Werder-Coach erreicht magische Marke
Alles andere als ein Spaziergang: Die ersten 100 Tage von Werder-Trainer Horst Steffen hatten es in sich
Horst Steffen erreicht die Marke von 100 Tagen als Trainer des SV Werder Bremen. Wie arbeitet der Coach? Was ist bisher passiert? Eine Zwischenbilanz.
Bremen – Horst Steffen dürfte der Vergleich gefallen haben, den sein Kollege Vincent Kompany da kürzlich gewählt hat. „Fußball ist ein bisschen wie Sprache“, sagte der Coach des FC Bayern München, der mit seiner Mannschaft aktuell an einer beeindruckenden Erfolgsbilanz schreibt. „Wenn ein neuer Trainer kommt, siehst du sofort, was er mit seiner Mannschaft kommuniziert. Das ist auch bei Horst Steffen so.“ Anerkennende Worte von einem, der sportlich in ganz anderen Sphären unterwegs ist. Doch der Belgier schätzt den Blick über den Tellerrand. „Ich bin ein großer Fan von Erfolgen in unteren Ligen. Wenn du von der vierten bis in die zweite Liga kommst, sind das auch wichtige Titel. Das hat Horst Steffen schon erreicht – und das bringt er jetzt mit zu Werder.“ An diesem Mittwoch tut der Ex-Elversberger das ganz offiziell seit 100 Tagen. Eine erste Zwischenbilanz.
Horst Steffen 100 Tage Trainer beim SV Werder Bremen: „Die Stimmung untereinander ist gut geworden“
Der Blick in die Augen ist obligatorisch. Mehr als nur eine nette Etikette, sondern ein Ausdruck des Respekts. Und ein Zeichen dafür, dass sich Horst Steffen tatsächlich für sein Gegenüber interessiert. Der 56-Jährige fragt nach, erkundigt sich auch mal nach dem Wohlbefinden des Gesprächspartners. Ein Austausch mit dem Trainer des SV Werder Bremen kann daher durchaus etwas länger dauern und beschränkt sich nicht nur auf ein paar lapidare Floskeln. Gerade im Dialog mit seinen Spielern hat Steffen die Antennen ausgefahren, will genau registrieren, wie es um den Gemütszustand jedes Einzelnen bestellt ist – besonders bei jenen Profis, die sportlich im Augenblick vielleicht nicht die größte Rolle spielen, achtet er noch etwas mehr darauf. Niemand soll sich abgehängt oder allein fühlen.
Das illustrierte in besonderem Maße eine Szene vom vergangenen Samstag. Der SV Werder Bremen hatte gerade sein Heimspiel gegen den FC St. Pauli mit 1:0 gewonnen, als Steffen seine Mannen auf dem Rasen des Weserstadions zum obligatorischen Teamkreis zusammenrief. Warme Worte gab es, mit deutlichen Gesten unterlegt – und zum Abschluss schnappte sich der Coach Leonardo Bittencourt und herzte ihn in besonderem Maße. Der meinungsstarke Akteur hatte an diesem Tag vergeblich auf eine Einwechslung gewartet, in vier Partien zuvor war er schon nicht über Kurzeinsätze hinausgekommen. Dass es der 31-Jährige gern anders hätte, ist nachvollziehbar – dass er oder ein anderer Bankdrücker trotzdem nicht quertreibt, das große Ziel des Coaches. Und es scheint zu funktionieren. „Es ist klar, dass ich alle wertschätze und mitnehme“, sagt Horst Steffen. „Man muss aber auch deutlich sagen, dass die Stimmung untereinander gut geworden ist. Das ist die Basis, um miteinander gute Leistungen zu bringen.“
Werder Bremen-Trainer Horst Steffen strahlt Zuversicht aus, hat Autorität und ist „ein absoluter Teamplayer“
Die Aussage zeigt, dass es in den vergangenen drei Monaten auch mal anders aussah. Bei Werder Bremen gab es viele Fragezeichen, vor allem personeller Natur. Unsicherheiten, die auch das Miteinander trübten. Über allem schwebte die Ungewissheit, wer bleibt, wer geht, wer kommt – und wohin Werders Weg eigentlich nun führen soll. Erst als das Transferfenster schloss, waren endgültig Fakten geschaffen worden – seither weiß jeder, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Oder lohnen soll. Genau daran arbeitet Horst Steffen, dem es nicht gerecht werden würde, ihn einfach nur als „netten Trainer“ zu bezeichnen. An Autorität mangelt es ihm gewiss nicht. Doch er weiß diese beiden Zutaten gut zu kombinieren. Auch in einer Zeit, als er spielend leicht selbst zum größten Kläger hätte werden können. Sein Vorgänger Ole Werner hatte schließlich auch nicht mit öffentlicher Kritik gespart. Punktuell tauchte sie zwar nur auf – aber es gab sie. Und intern sowieso. Bis für beide Seiten bei aller gegenseitigen Wertschätzung feststand, dass kein langfristiger gemeinsamer Weg mehr möglich war.
Immer und immer wieder wurde auch Steffen seit seiner Amtsübernahme mit unangenehmen Szenarien konfrontiert, sollte im Sommer Antworten auf Fragen geben, die für ihn schwierig oder kaum zu beantworten waren. Was er stattdessen tat: gegen alle Widerstände demonstrativ Zuversicht ausstrahlen. Auch als die Bremer in Bielefeld krachend aus dem DFB-Pokal flogen und richtig Ungemach drohte. „Ich bleibe immer positiv und zuversichtlich, das ist mein Grundsatz. Und wenn ich das nicht tue, dann bin ich hier fehl am Platz“, sagte Horst Steffen damals. Das alles ist noch nicht einmal zwei Monate her. Fraglos stellt der Fußball ein besonders schnelllebiges Geschäft dar, die Dynamik mit der Steffens durch seine Startphase galoppierte, war dann aber doch von besonderer Güte. Für einen Mann, der gern zu Fuß durch die Natur streift, um den stressigen Alltag zu verarbeiten, war es genau das nicht: ein Spaziergang. „Wir hatten einige Herausforderungen zu meistern, und ich bin beeindruckt davon, wie er das mit seinem Trainerteam gemacht hat“, lobt auch der Leiter Profifußball Peter Niemeyer im Gespräch mit der DeichStube. „Horst ist ein absoluter Teamplayer – und ich freue mich auf noch viele weitere 100 Tage mit ihm bei Werder.“
Zukunft von Werder Bremen für Trainer Horst Steffen noch schwer einzuschätzen: „Siege sind verbindend“
Die nackten Zahlen des Einstiegs spucken neben dem Pokal-Aus nach sechs zusätzlichen Bundesliga-Partien Rang zwölf mit zwei Siegen, einem Unentschieden und drei Niederlagen aus. Neun eigenen Toren stehen bereits amtliche 14 Gegentreffer gegenüber. Wie also gestaltet sie sich, die nahe Zukunft des SV Werder Bremen? „Ich kann das noch gar nicht hundertprozentig einschätzen“, sagt Horst Steffen ehrlich. „Es ist noch früh in der Saison, warten wir es ab. Ich hoffe, dass wir uns verbessern und stabilisieren.“ Mit dem guten Miteinander als Schlüssel für regelmäßig gute Leistungen. „Das wird sicherlich noch besser, wenn wir uns noch besser anfreunden, mehr Dinge gemeinsam erleben und uns zusammen über Siege freuen“, glaubt Steffen. „Das schweißt noch mehr zusammen. Da kann ich vorher machen und tun, wie ich will – Siege sind dann doch immer wieder verbindend. Und das wollen wir weiterhin schaffen.“ (mbü)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Oliver Ruhnke
