Werder-Profi im DeichStube-Gespräch

„Es ging so nicht mehr weiter“: Werder-Verteidiger Felix Agu im Interview über seine Knieverletzung, das geglückte Comeback und Post aus Turin

Werder Bremens Profi Felix Agu im Gespräch mit DeichStube-Reporter Daniel Cottäus.
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Werder Bremens Profi Felix Agu im Gespräch mit DeichStube-Reporter Daniel Cottäus.

Nach seinem erfolgreichen Comeback im Testspiel gegen den FC St. Pauli (3:3) spricht Felix Agu im DeichStube-Interview über seine lange Leidenszeit nach einer Knieverletzung, Gedanken ans Karriereende, die Rückkehr auf den Platz und seine sportliche Perspektiven.

Bremen – Als Felix Agu den Platz nach 83 Minuten vollkommen am Ende seiner Kräfte verließ, lächelte er, denn die Sache war gutgegangen. Nach einjähriger Verletzungspause war der 24-Jährige Profi des SV Werder Bremen im Testspiel gegen den Zweitliga-Spitzenreiter FC St. Pauli (3:3) erstmals wieder zum Einsatz gekommen und hatte auf der linken Außenbahn ein gutes Comeback gefeiert. Mit der DeichStube spricht Agu über seine lange Leidenszeit, Gedanken ans Aufhören und sportliche Perspektiven. Außerdem erklärt er, warum er sehnlichst Post aus Turin erwartet. 

Herr Agu, das Werder-Testspiel gegen den FC St. Pauli war für Sie der erste Einsatz seit einem Jahr. Wie war’s?

Einfach überragend. Es hat sich sehr gut angefühlt, wieder in einem Spiel auf dem Platz zu stehen. Darauf habe ich sehr lange hingearbeitet. Es war zwar letztendlich nur ein Testspiel, aber dennoch einfach schön. Dazu ein guter Gegner und ein Spiel, das uns einiges abverlangt hat.

Im Oktober 2022 sind Sie mit einer Entzündung in der Patellasehne ausgefallen, Ihre Rückkehr verzögerte sich ein ums andere Mal. Können Sie die Frage: „Wie geht es?“ überhaupt noch hören?

(lacht) Ja, denn es ist schön, dass ich sie jetzt endlich wieder positiv beantworten kann. Also: Mir geht es gut, ich stehe wieder auf dem Fußballplatz und weiß das sehr zu schätzen. Dafür bin ich dankbar.

Werder Bremen-Rückkehrer Felix Agu freut sich riesig über Comeback: „Einfach überragend“

Sind Sie denn inzwischen komplett schmerzfrei?

Es ist schon noch ein kleiner Anpassungsprozess, mit dem linken Knie wieder komplett in die Belastung zu kommen, aber das ist überhaupt kein Vergleich mehr zu vorher. Da ging es vor jedem Training nur noch darum: „Okay, wie schaffe ich es, dass ich halbwegs durchkomme.“ Wenn auch nur etwas Druck aufs Knie kam, ist der Schmerz sofort reingeschossen. Nach Sprints musste ich immer 10, 15 Meter auslaufen, weil ich anders nicht mehr abstoppen konnte. Irgendwann ging es so einfach nicht mehr weiter.

Bei der Art Ihrer Verletzung war nicht vom ersten Tag an klar, dass es bis zur Genesung so lange dauern würde. Wie schwer war es für Sie, geduldig zu bleiben, als sich nach und nach herausgestellt hat, dass sich die Sache hinzieht?

Das war sehr hart. Wir sind es erst konservativ angegangen und hatten den Plan, dass es bis zur Rückkehr drei bis vier Monate dauert. Ende Januar sollte ich wieder einsteigen. Das Knie wurde aber nicht so viel besser, dass ich hätte sagen können: „Okay, so fühle ich mich wieder wohl auf dem Platz.“ Wir standen dann irgendwann in Kontakt mit Dr. Peter Ueblacker, dem Mannschaftsarzt des FC Bayern München. Er hat uns einen Spezialisten in Schweden empfohlen, der schon andere Fußballer mit ähnlichen Befunden an der Patellasehne operiert hat. Ich bin dann zur OP nach Malmö gefahren, wo sich herausgestellt hat, dass im Knie doch mehr gemacht werden musste.

Das heißt?

Weil ich die chronische Entzündung an der Patellasehne über einen längeren Zeitraum mit mir herumgetragen habe, haben sich an der Sehne Verknöcherungen gebildet. Aus der Kniescheibe sind Knochenstücke in die Sehne hineingewachsen. Das ist ein Prozess des Körpers, um die Sehne zu stärken, aber es ist keine gute Reaktion, weil die Sehne geschmeidig bleiben muss. Bei mir wurde das Knie mit der Zeit immer steifer. Während der OP wurde dann alles abgeschliffen und rausgeholt. Ich wurde davor noch nie operiert, deshalb hatte ich Respekt vor dem Eingriff. Für meine weitere Karriere war es aber genau richtig.

Die körperlichen Probleme, sprich die Schmerzen im Knie, sind das eine. Sie haben aber auch dazu geführt, dass Sie urplötzlich raus aus der Gruppe „Profiteam“ und somit aus dem Fokus der Aufmerksamkeit waren. Quasi auf sich selbst zurückgeworfen. Wie schwierig war das für den Kopf?

Das war ab dem Zeitpunkt ein großes Problem, als nicht mehr absehbar war, wann ich zurückkomme. Du hast dann das Gefühl, dass du dich immer weiter von der Mannschaft entfernst, auch wenn du jeden Tag da bist und zu allen Kontakt hast. Trotzdem weißt du ja nicht, was auf dem Trainingsplatz los ist und bist auch nicht mehr bei allen Besprechungen dabei, einfach, weil es sich für dich aktuell nicht lohnt. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich überhaupt noch zurückkomme. Als der OP-Termin stand, war auch wieder ein Zeitrahmen da. Das hat geholfen.

Werder Bremens Felix Agu dachte wegen Schmerzen an Karriereende: „Habe zwischenzeitlich schon mal an meinem Körper gezweifelt“

Leidet das Selbstwertgefühl in so einer Phase?

Ich habe zwischenzeitlich schon mal an meinem Körper gezweifelt. Ist er wirklich gemacht für den Profifußball? Für mich war klar, dass ich nicht mehr Fußball spielen möchte, wenn die Schmerzen nicht verschwinden. Damit jeden Tag auf den Platz zu müssen, wäre mental zu belastend gewesen. Vielleicht hätte ich die OP einen oder zwei Monate früher angehen sollen, aber da ich wie gesagt noch keine OP-Erfahrung hatte, war ich nicht der Erste, der gesagt hat: „Okay, das machen wir jetzt.“

Sie haben täglich intensiv in der Reha gearbeitet und so gut wie eben möglich Kontakt zur Mannschaft gehalten, aber wie haben Sie sich während der Verletzung einfach mal von allem abgelenkt?

Ich habe viel Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie verbracht. Während der Reha war es einfacher, Pläne zu machen. In der Sommerpause bin ich dann für einen Monat in ein Rehazentrum nach München, um mal das Umfeld zu wechseln und andere Eindrücke zu haben. Nach sechs Monaten Reha in Bremen ging es mir darum, nicht mehr jeden Tag die gleichen Räume zu sehen. Das hat auf jeden Fall gutgetan.

Beim Auswärtsspiel in Darmstadt haben Sie vor zwei Wochen erstmals seit einem Jahr wieder dem Spieltagskader angehört. Ein schönes Gefühl?

Total! Ich habe mich sehr gefreut, mal wieder mit dem Team reisen zu können. Ich stand am Tag vorher zu Hause und wusste gar nicht mehr, was ich eigentlich alles mitnehmen muss (lacht). Normalerweise sitzt der Ablauf, zack, zack, zack, alles in den Rucksack rein. Aber da war die Routine plötzlich weg. Es war einfach schön, mit der Mannschaft loszufahren, ins Hotel zu gehen, dort gemeinsam zu essen und Bundesliga zu schauen. Das habe ich alles aufgesogen. Das Spiel war dann natürlich nicht mehr so schön (Werder verlor gegen den Aufsteiger mit 2:4, Anm. d. Red).

Rechts oder links? Werder Bremen-Profi Felix Agu über seine Einsatzchancen: „Da bin ich auf nichts festgelegt“

Sie sind auf der rechten Außenbahn beheimatet, könnten im System von Trainer Ole Werner also am ehesten rechts neben der Dreierkette zum Einsatz kommen. Dort ist Mitchell Weiser jedoch unumstritten gesetzt. Wie bewerten Sie ihre Chancen auf Spielzeit?

Mitch bringt super Leistungen, daran gibt es nichts zu rütteln. Das macht es für mich natürlich schwer. Nach der langen Verletzung geht es für mich gerade aber ohnehin erstmal darum, mich über das Training und vielleicht über Kurzeinsätze anzubieten.

Möglicherweise auch auf anderen Positionen? Im Test gegen St. Pauli haben Sie links neben der Dreierkette gespielt.

Wenn man alle meine Einsätze bei Werder zusammenzählt, weiß ich gar nicht, ob ich mehr auf der rechten oder linken Seite gespielt habe. Ich sehe mich durchaus auch auf links. Wenn der Trainer mir das Vertrauen schenkt, gebe ich überall auf dem Platz mein Bestes. Da bin ich auf nichts festgelegt.

Eren Dinkci, Manuel Mbom und Dikeni Salifou – im Sommer haben sich gleich mehrere Bremer Nachwuchstalente dazu entschieden, ihre Karriere andernorts fortzusetzen. Hatten Sie auch die Überlegung, den Neustart nach der Verletzung vielleicht woanders zu wagen?

Für mich gab es nur das Ziel, dass ich zu 100 Prozent fit werde. Zu einem anderen Verein zu wechseln und dort zu Beginn gar nicht die Leistung bringen zu können, die ich eigentlich bringen kann, wollte ich nicht. Außerdem war ich im Sommer ja noch gar nicht richtig zurück im Mannschaftstraining, sodass andere Vereine natürlich auch eher vorsichtig sind.

Vor allem mit Manuel Mbom und Dikeni Salifou, die jetzt für Viborg FF und Juventus Turins zweite Mannschaft spielen, sind Sie sehr gut befreundet. Schauen Sie jetzt regelmäßig Partien der 1. Division Dänemarks und der Serie C Italiens?

(lacht) Ja, schon ein bisschen. Manu und Dikeni sind Kumpels von mir, wir haben in Bremen auch abseits des Fußballs viel zusammen gemacht. Als meine Reha losging, war Manu mit seiner in der Endphase (Mbom litt an einem Achillessehnenriss, Anm. d. Red.). Da haben wir viel Zeit im Kraftraum zusammen verbracht. Das schweißt zusammen. Wir telefonieren regelmäßig.

Werder Bremen-Profi Felix Agu staunte über den Juventus-Wechsel von Dikeni Salifou: „Im ersten Moment etwas surreal“

Und was haben Sie gedacht, als Ihr Kumpel Salifou, der aus Augsburgs U19 zu Werder kam, Ihnen erzählt hat, dass Juventus Turin ihn haben will?

Das war schon krass, im ersten Moment irgendwie etwas surreal, auch für Dikeni, denn Juve ist halt Juve. Ich habe mich sehr für ihn gefreut. Auch wenn es erstmal die zweite Mannschaft ist, könnte er bald mit ganz großen Namen auf dem Trainingsplatz stehen. Ihn jetzt bei Instagram im Juve-Trikot zu sehen, ist echt nice. Noch hat er mir keins geschickt, aber das muss definitiv noch folgen.

Was, würden Sie sagen, haben Sie während der langen Verletzungspause über sich selbst gelernt?

Die Wertschätzung und Dankbarkeit dafür, Fußballprofi sein zu dürfen, ist nochmal gestiegen. Ich genieße es, auf dem Platz stehen und spielen zu können, ohne dass mir durchgehend etwas wehtut. Ich habe lange genug dabei zugeschaut, wie die Jungs raus auf den Platz gehen, während ich in die andere Richtung zum Kraftraum abbiege. Wenn es im Training mal nicht so laufen sollte, werde ich mir das einfach vor Augen führen.

Vervollständigen Sie zum Abschluss doch bitte diesen Satz: Mit der Saison 2023/2024 bin ich hinterher zufrieden, wenn. . .

. . . ich gesund geblieben bin, mein fußballerisches Toplevel zurückerlangt habe und wir mit Werder unsere Ziele erreicht haben. (dco)

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