Neun Tore in drei Spielen
Nach Gegentor-Flut: Peter Niemeyer nimmt Werder-Profis in die Pflicht
Der SV Werder Bremen hat in der Defensive zuletzt ein besorgniserregendes Bild abgegeben. Leiter Profifußball Peter Niemeyer nimmt die Profis deshalb jetzt in die Pflicht.
Bremen – Es gibt so Äußerungen, die altern ziemlich schlecht. Und andere wiederum verlieren einfach nichts von ihrer Aktualität. Einige Worte von Ole Werner jedenfalls wirken beim Blick in den Rückspiegel fast schon prophetisch: „Ich habe es in den letzten Jahren schon ein paar Mal erlebt, dass wir über diese Punkte sprechen - wo wir sagen, Dinge funktionieren und greifen ineinander. Immer dann, wenn wir dann zu viel davon reden, erleben wir so ein Spiel.“ Der Chefcoach des SV Werder Bremen hatte im vergangenen November von diesem wiederkehrenden Phänomen gesprochen, seine Mannschaft damals nach ordentlichen Wochen gerade eine üble 1:4-Klatsche in Mönchengladbach kassiert. Werder fing sich bekanntlich, kam sogar stärker zurück und punktete konstant. Wieder gab es viel Lob, vor allem für die Darbietungen in der Abwehr. Und dann? Offenbarte Werder prompt ernüchternde defensive Defizite beim Start ins neue Jahr und handelte sich neun Gegentore in nur drei Spielen ein. Der nächste Rückfall in ein altes Verhaltensmuster.
Werder Bremens Peter Niemeyer: „Jeder hat gesehen, dass uns gerade etwas fehlt“
Es fühlt sich seltsam vertraut an, dass die Grün-Weißen öffentlich darüber klagen, viel zu einfach Gegentreffer zu bekommen. Im Aufstiegsjahr war es schon so, dass Werder Bremens Kapitän Marco Friedl diesen Missstand anprangerte, auch in der Vorsaison griff er phasenweise zu ähnlichem Vokabular. Und jetzt eben wieder. Das nervt ihn und seine Mitspieler am allermeisten – wenngleich das Déjà-vu für Peter Niemeyer nicht völlig aus heiterem Himmel kommt. „Überhaupt nicht. In einem Prozess ist es nicht so, dass man irgendwo einen Haken dran setzt und sich das Thema damit erledigt hat“, meint der 41-Jährige im Gespräch mit der DeichStube. „Es muss immer wieder an Stellschrauben gedreht, Arbeit investiert werden, um erfolgreich zu sein.“ Und Niemeyer ist felsenfest davon überzeugt, dass die nächste Trendwende schon in Reichweite ist. „Wir haben die defensive Qualität oft genug unter Beweis gestellt und besitzen sie also. Sie kann dann mal verloren gehen, aber auch schnell zurückkommen – man muss dafür nur hart arbeiten“, appellierte er an die Mannschaft.
Eben jenes Team hatte zuletzt keinen ganz so angenehmen Termin zu absolvieren: die detaillierte Aufarbeitung des zuvor Geleisteten. Knackig soll sie gewesen sein. Sehr sachlich, aber keineswegs emotional. „Es war eine sehr klare Analyse, die Fehler wurden deutlich aufgezeigt und angesprochen“, schildert Niemeyer seine Eindrücke. Die Betrachtung der Videobilder aus den jüngsten beiden Partien dürfte den Profis des SV Werder Bremen definitiv noch einmal richtig wehgetan haben. Schon unmittelbar nach der 0:2-Niederlage gegen Augsburg hatten Marco Friedl, Mitchell Weiser und Co. ihre große Enttäuschung über das Defensivverhalten zum Ausdruck gebracht und eine schnelle Besserung gefordert. Die quälenden Szenen auf der Leinwand boten auch jetzt nicht viel Raum zum Beschönigen. „Jeder hat gesehen, dass uns gerade etwas fehlt“, sagt Niemeyer und konstatiert: „Wir haben gewisse Dinge vorher einfach besser gemacht als speziell in den letzten beiden Spielen. Dort fehlten die Fokussierung und Konsequenz in einzelnen Szenen.“
Werder Bremens Peter Niemeyer fordert von den Profis die „totale Fokussierung“ beim Verteidigen
Nun ist das Wissen um die eigenen Nachlässigkeiten der eine Aspekt, der andere ist die Umsetzung. Eine Korrektur bedarf keiner zeitlichen Aufschiebung, gelingt aber in den wenigsten Fällen durch einen kleinen Fingerschnips. Doch die Uhr tickt gnadenlos. Und wenn Werders nächster Gegner dann auch noch Borussia Dortmund heißt (Samstag, 15.30 Uhr im DeichStube-Liveticker), wird die Herausforderung nicht kleiner. Da ist es dann auch unwesentlich, in welcher Verfassung der BVB gerade durch die Liga schaukelt. Werder Bremens Peter Niemeyer formuliert deshalb eine unmissverständliche Forderung an alle Protagonisten: „Jeder Spieler muss sich bewusst machen, was da gerade passiert. Wir brauchen schon im eigenen Ballbesitz die totale Fokussierung darauf, was geschehen kann, wenn wir den Ball verlieren und müssen überhaupt jede Situation so zu Ende spielen, bis sie geklärt ist. Im Offensivspiel finden wir die Räume und bespielen sie gut und kommen auch zu Möglichkeiten.“
Mittwochnachmittag beginnt beim SV Werder Bremen wieder die Arbeit auf dem Trainingsplatz. Drei Einheiten sind im Vorfeld der Dortmund-Reise angesetzt, in denen sich die Verantwortlichen wieder mehr Aufmerksamkeit in den Aktionen, die nötige Spannung und ein ganzheitliches Verteidigen wünschen. Damit es bald ein wesentlich erfreulicheres Déjà-vu geben kann. „Im ersten halben Jahr, in dem ich die Mannschaft kennenlernen durfte, hat es mich immer wieder fasziniert, wie sie da war, wenn es darauf ankam. Genau diese Qualität gilt es jetzt zurückzugewinnen“, meint Peter Niemeyer beinahe schon emotional. Ob das aber wirklich zügig möglich ist? „Ja, natürlich. Die Erwartungshaltung habe ich auch.“ (mbü)