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„Keiner weiß, wer Häuptling und Indianer ist“: Werders sportliche Misere und ganz viel Talentförderung – so lief der fünfte DeichTalk
Fünfter DeichTalk der DeichStube - diesmal on Tour im Modehaus Maas in Bassum: DeichStube-Chefredakteur Björn Knips hat mit seinen Gästen über die sportliche Lage, aktuelle Probleme, Perspektiven und Hoffnungen sowie über die Nachwuchsförderung des SV Werder Bremen gesprochen.
Bassum – Felix Wiedwald und Alexander Nouri haben sie gemeinsam erlebt, diese Momente, in denen der Bundesliga-Alltag nicht ganz so einfach ist. Wenn die Ergebnisse plötzlich nicht mehr stimmen. Da kommt dann schnell eine gewisse Unruhe auf. Ein paar Jahre ist das für die beiden inzwischen her, doch beim SV Werder Bremen läuft eben auch aktuell nicht alles rund, weshalb beim fünften DeichTalk der DeichStube eifrig über den Ist-Zustand der Grün-Weißen diskutiert wurde. Und passenderweise gehörten Wiedwald und Nouri neben Werder-Geschäftsführer Tarek Brauer sowie Radio-Bremen-Reporter Heiko Neugebauer zur von DeichStube-Chefredakteur Björn Knips moderierten Gesprächsrunde, die mit dem Publikum im Bassumer Modehaus Maas eine 90-minütige Reise durch die Bremer Fußball-Welt unternahm.
„Der Trainer ist am Ende immer das schwächste Glied, weil es schwer ist, die ganze Mannschaft auszutauschen“, erklärte Felix Wiedwald mit Blick auf die vereinzelten Diskussionen, die es momentan rund um Werder Bremen-Coach Ole Werner gibt. Der 33-Jährige kennt die Spielersicht, erlebte Werders dramatisches Abstiegsfinale 2016 gegen Eintracht Frankfurt hautnah mit. Auch aus dieser Zeit weiß er: „Fußball ist riesige Kopfsache. Du kannst als Spieler nicht immer alles ausblenden, bekommst vieles aus dem Umfeld und den Medien mit. Du gehst mit einem kleinen Rucksack in die Spiele – und wenn dann ein kleines Negativerlebnis kommt, kannst du dein Spiel schwieriger umsetzen.“
Alexander Nouri im DeichTalk über die Lage des SV Werder Bremen: „Wenn alle alles reinhauen, aber der Erfolg nicht da ist, sind automatisch die Zweifel groß“
Bekanntlich gelang Werder Bremen 2016 die Rettung, wenige Monate später übernahm dennoch in Alexander Nouri ein neuer Mann das Kommando. Doch auch er hatte es nicht immer leicht, weshalb er sich stetig selbst hinterfragte. Wenn die gewünschten Resultate ausbleiben, gibt es für ihn nur eine Lösung: „Du musst als Trainer etwas verändern. Du kannst ja trotzdem überzeugt von deiner Art sein, wie du spielst – aber sie ist eben nicht erfolgreich“, erklärte der 44-Jährige. „Wenn alle alles reinhauen, aber der Erfolg nicht da ist, sind automatisch die Zweifel groß, und die Köpfe gehen runter. Also musst du als Trainer versuchen, einen anderen Impuls zu setzen, damit die Spieler eine Veränderung erleben, an die sie wieder glauben können.“
Tarek Brauer ist überzeugt davon, dass Ole Werner genau das hinbekommen wird. Der Geschäftsführer des SV Werder Bremen ist keinesfalls zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf, betonte aber: „Wir sind nicht mega überrascht vom Tabellenstand und von der Tatsache, dass die Leistungen schwankend sind. Wir haben eine ganz neue Mannschaft, die sich erst finden muss und in der sich neue Hierarchien herausbilden müssen.“ Ganz ähnlich sieht es Hörfunk-Reporter Neugebauer: „Alphatiere wie Niclas Füllkrug sind weg oder spielen nicht – wie Leonardo Bittencourt. Im Moment weiß keiner, wer eigentlich Häuptling und wer Indianer ist“, verdeutlichte der 60-Jährige: „Das Erste, was immer passiert, wenn sich eine Mannschaft neu finden muss, ist, dass es zu Lasten der Kompaktheit geht.“ Doch genau die sei unverzichtbar, befand Alexander Nouri: „Ein Verein wie Werder braucht diese zwei, drei Prozent mehr Geschlossenheit, weil du vielleicht nicht mehr diese herausragende individuelle Qualität hast. Da muss alles ineinandergreifen, damit du Bundesligaspiele für dich entscheiden kannst.“
Werder-Fehlstart, Talentejagd und Nachwuchsfußball: Fünfter DeichTalk mit Nouri, Wiedwald und Co. – die besten Fotos des Abends
Geschäftsführer Tarek Brauer: Darum ist das LZ in der Pauliner Marsch so wichtig für Werder Bremen
Beim Wunsch nach zusätzlicher individueller Qualität ist die Talentförderung ein ganz entscheidendes Element. Bei Werder Bremen ist die Nachwuchsarbeit zentraler Baustein der täglichen Arbeit, aktuell dreht sich viel um die Modernisierung des Leistungszentrums (LZ). Tarek Brauer ist entscheidend in die Entwicklungen involviert und verdeutlichte jetzt noch einmal, warum die Jungkicker trotz aller Diskussionen um einen möglichen Umzug des LZ auch weiterhin am Osterdeich ausgebildet werden sollen: „Wir glauben, dass es noch wichtigere Dinge gibt als viel Fläche und hochmodernes Bauwerk, nämlich Kultur und Identität“, sagte der 45-Jährige. „Dort ist unsere Heimat, und das hat einen ganz großen Wert für uns.“
Die Lage des Internats von Werder Bremen im Wohninvest Weserstadion begeisterte dabei zu Juniorenzeiten nicht nur Felix Wiedwald, sondern auch Alexander Nouri. „Mich hat es als Junge inspiriert und berührt, weil ich immer diesen Traum hatte, in diesem Stadion zu spielen oder zu wirken.“ Als Trainer gelang es dem heute 44-Jährigen, der inzwischen mit seiner Firma „International Football Concepts“ Vereine und Verbände in Sachen Talentförderung berät. Ausführlich referierte Nouri an diesem Abend über sein Herzensthema und erklärte: „Die Kinder lernen durch Erfahrungen, die sie selbst machen – und man lernt am besten, in dem man viele Ballaktionen hat, bei denen von draußen nicht permanent einer reinbrüllt.“
Fünfter DeichTalk der DeichStube mit Werder Bremens Geschäftsführer Tarek Brauer, Ex-Trainer Alexander Nouri und Co.
Bei dieser Einschätzung sprang ihm Werder Bremens Geschäftsführer Tarek Brauer prompt zur Seite: „Die Eltern sind das größte Problem für die fußballerische Entwicklung der Kinder“, meinte er. „Es gibt natürlich auch Trainer, die viel zu viele Kommandos reinrufen, aber Eltern müssen ihre Kinder in einem Spiel einfach ihre Erfahrungen sammeln lassen und ihnen nicht hinterher auch noch erklären, was sie falsch gemacht haben.“ Brauer wusste, wovon er spricht – auch er hatte seinen Junior einst mit Kommandos überhäuft. Der Erfolg war überschaubar. „Ich habe diese leidvolle Erfahrung als Vater selbst gemacht, aber ich habe daraus gelernt.“ Lernen sollen natürlich auch die Talente. Und möglichst lange im Verein bleiben sollen sie auch. In der Realität ist das nicht immer ganz so einfach. Deshalb betonte Nouri: „Wenn du es nicht schaffst, einem jungen Spieler in deinem Kader eine realistische Perspektive aufzuzeigen, wirst du ihn irgendwann verlieren.“ (mbü/kni)