Werder geht mit 1:4 unter
Ohne Körpereinsatz, ohne Plan: Werders Debakel in Mönchengladbach in der Taktik-Analyse
Borussia Mönchengladbach präsentierte im Spiel gegen Werder Bremen einen starken Matchplan. Dass Ole Werners Team mit 1:4 unter die Räder kam, lag aber maßgeblich an Werder selbst: In der ersten Halbzeit fehlte sowohl ein offensiver Plan als auch die Gegenwehr, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Eines der schwierigsten Unterfangen im Fußball ist die Einschätzung, wie gut eine Mannschaft gespielt hat. Ein Team kann 0:2 verlieren, obwohl es viel richtig gemacht hat – oder es gewinnt 4:1, nur weil der Gegner zum Toreschießen eingeladen hat. Zu einem Fußballspiel gehören immer zwei Mannschaften. Werder Bremens Leistung gegen Borussia Mönchengladbach lässt sich jedoch kaum mit einem Blick auf den Gegner rechtfertigen. Gladbach mag taktisch die richtigen Lösungen gegen Werder gefunden haben. Doch gerade in der ersten Halbzeit zeigte Werder ein desolates Spiel.
Werder Bremens Debakel gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Beide Formationen sind spiegelgleich
Werder-Coach Ole Werner sah nach dem Aufwärtstrend der vergangenen Wochen keinen Grund, seine Aufstellung zu verändern. Im Vergleich zum 2:2-Unentschieden gegen Bayer Leverkusen musste Werner nur den verletzten Marco Grüll austauschen. Für ihn begann Justin Njinmah.
Gladbachs Trainer Gerardo Seoane stand nach zuletzt schwankenden Leistungen unter Druck. Der Schweizer wählte die Flucht nach vorne. Er stellte seine Mannschaft in einem offensiven 4-2-3-1 auf. Auf den Flügeln agierte sein Team asymmetrisch: Linksverteidiger Lukas Ullrich rückte weit vor, während sich Rechtsverteidiger Joe Scally zurückhielt. So rückte Linksaußen Robin Hack ins Zentrum ein, Rechtsaußen Franck Honorat hielt hingegen seine Position. Im Aufbau entstand so ein 3-2-5.
Auf der taktischen Ebene schien Werder Bremen gut gerüstet gegen einen solchen Aufbau: Die Bremer verteidigten wie immer in einem 5-2-3. Somit konnten sie eine klare Eins-gegen-Eins-Zuteilung gegen Gladbachs Spielaufbau herstellen. Werder tat dies in den Anfangsminuten jedoch nur selten. Sie zogen sich in einem kompakten Block zurück und überließen Gladbach das Spiel.
Borussia Mönchengladbach dominiert die Partie - Werder Bremens Niederlage in der Taktikanalyse
Die Hausherren übernahmen von der ersten Minute an die Spielkontrolle. Offensiv setzten sie auf Positionswechsel. Dabei versuchten sie bewusst, die rechte Seite zu überladen: Honorat suchte hier die Kombination mit Rocco Reitz. Gladbach spielte hierbei häufig den Ball an die letzte Linie. Stürmer Tim Kleindienst behauptete diesen gegen Werder Bremens Abwehrspieler. Anschließend spielte er einen Doppelpass mit dem Passgeber oder spielte den Ball direkt nach Rechtsaußen hinter die Abwehrkette. Gerade Honorat schaffte auf der rechten Seite immer wieder Tiefe. Auch der einrückende Hack startete häufig in die Spitze.
Borussia Mönchengladbach manifestierte die eigene Dominanz mithilfe eines hohen Pressings. Während Werder Bremen nicht allzu mannorientiert agierte, stellte Gladbach bewusst Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem ganzen Feld her. Besonders ausgebufft war die Rolle von Reitz: Er ließ sich in die Abwehr fallen, um Romano Schmid zu decken. Dadurch konnte Rechtsverteidiger Scally im Pressing aktiv auf Felix Agu herausrücken. Gladbach zwang die Bremer im Aufbau zu langen Bällen. Die Abwehr der Hausherren gewann fast alle dieser Bälle.
Individuelle Fehler machen den Gegner stark - Werder Bremens herbe Pleite gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse
Gladbach hat mit der Mischung aus Vierer- und Fünferkette sowie dem zurückfallenden Reitz ein cleveres System praktiziert. Ihre 3:0-Pausenführung allein auf die Taktik zu schieben, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Werder traf schließlich nicht zum ersten Mal auf einen Gegner, der ihre Formation spiegelte. Werder Bremen fiel vor allem durch individuelle Schwächen auf. Die ersten beiden Gegentreffer entstanden nach Ballverlusten in der eigenen Hälfte. In beiden Situationen erhielt der Bremer am Ball nur marginal Druck. Senne Lynen und Torhüter Michael Zetterer spielten dennoch einen katastrophalen Fehlpass in den Fuß eines Gegenspielers. Solche Chancen ließ sich Gladbach nicht nehmen.
Erschwerend hinzu kam die völlige Körperlosigkeit der Bremer Abwehrkette. Kleindienst spürte selten bis nie seinen Gegenspieler im Rücken. Er konnte den Ball in Ruhe verarbeiten. Während Gladbach eng am Mann verteidigte, ließ Werders Abwehrkette den Gegner gewähren. Ein weiteres Problem plagte Werder Bremen bereits gegen Paderborn und in Ansätzen gegen Leverkusen: Leonardo Bittencourt ließ sich im Aufbau häufig fallen. Durch das gleichzeitige Vorrücken von Mitchell Weiser entstand eine 4-2-4-Formation. Im Mittelfeld gelangte Werder dadurch in Unterzahl. Gegen Borussia Mönchengladbach gelang es Bittencourt und den Bremer Abwehrkollegen zu selten, den Ball direkt in die letzte Linie zu spielen. Nutznießer waren die Gladbacher. Sie sammelten vor der Pause 55 Prozent Ballbesitz und gaben acht Torschüsse ab.
Werder Bremen zeigt Einsatz erst nach der Pause - die Taktik-Analyse zum Debakel gegen Borussia Mönchengladbach
In der Halbzeitpause reagierte Werner. Er tauschte gleich drei Spieler der eigenen Fünferkette aus. Der eingewechselte Rechtsverteidiger Derrick Köhn agierte wesentlich offensiver als Agu zuvor. Er lief nicht den Flügel entlang, sondern suchte den diagonalen Weg in die Spitze. Dafür rückte Schmid nun häufiger auf die linke Seite. Dadurch befreite er sich von seinem Manndecker Reitz.
Der SVW legte nun jene Körperlichkeit an den Tag, die er vor der Pause vermissen ließen. Weiser hielt nichts mehr hinten, sodass Werder fortan häufig im 4-2-4 presste. Auch die Abwehr rückte aggressiver heraus, sodass Gladbach sich nicht mehr so leicht befreien konnte. Werder Bremens offensivere Strategie hatte einen Haken: In der Restverteidigung standen sie häufig nur mit vier Mann, teilweise sogar mit drei, wenn Köhn und Lynen weit aufgerückt waren. Gladbach fand nun mehr Raum zum Kontern – und nutzte diesen auch zum 4:0 (67.).
Taktik-Analyse zum Spiel gegen Borussia Mönchengladbach: Mitchell Weiser schwächt Werder Bremen
Die letzten Minuten sind angesichts des 4:0-Zwischenstands nur eine Randnotiz wert. Mit der Einwechslung von Keke Topp stellte Werder Bremen vollends auf 4-2-4 um. Der Bremer Doppelsturm aus Topp und Marvin Ducksch besorgte den Ehrentreffer. Zugleich ging Werder weiter aggressiv zu Werke – etwas zu aggressiv, angesichts eines längst verlorenen Spiels. So muss Werder am kommenden Spieltag gegen Holstein Kiel auf Mitchell Weiser verzichten, der Gelb-Rot sah (82.).
Die Fehler der ersten Halbzeit konnte Werder Bremen trotz eines couragierten Auftritts nach der Pause nicht wiedergutmachen. So clever Seaones Matchplan auch gewesen sein mag: Ohne Werders Unvermögen hätten die Gladbacher das Spiel nicht derart leicht gewonnen.
