Oliver Hüsing im DeichStube-Interview
„Paradebeispiel für die Zukunft des SV Werder“: LZ-Leiter Hüsing über Bremer Top-Talente und die nächsten Nachwuchshoffnungen
Oliver Hüsing spricht im DeichStube-Interview über seine Rolle als Leiter des Leistungszentrums des SV Werder, Bremer Top-Talente und Nachwuchshoffnungen!
Bestens gelaunt und überpünktlich erwartet Oliver Hüsing die DeichStube zum Interview, für das sich der organisatorische Leiter des Leistungszentrums des SV Werder Bremen ganz viel Zeit nimmt. Fast eine Stunde lang spricht der 33-jährige Ex-Profi über die Nachwuchsarbeit am Osterdeich. In Teil eins des Gesprächs geht es um Werders aktuelle Top-Talente und ihre ersten Schritte in der Bundesliga. Zudem gibt Hüsing seine Einschätzung zu möglichen Nachrückern aus dem LZ ab. Teil zwei, der über die Osterfeiertage erscheint, beinhaltet Hüsings Sicht auf das neue LZ, die Trainersuche, Kaderplanung und Wichtigkeit der eigenen U23 sowie seine eigene Zukunft.
Werder Bremens Olivier Hüsing im Interview: „In der Jugend steht über allem die Entwicklung“
Wie sehr raucht Ihnen gerade abends der Kopf, wenn Sie von der Arbeit nach Hause kommen?
Schon sehr. Gerade der März, April ist eine ganz interessante Phase: Es geht auf den Saisonwechsel zu. Da gehen spannende Themen mit einher – seien es Spieler, aber auch Personalien bei uns im Leistungszentrum. Dann haben wir parallel die Infrastrukturthemen, und die Budgetplanung für die kommende Saison steht an.
Sie hatten vergangenes Jahr betont, wie facettenreich, aber auch aufwühlend Ihr Job im LZ ist. Hat sich das inzwischen etwas gelegt?
Die Komplexität ist nach wie vor vorhanden. Ich habe sogar das Gefühl, dass es eher noch mehr Themen werden. Aber ich habe mich daran gewöhnt und muss nur dafür sorgen, dass ich ausreichend Sport mache und frische Luft kriege. Es ist wie mit einem Schwamm im Kopf, der sich am Ende des Tages komplett vollgesogen hat. Wenn ich mich verausgabe, dann löst sich das wieder, wird ausgepresst und ist wieder frei für Neues.
Welches Gefühl überwiegt aktuell bei Ihnen: Der Stolz darüber, dass aktuell so viele Spieler aus dem Nachwuchs oben andocken - oder der Ärger darüber, dass sich die Leistungsteams (U17, U19, U23) in ihren Ligen sportlich allesamt ziemlich schwertun?
Also zum ersten Teil der Frage: Stolz wäre für mich der falsche Ausdruck. Ich empfinde große Freude darüber, dass die Jungs es so toll machen. Aber mir ist wichtig zu betonen, dass ich das nicht für mich beanspruchen will - da haben andere Menschen hier im Verein einen deutlich größeren Anteil. Die Spieler wurden hier jahrelang richtig gut ausgebildet. Gerade wenn ich an Mick Schmetgens und Salim Musah denke. Karim Coulibaly und Patrice Covic wurden dann später dazugeholt. Für uns ist das ein Riesenmehrwert, der da gerade geschaffen wird. Das ist das Paradebeispiel, wie der Weg für Werder Bremen in der Zukunft aussehen soll. Trotzdem wäre es jetzt vermessen zu erwarten, dass das jedes Jahr so wunderbar läuft. Und doch ist der Handlungsauftrag an uns als LZ klar, sowas im besten Fall in jedem Jahr anzubieten.
Geht dieses Ziel automatisch zu Lasten von guten Ergebnissen für die U-Mannschaften?
Du kannst Jugendarbeit nicht mit dem Profifußballdenken vergleichen. In der Jugend steht über allem die Entwicklung. Das ist das Hauptkriterium, woran wir uns messen sollten. Wir müssen unsere Spieler besser machen. Gleichzeitig müssen wir eine Haltung haben, dass wir jedes Spiel gewinnen wollen mit allem, was wir haben. Das beißt sich manchmal ein bisschen. Aber ich bin überzeugt, dass beides parallel existieren kann.
Werder Bremens Olivier Hüsing im Interview: „Karim Coulibaly eine extrem hohe Grundqualität“
Wer könnten die nächsten Werder-Talente sein, die dauerhaft den Sprung in die Bundesliga schaffen?
Ich traue es einigen Spielern zu und es sind ein paar offensichtliche Namen dabei, die jetzt auch schon mal reingeworfen werden. Ich sehe aber auch dahinter zwei, drei Jungs, bei denen es richtig spannend werden könnte, möchte aber keine Namen nennen.
Was hat Karim Coulibaly zu seinem steilen Aufstieg verholfen?
Karim hat eine extrem hohe Grundqualität. Er ist fußballerisch richtig gut, hat einen super linken Fuß, spielt immer wieder diese messerscharfen Bälle durchs Zentrum, auch halb diagonal. Fast noch cooler finde ich, dass er sich das immer wieder zutraut, auch wenn mal einer nicht ankommt. Das ist eine große Qualität, sich da nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Dazu ist er physisch stark und im Zweikampf total gut. Am beeindruckendsten ist, dass ich das Gefühl habe, er lässt das alles gar nicht zu sehr an sich rankommen.
Sie meinen die Gerüchte um seine Person?
Genau. Er beschäftigt sich nicht zu viel Drumherum, sondern spielt einfach Fußball. Das ist schön zu sehen. Er könnte noch A-Jugend spielen, das vergisst man schnell. Wir sollten uns alle bei Werder darüber freuen, wie die Situation gerade ist. Wir haben mit Mio Backhaus ja auch noch einen Stammtorhüter aus den eigenen Reihen. Das darf dann in die Bewertung der sportlichen Gesamtsituation noch mehr mit einfließen, weil das ein ganz hohes Gut ist. Das kommt mir hier und da zu kurz.
Werder Bremens Olivier Hüsing im Interview über Torwart-Talent Stefan Smarkalev: „Er ist auf einem total guten Weg“
Mio Backhaus macht es aktuell so gut, dass er im Sommer als Verkaufskandidat gilt. Aus dem LZ könnte in Stefan Smarkalev ein weiteres Torhüter-Talent aufrücken. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?
Ich mag ihn total gerne als Typen und als Torhüter, weil er auf dem Platz extrovertiert und im allerbesten Sinne positiv bekloppt und laut ist. Als Innenverteidiger hätte ich es cool gefunden, Stefan hinter mir zu haben. Weil du immer das Gefühl hast, der ist total aktiv, der lässt sich von nichts einschüchtern. Er geht auch mal einen an oder macht den Schützen beim Elfmeter vogelig. Er hat sicherlich auch noch ein, zwei Themen, kann noch stabiler werden. Aber ich glaube, er ist auf einem total guten Weg. Ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht.
Vor wenigen Tagen gab es ein vereinsinternes Testspiel der Profis gegen die U23 – welchen Stellenwert und Nutzen haben solche Duelle für die Talente?
Da kann ich aus eigener Erfahrung erzählen, dass das für mich immer die absoluten Highlights waren. Da bist du nochmal anders angezündet. Du weißt, das ist eine Bühne, die dir geboten wird. Da guckt der Profitrainer zu, ein Sportdirektor, vielleicht sogar ein Geschäftsführer. Besser geht es ja gar nicht. Wenn ich da nicht auf mich aufmerksam mache, wann dann? Deswegen ist es eine coole Gelegenheit für die Jungs, zu zeigen, was sie drauf haben. Für unsere Jungs ist das Gold wert.
Eines der Talente, das sich dort zeigen durfte und einen guten Eindruck hinterlassen hat, ist Kevin Manthey. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Wie sehen Sie ihn?
Er hat ein spannendes Profil. Er ist 1,90 Meter groß, sehr schnell und wuchtig. Trotzdem hat er auch noch seine Themen: erster Kontakt, Spielverständnis, Aktivität, Bälle festmachen. Da geht noch mehr.
Werder Bremens Olivier Hüsing im Interview über Salim Musah: „Solch eine Physis gepaart mit dem Tempo, das findet man selten“
Klingt ein wenig wie das Profil von Salim Musah. Glauben Sie, dass er nach seinen ersten Kurzeinsätzen in der Bundesliga bald noch mehr Spielzeit erhält?
Das liegt nicht in meinem Tanzbereich. Trotzdem ist Salim natürlich ein spannender Spieler. Solch eine Physis gepaart mit dem Tempo, das findet man selten. Deswegen sind wir froh, dass er bei uns ist. Er kann eine richtige Waffe sein mit seinen Attributen und kann auch aufgrund der Personalsituation noch eine wichtige Rolle spielen. Generell ist für Salim wichtig, dass er über einen langen Zeitraum fit und stabil bleibt, dann bin ich überzeugt, dass wir noch viel Freude an ihm haben werden.
Wie kann Werder junge Talente von sich überzeugen und wie sehr hilft die Tatsache, dass einige gerade in der Bundesliga anklopfen?
Die Durchlässigkeit nach oben ist natürlich eines der Hauptargumente und es ist ein starkes Zeichen, wenn du sagen kannst, du kannst bei Werder Bremen diese Schritte bis zur Bundesliga gehen. Es gibt aber auch andere Faktoren, weil wir keinem versprechen können, dass er hier Profi wird.
Welche sind das?
Wir wollen auch den Menschen entwickeln, dabei ist die Schule ganz, ganz wichtig. Dann haben wir tolle Bedingungen: Aus dem Internat im Weserstadion guckst aus dem Hausaufgabenraum auf den Platz. Cooler geht es doch nicht. Generell wollen wir vermitteln, dass es hier zu Sache geht, dass wir Menschen haben wollen, die richtig Bock haben, sich zu entwickeln, vorankommen wollen und bereit sind, den Extrameter zu gehen. Nur so geht es. (mwi)
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