Kruse schießt Werder zum ersten Saisonsieg
Max, das Monument
Bremen - Da stand er also. Für einen kurzen Moment ganz still. Die Arme weit ausgebreitet, ansonsten keine Regung. Ein Mann wie ein Monument. Max Kruse genoss die Begeisterung auf den Rängen, die Begeisterung auch seiner Mitspieler.
Mit seinem dritten Tor an diesem Abend hatte Kruse gegen Hannover 96 nicht nur einen blitzsauberen Hattrick (54., 59. 78.) perfekt gemacht, sondern auch einen Sieg eingetütet, den Werder Bremen lange, lange herbeigesehnt hat. Nun endlich war es gelungen. 4:0 (1:0) über Hannover 96 – Kruse und Co. fegten die 14 Punktspiele andauernde Sieglosserie einfach weg. Und bescherten ihrem neuen Trainer Florian Kohfeldt ein perfektes Debüt im Weserstadion.
An gleicher Stelle war die Mannschaft drei Wochen zuvor noch mit Häme und Spott, mit Schimpf und Schande von den eigenen Fans verabschiedet worden. Das 0:3 gegen den FC Augsburg war ein fußballerischer Offenbarungseid gewesen, danach musste Trainer Alexander Nouri gehen, Kohfeldt kam.
Einzelkritik: Kruse überragend, Bartels endlich wieder in Form




Und es ist gewiss kein Zufall, dass die Bremer plötzlich wieder Fußball spielen. Gegen Hannover so gut, dass der erste Bundesliga-Sieg seit 204 Tagen dabei herauskam. „Absolut verdient“ sei der gewesen, sagte 96-Trainer Andre Breitenreiter, der vor der ganzen Bremer Mannschaft den Hut zog („sehr agil, sehr flexibel, im Umschaltspiel gnadenlos effektiv“), vor allem aber vor Max Kruse: „Er hat sich immer in den Zwischenräumen bewegt, wo wir ihn nicht packen konnten.“
Also tobte sich Kruse, der bis dato in der laufenden Saison noch torlos war, so richtig aus. Mit einem Zuckerpass durch die 96-Abwehr bereitete er das 1:0 durch Fin Bartels vor (38.), mit unfassbarer Selbstverständlichkeit vollstreckte er dann nach Zuspielen von Philipp Bargfrede (54.) sowie zweimal Bartels (59., 78.). „Max macht die Dinger halt rein. Er hat vor dem Tor brutale Qualitäten, die haben nicht viele“, lobte Mittelfeldmann Maximilian Eggestein den Kollegen.
Sportchef Frank Baumann atmet erleichtert auf
Dank Kruse und leichtfertiger Fehler in 96-Mittelfeld und -Abwehr schoss Werder in diesem einen Spiel genauso viele Tore wie in den elf Saisonpartien zuvor. Der Wandel ist gewaltig und wohl nur mit der Arbeit von Florian Kohfeldt zu erklären.
Sportchef Frank Baumann konnte auch deshalb erleichtert aufatmen. Er war für die Entscheidung, Kohfeldt vom U23-Coach zum Chef gemacht zu haben, gleich doppelt kritisiert worden. Zunächst für den Fakt an sich, dann dafür, dass er zugab, sich bei der Entscheidungsfindung auch mit „besseren Trainern“ befasst zu haben. Da ist es leicht vorstellbar, welcher Gegenwind ihm ins Gesicht geblasen wäre, wenn Werder gegen Hannover verloren hätte.
Es kam aber anders – weshalb Baumann am Montagabend bei der Mitgliederversammlung des SV Werder etwas entspannter an das Rednerpult treten kann. Die eigene Situation sei aber nicht der Grund, weshalb er sich unheimlich über den Sieg freue, so Baumann. Sondern? „Die Mannschaft. Gegen Augsburg war sie noch ohne Selbstvertrauen und Überzeugung aufgetreten. Das war heute komplett anders.“
Das wirkungsvolle Konzept kam noch dazu. Werder bewegte sich sicher auf dem Platz, meistens wusste jeder Bremer genau, was er zu tun hatte. Und mit dem 1:0 wuchs dann auch der Glaube an die eigene Stärke. Max Kruses Sicht der Dinge: „Wir haben heute alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Das gibt Hoffnung und Selbstbewusstsein.“
Zusammenspiel von Kruse und Bartels erinnert an die Rückrunde
Linksverteidiger Ludwig Augustinsson wertete das 4:0 als „Befreiung“, Maxi Eggestein „als eingeläutete Wende“. Aber ausnahmslos alle waren bemüht, dem Erfolg nicht zu viel Gewicht zu geben. „Wir wissen, dass das nur ein erster Schritt war“, meinte Fin Bartels. Speziell für ihn war es aber ein großer Schritt – zurück in die Zukunft und gewissermaßen auch in die Vergangenheit. Denn das Zusammenspiel zwischen Bartels und Kruse erinnerte sehr an die vergangene Rückrunde. Damals war das Duo der Garant für den sportlichen Aufschwung. Kruse kam auf 13 Tore und sieben Assists, Bartels auf fünf Tore und ebenfalls sieben Vorlagen. Oft lief es dabei so wie am Sonntag gegen Hannover: Vorlage der eine, Tor der andere. „Ich hoffe, dass das wieder der Startschuss war“, sagte Bartels.
Wer hofft das nicht? Florian Kohfeldt, schon in der Halbzeitpause von Stadionsprecher Christian Stoll für seine „Handschrift auf dem Platz“ gelobt, fühlte sich allerdings in der Pflicht, auf gewisse Dinge hinzuweisen. Beispielsweise darauf, dass das 4:0 „nicht kerzengerade“ gewesen sei, dass es Momente gegeben hat, in denen „alles hätte kippen können“. Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit war so ein Moment. Nach einem Fehler von Verteidiger Niklas Moisander stand 96-Kapitän und Ex-Werder-Stürmer Martin Harnik frei vor dem Bremer Tor, scheiterte aber an Keeper Jiri Pavlenka. Hätte Harnik getroffen, wäre aus Kohfeldts Handschrift möglicherweise Gekritzel geworden.
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