt - und betonte: „Er muss jetzt einmal zuschauen, danach spielt er sofort wieder.“
Spielen - das hatte auch Werder in Stuttgart getan, bisweilen sehr beeindruckend sogar. Allein der wuselige Yuya Osako kam in den ersten neun Minuten dreimal zum Abschluss (3./5./9.), die Führung sprang dabei nicht heraus. Weitere Werder-Chancen in Hälfte eins: Max Kruse (18.) und vor allem Theodor Gebre Selassie, der sich fürs Flanken entschied, anstatt selbst aus guter Position abzuschließen (23.). „Wir haben super gespielt und hätten das Tor machen müssen“, haderte Davy Klaassen.
Fotostrecke: Verrücktes Werder-Spiel in Stuttgart




Ein Tor verbuchte Werder in Stuttgart dann auch, 69. Minute, und was für eines! Einwurf Borna Sosa, weit in der eigenen Hälfte, zurück zu Torhüter Ron-Robert Zieler. Eine Szene, so unspektakulär, dass Kohfeldt auf der anderen Seite schon überprüfte, ob seine Hintermannschaft richtig steht. „Ich Idiot habe nicht hingesehen und womöglich Bundesliga-Geschichte verpasst“, sagte er. Zieler war der Ball tatsächlich über den rechten Fuß gesprungen und danach ins Tor gerollt - 1:1! Kurzer Ausflug ins Regelwerk: Hätte der Schlussmann den Ball nicht berührt, hätte es Eckball für Werder gegeben.
Kohfeldt setzt alles auf eine Karte
Nach dem Ausgleich schien es zunächst nur eine Frage der Zeit, bis Werder das Spiel endgültig auf den Kopf stellen sollte. Die Bremer kombinierten sich in Unterzahl munter nach vorne. Dort traf der eingewechselte Claudio Pizarro aber ebenso nur den rechten Pfosten (72.), wie es Maximilian Eggestein bereits in der 58. Minute getan hatte. „Sehr bitter. Wir hatten das Spiel auch in Unterzahl in der Hand“, sagte Nuri Sahin.
Kohfeldt setzte in der Schlussphase alles auf eine Karte, ließ alle Spieler extrem offensiv agieren - und wurde für den Mut nicht belohnt: Nach einem Sahin-Ballverlust erzielte Gonzalo Castro den 2:1-Endstand (75.). Danach rollten etliche Stuttgarter Konter auf das Bremer Tor zu – Pavlenka rettete mehrfach.
Werders Spieler gingen nach dem Spiel also als Verlierer zum Bus, die meisten aber mit einem Lächeln im Gesicht. „So lange ich in der Verantwortung stehe, werden wir immer diesen Spirit haben, offensiv zu spielen, um zu gewinnen“, sagte Kohfeldt, der das 1:2 von Stuttgart als „weiteren Schritt in einem positiven Prozess“ bezeichnete. Punkte brachte das dieses Mal nicht. Sah aber vielversprechend aus.
Mehr zur Partie
Stimmen zum Spiel - Eggestein: „Unsere Chancenverwertung war zu schlecht“
Einzelkritik: Der rabenschwarze Arbeitstag des Milos Veljkovic
Gelb-Rot-Sünder Veljkovic übt Selbstkritik: „Das darf mir nicht passieren“

