DeichStube-Interview
„Dass es so gut läuft, hätte ich nicht gedacht“: Werder-Trainerin „Fritzy“ Kromp über Winter-Transfers, Champions-League-Träume und Karriereziele
Werder Bremens Frauen-Trainerin Friederike „Fritzy“ Kromp spricht im DeichStube-Interview über die Gründe des Erfolgs, grün-weiße Champions-League-Träume und ihre Karriereziele.
Bremen – Sie ist erst ein halbes Jahr da, doch diese kurze Zeit hat Friederike „Fritzy“ Kromp bereits genügt, um einige sportliche Ausrufezeichen mit ihrer Mannschaft zu setzen. So überwintern die Frauen des SV Werder Bremen in der Bundesliga nicht nur auf einem beeindruckenden dritten Tabellenplatz, sondern erneut auch im DFB-Pokal, wo sie ins Viertelfinale vorgedrungen sind. Im großen DeichStube-Interview spricht Werders Erfolgs-Trainerin nun über die Gründe für die starke Hinserie, grün-weiße Champions-League-Träume, einen möglichen Job als Nationaltrainerin und Winter-Transfers an der Weser. Außerdem verrät die 40-Jährige, warum sie einen Verbleib von Topspielerin Larissa Mühlhaus über den Sommer hinaus nicht ausschließt und ob sie bei der Männer-WM im Sommer als TV-Expertin im Einsatz sein wird.
Fritzy Kromp, wie gut kennen Sie eigentlich schon die Champions-League-Hymne der Frauen?
(lacht) Um ehrlich zu sein, kenne ich sie schon ganz gut, weil ich bis zuletzt zwei Jahre lang als „Technical Observer“ für die Uefa gearbeitet habe. Daher war ich oft bei Champions-League-Spielen, auch im Ausland. Ich mag die Hymne sehr. Es ist immer ein ganz besonderer Moment im Stadion, den man nicht verpassen möchte.
Werder Bremens „Fritzy“ Kromp im DeichStube-Interview: „Von der Champions League träumt man natürlich“
Mit Werder überwintern Sie auf Platz drei, der am Saisonende zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigt. Müssen Sie sich oft kneifen, wie gut es in Ihrem ersten Halbjahr in Bremen lief?
Ja, schon ab und zu. Von der Champions League träumt man natürlich, und trotzdem ist es bis dahin noch ein ganz weiter Weg. Aber den bisherigen Erfolg und den Fakt, dass wir heute auf diesem Platz stehen, nimmt uns keiner mehr. Das ist schon phänomenal. Ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft und das komplette Team. Wir haben sehr hart dafür gearbeitet, viele enge Spiele für uns entschieden und manchmal auch das Glück des Tüchtigen gehabt. Wobei ich gar nicht von Zufällen oder Glück sprechen möchte, denn das ist der Verdienst der Mannschaft.
Sind Sie vom bisherigen Erfolg überrascht?
Wir haben uns vor Saisonbeginn viel damit befasst, den Status Quo zu analysieren und zu gucken, wo die Reise hingehen könnte. Ich habe einige Statistiken von der letzten Saison gelesen und wusste, die Mannschaft hat ein bisschen überperformt und ist trotzdem im unteren Mittelfeld gelandet. Entsprechend demütig bin ich an die Aufgabe herangegangen, weil ich wusste: Okay, es wird für uns jetzt nicht leichter. Trotzdem hofft man natürlich, dass man durch eine gute Performance, besonders gute Arbeit im Team, einen tollen Spirit und durch mentale Stärke wieder Clubs schlagen kann, die auf dem Papier vielleicht besser sind und einen höheren Marktwert haben. Dass es aber so gut läuft, hätte ich tatsächlich nicht gedacht.
Neigen Sie zur Skepsis?
Nein, ich war nicht skeptisch, aber ich war realistisch. Ich wollte nicht auf die Euphoriebremse drücken, aber ich kenne die Budget-Tabelle. Deswegen war es schon sehr ambitioniert zu sagen, wir wollen Sechster, Siebter oder Achter werden, weil ich auch weiß, was in Hoffenheim, Freiburg und Leipzig passiert. Und da reden wir noch gar nicht von Bayern, Wolfsburg und Frankfurt, die auf einer ganz anderen Ebene sind. Ich habe gehofft, dass wir vielleicht eine Welle reiten können. Dass es uns so gelungen ist, ist natürlich sensationell.
Die Frauen-Bundesliga hat sich im Vergleich zum Vorjahr qualitativ noch einmal verbessert, und trotzdem mischen Sie mit Werder oben mit. Was ist ausschlaggebend für den Erfolg?
Es sind viele Zahnräder, die ineinandergreifen. Ich glaube, in erster Linie ist es natürlich der Verdienst der Spielerinnen, die auch merken: Okay, wir haben jetzt ein Trainerteam, das uns viel zutraut und versucht, das Maximale aus uns rauszuholen. Für uns ist das ein Geschenk, weil sie alle total offen sind, alles aufsaugen und sich einfach freuen, dass sie professionellere Rahmenbedingungen haben und sich auf ihren Sport konzentrieren können. Wir beanspruchen die Spielerinnen sehr, und ich glaube, das ist auch eine Umstellung gewesen für sie, aber sie lassen sich voll darauf ein.
Was hat sich geändert?
Wir trainieren nicht mehr nur nachmittags, sondern auch vormittags, haben einen Tagesablauf, eine Struktur mit täglichen Meetings, Videoanalysen, Trainingsbesprechungen und Krafttraining. Das ist zwar anstrengend, macht aber auch ganz viel Spaß.
Werder Bremens Trainerin „Fritzy“ Kromp im DeichStube-Interview: „Brauchen Support, wenn wir das Level halten wollen“
Inwieweit geht der Verein diese Entwicklung mit und setzt die von Ihnen geforderten strukturellen Verbesserungen schon um?
Es gibt da in erster Linie ganz viele Gespräche. Wir sind zum Beispiel connectet mit der Männer-Scoutingabteilung, da arbeiten sehr gute, uns zugewandte Menschen, die uns unterstützen und ihre Hilfe anbieten. Da ist schon viel passiert, und trotzdem ist es im laufenden Geschäftsjahr schwierig, zusätzliches Personal zu bekommen. Das hat noch nicht funktioniert, ist aber angedacht. Für uns im Trainerteam bedeutet das, dass wir das Scouting und die Gegneranalysen im Team auffangen müssen. Zukünftig brauchen wir aber Support durch Analysten und Scouts, wenn wir das Level halten wollen.
Sie haben in einem Interview verraten, dass Sie die im Sommer gesteckten Ziele mit der Mannschaft zum Teil schon erreicht haben. Welche waren das?
Das ist gar kein großes Geheimnis, die Spielerinnen haben das super gut runtergebrochen. Sie wollten beispielsweise eine bestimmte Anzahl an Standardtoren oder auch an frühen Toren in den ersten 15 Minuten schaffen. Dazu ging es um eine bestimmte Punktemarke bis zur Winterpause und die Zahl an zu-Null-Spielen. Die Ziele waren schon sehr ambitioniert. Für jedes erreichte Etappenziel wurde ein „X“ an die Wand gemacht, und die ist inzwischen schon ziemlich voll (lacht).
Sie gelten als große Verfechterin des Offensivfußballs, haben derzeit aber eine der besten Abwehrreihen der Liga. Wie passt das zusammen?
Ich bin ein großer Fan von guter Defensivarbeit. Das ist die Basis, ohne die du nicht erfolgreich sein kannst. Deswegen bin ich sehr glücklich über die wenigen Gegentore, die wir bisher kassiert haben. Das wird häufig ein bisschen zu wenig beachtet, weil es erstmal unspektakulär ist. Für mich ist es aber spektakulär, was unsere Viererkette derzeit im Verbund mit den Sechsern und unserer Torhüterin Mariella (El Sherif, d. Red.) leistet. Das machen sie extrem gut. Allen voran Mitch Ulbrich ist seit ihrer Rückkehr enorm wichtig. Sie agiert unglaublich souverän, bringt ihre große Erfahrung mit ein und ist aus dem starken Kollektiv nochmal herauszuheben.
Juliane Wirtz hat kürzlich gesagt, dass Werder jetzt nicht mehr nur kämpferisch überzeugt, sondern auch fußballerisch unter Ihnen den nächsten Schritt gemacht hat. Hat sie recht?
Wir wollten darauf aufbauen, dass Werder so eine harte Defensiv-Truppe war, die als schwer zu bespielen galt. Wir haben versucht, den nächsten Schritt zu machen mit der Mannschaft, haben nochmal höhere Ansprüche an uns formuliert und wollten fußballerisch die Spiele mehr gestalten und mehr Ballbesitz an uns reißen. Das beinhaltet zum Beispiel: Wenn wir hohen Druck bekommen, heißt das nicht, dass der Ball fliegen muss. Wir wollen ihn mehr am Boden halten und die Quote der hohen Bälle reduzieren. Wir wollten das spielerische Potenzial der Spielerinnen mehr wecken. Und es ist natürlich unser Bestreben als Trainerteam, das immer weiter noch zu verbessern. Wir sind da auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel.
Welchen Einfluss haben Sie als Trainerin bei der Zusammenstellung der Mannschaft und der Verpflichtung neuer Spielerinnen?
Die Abläufe sind hier in Bremen wie in anderen Clubs auch üblich, dass man zusammen im Trainerteam mit unserer Sportlichen Leiterin Birte Brüggemann Namen diskutiert und gemeinsam Entscheidungen trifft. Natürlich müssen wir als Trainerteam von potentiellen Neuzugängen absolut überzeugt und entsprechend in den Prozess und in die Gespräche mit eingebunden sein.
Werder Bremens „Fritzy“ Kromp über Wechsel von Larissa Mühlhaus: „Der nächste Schritt bei ihr wird kommen“
Wie lange kann Werder eine Top-Spielerin wie Larissa Mühlhaus noch in Bremen halten?
Schwierige Frage. Es tut sich viel auf dem Markt, und es wird wahrscheinlich der heißeste Transferwinter kommen, den es je gab im Frauenfußball. Die Entwicklung ist rasant. Und trotzdem habe ich berechtigte Hoffnungen, dass Larissa weiß, was sie an uns hat und dass sie sich auch eine Zukunft bei Werder vorstellen kann. Natürlich hat sie Anfragen, allein schon wegen ihrer Top-Quote und ihrer Leistungen. Sie ist noch relativ jung, aber eben auch keine 18 mehr, sondern in einem Alter, in dem der nächste Schritt denkbar ist. Der wird bei ihr kommen. Ich hoffe, dass sie sich nochmal für ein bis zwei Jahre bei uns entscheidet, weil ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind und ihr viel bieten können, um die nächsten Entwicklungsschritte zu machen. Es ist aber völlig legitim, dass sie sich anschaut, was sie für Optionen hat und sich Zeit für ihre Entscheidung nimmt.
Und wenn Sie sich doch anders entscheiden würde?
Wir müssen auf alles vorbereitet sein und haben natürlich einen Schattenkader. Am Ende kennen wir viele Spielerinnen, schauen viele Spiele und sprechen mit Beratern. Im besten Fall können wir Larissa halten, aber wenn sie geht, was – so realistisch muss man es sagen – passieren kann, dann brauchen wir einen Plan B, C und vielleicht sogar D. Darauf muss man vorbereitet sein und viel im Hintergrund parallel arbeiten, das gehört heutzutage einfach mit dazu.
Glauben Sie denn – auch unabhängig von Larissa Mühlhaus –, dass sich im Winter in Ihrem Team viel verändern wird?
Was man so hört, ist aktuell schon viel Bewegung auf dem Transfermarkt und einige Clubs werden wohl nochmal nachbessern und sich verstärken wollen. Wir selbst sind zum Glück in einer Situation, in der wir uns nicht zwingend verstärken müssen, weil wir einen sehr großen Kader haben. Im Umkehrschluss haben wir aber auch viele Spielerinnen, die nicht so zum Zug gekommen sind. Es gibt schon die eine oder andere, die sich vielleicht verändern möchte. Da sind wir offen und in Gesprächen.
Wird es also definitiv Wechsel geben?
Es kann was passieren auf der Abgangsseite. Im besten Fall bekommen wir auch ein, zwei Neuzugänge, die uns nochmal verstärken.
Es ist aber nicht geplant, im Winter eine Leistungsträgerin abzugeben?
Nein, Stand heute ist das nicht geplant. Jedoch, wie bereits erwähnt, ist der Markt sehr dynamisch und das Transferfenster noch bis Ende Januar offen. Entsprechend muss man sehen, was sich ergibt und in Gespräche gehen für den Fall, dass sich Spielerinnen verändern wollen.
Werder Bremens „Fritzy“ Kromp als Nationaltrainerin? „Eines Tages könnte ich mir den DFB-Job gut vorstellen“
Wissen Sie eigentlich schon, ob Sie im kommenden Sommer wieder für das ZDF als TV-Expertin bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko tätig sein werden?
Es laufen aktuell Gespräche. Das ZDF möchte gerne, dass wir (Per Mertesacker, Christoph Kramer und Fritzy Kromp, d. Red.) wieder die WM zu dritt begleiten. Und die liegt ja ganz günstig in der Sommerpause. Deswegen schaut es ganz gut aus.
2023 wurden Sie nach dem Rücktritt von Maria Voss-Tecklenburg und Interimstrainer Horst Hrubesch kurzzeitig als mögliche Nationaltrainerin gehandelt. Ist das ein Karriereziel von Ihnen?
Ich bin so lange durch den DFB gelaufen und im Verband groß geworden – da war es natürlich schon das große Ziel, ganz oben anzukommen. Als Nationaltrainerin arbeiten zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Bisher konnten jedoch kaum Trainerinnen im DFB Karriere machen, die keine eigene Geschichte als Spielerin hatten. Ich bin sehr glücklich bei Werder und im Vereinsfußball und habe aktuell überhaupt keine Bestrebungen, das zu verändern. Es macht sehr viel Freude, ich bin ja auch erst seit drei Jahren Vereinstrainerin. Aber eines Tages könnte ich mir den DFB-Job trotzdem gut vorstellen.
Ist es für Sie perspektivisch auch ein Ziel, eine Profi-Männermannschaft zu übernehmen?
Warum nicht? Ich habe früher mal einen Leistungskader im Verband in Bayern trainiert, das waren super Jungs aus den bayerischen Bundesliga-NLZ. Das hat mir großen Spaß gemacht. Es war zwar anders als mit den Mädels und doch auch sehr ähnlich. Am Ende ist es die gleiche Sportart, es gibt sehr viele Parallelen. Ich finde, es sollte nun sehr bald der Zeitpunkt kommen, an dem eine Frau männliche Profis trainiert. Sabrina Wittmann zeigt in Ingolstadt ja, dass es geht. Auch Marie-Louise Eta war Co-Trainerin bei Union Berlin. Es ist möglich, wir sind dafür qualifiziert. Ich glaube, es ist nicht die Arbeit an sich mit den Spielern das Thema oder das Fachliche, sondern eher der Mut der Entscheidungsträger der Clubs, den es aktuell dafür noch braucht. Es ist letztlich dieselbe Lizenz und eine gemeinsame Trainerausbildung, die man durchläuft mit dem Ziel, im höchsten Bereich der Männer und der Frauen arbeiten zu dürfen. Ich wäre dem Ganzen gegenüber nicht abgeneigt, aber es ist kein konkretes Ziel für die nächsten Monate.
Fritzy Kromp, zum Abschluss vervollständigen Sie bitte den folgenden Satz: Die Saison 2025/2026 mit Werder Bremen wäre für mich ein voller Erfolg, wenn…
… wir davon sprechen können, dass wir die beste Saison in der Geschichte der Werder-Frauen gespielt haben. (mwi)
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