Werder-Pleite gegen FCB

Zwei starke Anfangsphasen genügen nicht - Werders Niederlage gegen den FC Bayern in der Taktik-Analyse

Daniel Thioune wagte gegen den FC Bayern einige Umstellungen. Warum das Spiel dennoch nur bedingt Aufschluss über Werder Bremens Ausrichtung gab - die Taktik-Analyse zur Heimpleite gegen den FCB.

Geduld ist keine Eigenschaft, die im Profifußball allzu weit verbreitet ist. Das weiß auch Daniel Thioune. Dennoch bat der neue Werder-Trainer das Bremer Umfeld um eben genau das: Geduld. Vor seinem Debüt gegen den SC Freiburg hätte er noch keine Zeit gehabt, die nötigen Änderungen umzusetzen. Das werde sich in den kommenden Wochen ändern. Gegen den FC Bayern München sah man erste Andeutungen, wie Thioune den SV Werder Bremen vor dem Abstieg bewahren möchte. Gleichzeitig taugt die 0:3-Niederlage gegen Bayern München kaum als Blaupause für die kommenden Wochen. Dafür war der amtierende Meister zu überlegen.

Alles gegeben, aber wieder keine Punkte: Daniel Thioune verpasste seinem SV Werder Bremen gegen den FC Bayern München einige taktische Umstellungen.

Taktik-Analyse: Werder Bremen gegen den FC Bayern mit einer leicht veränderten Formation

Gegen den SC Freiburg hatte Thioune auf Personalrochaden weitgehend verzichtet. Gegen den FC Bayern München veränderte er seine Startformation gleich auf vier Positionen. Vor allem die Wahl der Außenverteidiger überraschte: Auf links kam Felix Agu zu seinem Startelf-Comeback. Auf dem rechten Flügel begann Justin Njinmah, der vor Wochenfrist noch als Mittelstürmer aufgelaufen war. In der vordersten Linie ergaben sich dadurch ebenfalls Änderungen. Cameron Puertas und Romano Schmid begannen auf den Halbpositionen hinter dem zentralen Angreifer Marco Grüll. Insgesamt agierte Werders Offensivreihe wesentlich zentraler als zuletzt. Dadurch veränderte sich auch die Formation: Sowohl mit als auch gegen den Ball agierten die Bremer aus einem 5-2-3.

Werder Bremen begann das Spiel überraschend aktiv. Werder lief den 4-2-3-1-Aufbau des FC Bayern mannorientiert an und übte hohen Druck aus. Jens Stage rückte aus dem Mittelfeld weit nach vorne. Nach Ballgewinnen sollte es schnell gehen: Puertas und Schmid boten sich in den Halbräumen an. Sie sollten die Bälle halten und auf die durchstartenden Außenspieler durchstecken. Auf rechts startete Njinmah permanent hinter die Abwehrkette. Agu hielt sich auf links etwas zurück. Dafür wich Grüll auf diese Seite aus, um hier Tiefe zu schaffen.

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Bayern in der Taktik-Analyse: SVW überrascht FCB mit hohem Pressing

Die Bremer überraschten den Gegner mit diesem hohen Pressing. Die Bayern hatten in den ersten Minuten Mühe, zu ihrer gewohnten Spielkontrolle zu finden. Zwar ließ sich Sechser Joshua Kimmich immer wieder fallen. Gegen Stage unterliefen ihm jedoch ungewohnt viele Ballverluste. Erst nach einigen Minuten erlangte der FC Bayern die Kontrolle über die Partie. Dafür sorgten vor allem die Münchener Außenverteidiger: Josip Stanisic und Konrad Laimer rückten immer wieder ins Mittelfeldzentrum. Sie attackierten damit die Räume hinter Stage, sobald sich dieser ins Pressing wagte. Werder Bremen musste das Risiko etwas drosseln, um nicht ständig im Zentrum in Unterzahl zu geraten.

Spätestens ab der 15. Minute verlief die Partie in den erwarteten Bahnen. Werder Bremen zog sich im 5-2-3 an den eigenen Strafraum zurück, während die Bayern Ball und Gegner laufen ließen. Dabei überluden sie mit ihren Außenverteidigern sowie dem zurückfallenden Stürmer Harry Kane immer wieder die Mitte. Sobald Werder das Zentrum zu schließen versuchte, verlagerte der Rekordmeister das Spiel auf den Flügel.

Die Grafik zeigt, wie Werder Bremen zunächst den FC Bayern früh störte. Nach und nach fand der Rekordmeister jedoch Konrad Laimer und Josip Stanisic.

Taktik-Analyse: Nach der Pause verschärft Werder Bremen das Tempo gegen den FC Bayern - aber nutzt Chancen nicht

Werder Bremen verteidigte kompakt und mit viel Leidenschaft. Meistens gelang es den Bremern, die Bayern in der Defensive frühzeitig in Zweikämpfe zu verwickeln. So konnte die Bayern-Offensive kein Tempo aufnehmen. In zwei Situationen patzte jedoch ausgerechnet Stabilisator Senne Lynen: Er verursachte den Elfmeter zum 0:1 (22.) und schenkte vor dem 0:2 den Ball her (25.). Mit der Führung im Rücken schraubten die Bayern ihren Ballbesitzwert auf nahezu 70 Prozent hoch.

Erst nach der Halbzeitpause konnte sich Werder aus dem Griff des Gegners befreien. Daniel Thioune brachte Samuel Mbangula. Er wechselte sich mit Grüll auf Linksaußen ab. Werder hatte fortan noch mehr Tempo und Tiefe im eigenen Spiel. Zugleich wechselte Schmid auf die halbrechte Seite und engagierte sich stärker im Spielaufbau. Seine Pässe in die Tiefe halfen Werder Bremen, das Spiel in die Hälfte des FC Bayern zu tragen. Zugleich sah man bei Werder ein taktisches Element, das viele Fans noch aus der Zeit von Ole Werner kennen: Flanken auf den zweiten Pfosten. Werder kombinierte sich in den Halbraum und lockte die Bayern-Defensive hierhin. Anschließend flog der Ball auf den langen Pfosten. Dort boten sich Agu und Njinmah an.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen den FC Bayern: Erster Vorgeschmack auf Daniel-Thioune-Fußball der Zukunft?

Werder Bremen erspielte sich in dieser Phase mehrere Chancen. Doch sie blieben ohne Treffer. Sie konnten das hohe Tempo indes nicht aufrechterhalten. Werder zog sich ab der 60. Minute wieder zurück. Es wiederholte sich das Spiel der ersten Halbzeit: Die Bayern verlagerten das Spiel von Halbraum zu Halbraum und sammelten Ballbesitz. Das 3:0 durch Leon Goretzka beendete das Spiel praktisch (70.). Bremens Spieler können nach dem Spiel zurecht auf eine kämpferisch starke Leistung verweisen. Daniel Thioune hat einen ersten Einblick gegeben, wie der Werder-Fußball der Zukunft aussehen könnte: schnelles, kompromissloses Vertikalspiel hinter die Abwehrkette; eine Mischung aus aggressiver Manndeckung und tiefer Kompaktheit; Flügelangriffe inklusive Flanken auf den zweiten Pfosten.

Kann dies das richtige Rezept für den Klassenerhalt sein? Wenn der Gegner FC Bayern München heißt, ist eine Niederlage quasi eingerechnet. Thiounes Änderungen müssen vor allem in den kommenden Spielen fruchten. Gegen St. Pauli und Heidenheim geht es um nichts weniger als den Klassenerhalt.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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