Nach dem Sieg gegen Stuttgart
Taktik-Analyse: Werder kann auch unangenehme Gegner schlagen
Bremen - Der VfB Stuttgart war perfekt vorbereitet auf Werder – und doch fand Kohfeldts Elf Lösungen beim 1:0-Sieg. Unser Taktikanalyst Tobias Escher lässt die Partie Revue passieren.
In dieser schnelllebigen Bundesliga-Saison wirkt es bereits Jahre her, doch nur vor wenigen Wochen hieß Bremens Trainer noch Alexander Nouri. Er hatte den Bremern einen taktischen Kniff verordnet, den viele Bundesliga-Teams in dieser Saison verfolgen: Er hat die Formation des Gegners gespiegelt. Mit dem VfB Stuttgart traf Werder nun auf einen Gegner, der diese Strategie ebenfalls anwendet. Gut, dass Werder aus eigener Erfahrung wusste, was zu tun war.
Stuttgarts Spiegelformation
Nachdem Florian Kohfeldt gegen die offensiv starken Leipziger auf eine Fünferkette umstellte, kehrte er gegen Stuttgart zum System zurück, das Bremen den 4:0-Triumph über Hannover 96 bescherte. Offensiv stellte sich die Mannschaft in einem 4-3-3 auf, wobei Max Kruse sich häufig aus dem Sturmzentrum ins Mittelfeld fallen ließ. Defensiv wurde die Formation zu einem kompakten 4-4-2.
Stuttgarts Trainer Hannes Wolf spiegelte die Formation der Bremer. Jeder Stuttgarter bekam einen Gegenspieler zugeteilt, den er zu bewachen hatte. Somit stellte Stuttgart auf dem ganzen Feld Mannorientierungen her. Stuttgart agierte somit theoretisch in einem 3-4-1-2. Praktisch war der einzige Zweck der Formation, Bremen durch Mannorientierungen nicht ins Spiel finden zu lassen.
Werder weiß aus eigener Erfahrung, welche Fehler man gegen eine solche Strategie nicht machen darf, schließlich haben sie selbst unter Nouri ähnlich agiert. Stuttgart wollte Bremen in Eins-gegen-Eins-Duelle drängen, gerade im Mittelfeld deckten sie die Bremer Spieler eng. Der Ballführende sollte keine Anspielstation erhalten, gleichzeitig sollte der Druck auf den Ballführenden hoch sein.
Bremen mit guten Offensivbewegungen
Werder wagte gegen dieses System keine Experimente. Sobald der Druck zu hoch wurde, spielten sie den Ball lang nach vorne. Oft konnten sie dem Druck aber ausweichen, indem sie schnelle Kombinationen spielten: Der erste Pass ging auf einen zurückfallenden Stürmer, dieser legte den Ball ab und startete sofort durch. Im Fußballsprech nennt man diese Spielart „Pass-Klatsch“: Ein Spieler passt den Ball nach vorne, der Stürmer lässt ihn „klatschen“.
Bremen konnte sich mit diesen Aktionen häufig aus der eigenen Hälfte befreien. In der gegnerischen Hälfte waren die Spielzüge jedoch zu selten eingespielt. Es fehlten Laufwege hinter die gegnerische Abwehr, um die guten Pässe aus dem Aufbau zu veredeln. Zumindest gelang es den Bremern aber, Ballverluste im Mittelfeld zu verhindern. Stuttgart konnte selbst nicht kontern.
Starke Defensivleistung: Kaum Chancen für Stuttgart
Nur einmal zeigte Bremen, wie es nicht geht: Als Torhüter Jiri Pavlenka das Spiel flach ins Mittelfeld-Zentrum eröffnen wollte, schnappte sich Takuma Asano den Ball (29.). Ansonsten ließen die Norddeutschen vor der Pause keine Chancen zu. Dies war ihrer starken Defensivleistung zu verdanken: Die Stürmer zogen sich häufig etwas zurück, erst im Mittelfeld suchte Werder den Zugriff.
Hier waren sie aber äußerst nah am Mann. Maximilian Eggestein schob häufig im Mittelfeld nach vorne, es entstanden situativ 4-1-3-2-Staffelungen. Diese waren sinnvoll gegen Stuttgarts Mittelfeld, das sich eher zentral orientierte. Die entstehenden Freiräume am Flügel bespielte Stuttgart nicht gut, vor allem weil im Strafraum ein Abnehmer für Flanken fehlte.
Diesen Abnehmer brachte Wolf in der zweiten Halbzeit. Nachdem Max Kruse kurz vor der Pause das Führungstor nach einem (eigentlich irregulären) Freistoß erzielte, änderte Wolf seine Formation nicht. Stuttgart agierte weiter im 3-4-1-2-System.
Wolf brachte mit Anastasios Donis und Simon Terodde aber zwei klassische Strafraumstürmer, die Stuttgarts gesamte Spielanlage veränderten. Der VfB war nun deutlich offensiver aufgestellt, auch weil der offensive Josip Brekalo nun die Linksverteidiger-Position übernahm. Vor allem aber konnten die Stuttgarter nun eigene Flügelangriffe wesentlich sinnvoller zu Ende spielen. Sie griffen vor allem über die rechte Seite an und versuchten, Donis und Terodde mit Flanken oder hohen Zuspielen zu füttern.
Taktische Willensleistung sichert den Sieg
Kohfeldt reagierte und brachte mit Lamine Sane (75., für Philipp Bargfrede) einen dritten Innenverteidiger. Er stellte damit auf ein 5-3-2-System um, das im Abwehrzentrum kompakter war. In der Tat hatte Bremen gegen die aufgerückten Stuttgarter nun die besseren Konterchancen. Doch in der Schlussphase warf Stuttgart alles nach vorne, Abwehrchef Holger Badstuber agierte praktisch als dritter Stürmer. Flanke um Flanke flog in den Bremer Strafraum, die passiver agierenden Bremer kamen noch einmal ins Schwitzen. Pavlenka hielt den Sieg fest.
Klammert man die Schlussminuten aus, war es vor allem in der Defensive ein grundsolides Spiel der Bremer. Nachdem Kohfeldt in den ersten Wochen einen starken Fokus auf die Offensive gelegt hatte, beweist er nun, dass er seinen Kickern auch eine stabile Defensivordnung eintrichtern kann. Der Aufwärtstrend geht weiter – nicht nur aus taktischer Sicht.
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