Aufsichtsrat gerät ins Blickfeld
Kruses Vorpreschen und die Folgen - eine Einordnung
Bremen - Die deutlichen Worte von Max Kruse – sie hallen immer noch nach. Und es stellt sich die Frage: Wird Werder dem Ruf seines besten Spielers nach Verstärkungen für den Abstiegskampf nachkommen?
Die Antwort darauf dürfte nicht nur entscheidend für die Bremer Zukunft in der Bundesliga sein, sondern auch für Kruses Verbleib in der Hansestadt. Der 29-Jährige will nicht allein um den Klassenerhalt spielen. Dafür muss sich Werder strecken – und so richtet sich Kruses Forderung nicht allein an die Geschäftsführung. Nun ist auch der Aufsichtsrat in der Pflicht, Worten Taten folgen zu lassen.
„Wenn wir der Meinung sind, dass wir etwas tun müssen, dann können wir das“, hatte Aufsichtsratschef Marco Bode unlängst im Trainingslager des Bundesligisten im spanischen Algorfa gesagt. Er betonte aber auch, dass aktuell „nichts auf dem Tisch liegt“. Das wiederum rückt die Geschäftsführung ins Blickfeld. Sucht Sportchef Frank Baumann nicht gut genug? Oder macht sein vorhandenes Budget die Auswahl so klein und einen Transfer quasi unmöglich?
Kohfeldt setzt nicht mehr auf Hajrovic
Es geht vor allem um eine Position: einen Außenstürmer. Werder will einen Ersatz für Fin Bartels. Nicht eine Kopie, aber eben einen Spieler, der Tempo und spielerische Klasse mitbringt. Diese Kombination ist entscheidend. Denn Tempo hat Werder durchaus selbst im Kader – in Person von Izet Hajrovic. Doch der 26-Jährige ist bei allem Engagement spielerisch und taktisch limitiert. Im Testspiel in Spanien gegen Twente Enschede hatte er sich noch einmal beweisen dürfen und zeigte seine altbekannten Schwächen. Von der Startelf ging es quasi direkt auf die Tribüne beim Rückrundenauftakt gegen Hoffenheim. Trainer Florian Kohfeldt machte damit mehr als deutlich, dass er nicht mehr auf Hajrovic setzt.
Dann schon eher auf Aron Johannsson. Doch das ist riskant, der US-Nationalspieler fällt immer wieder verletzungsbedingt aus. Im Gegensatz zu Florian Kainz, dem Dauerbrenner. Der Österreicher hat sich mit guten Leistungen einen Stammplatz gesichert. Er ist schließlich auch ein echter Außenstürmer. Alle weiteren Optionen im Kader sind Notlösungen. Ishak Belfodil, Zlatko Junuzovic und Johannes Eggestein spielen lieber im Zentrum – und sind dort in der Tat auch besser aufgehoben.
Lösung hat ihren Preis
Fazit: Es muss gerade für das aktuell favorisierte 4:3:3-System ein neuer Außenstürmer her. Dabei hat Baumann stets betont, nur jemanden verpflichten zu wollen, „der uns auch wirklich weiterhilft“. Kohfeldt hob zudem hervor, dass es nicht nur um die Rückrunde gehen darf. Es muss also ein schneller, technisch und taktisch versierter Spieler mit Perspektive her, der möglichst sofort funktioniert. Diese Lösung hat ihren Preis – in der Ablöse und im Gehalt. Mindestens fünf Millionen Euro muss Werder wohl auf den Tisch legen, wahrscheinlicher ist sogar eine Ablöse, die fast zweistellig sein dürfte. Dazu kommt noch das Jahressalär für den neuen Mann. Ein ordentliches Paket, das für einen Club wie Werder nur schwer zu schnüren ist – gerade im Winter, wenn keine eigenen Transfereinnahmen generiert wurden.
Unmöglich ist es aber auch nicht. Bode nannte in Spanien freilich keine Summen, er beschrieb aber Werders Grundidee. Das Ziel sei es, dauerhaft einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen und ein wirtschaftliches Plus zu erzielen. „Das darf man aber nicht auf jedes Jahr herunterbrechen“, meinte Bode. Er sieht darin einen längeren Prozess. Mal müsse man mehr ausgeben, weil es sportlich nicht läuft, andererseits müsse auch mal gespart werden.
Ein Abstieg kostet richtig Geld
Spart Werder jetzt, könnte es im Sommer teuer werden. Ein Abstieg kostet richtig Geld. Das weiß natürlich auch der Aufsichtsrat. Allerdings ist da auch die gute sportliche Entwicklung der Mannschaft. Unter Kohfeldt wird wesentlich besser gespielt – und auch erfolgreicher. Elf Punkte aus acht Partien sind ordentlich. Mehr aber auch nicht. Werder steht immer noch auf dem Relegationsplatz. Bleibt es im Schnitt bei dieser Ausbeute (1,375 pro Spiel, noch 16 Partien), hat Werder am Ende 38 Punkte auf dem Konto. Das könnte für den Klassenerhalt reichen, muss es aber nicht. Und es ist kaum auszudenken, was passiert, wenn sich ein Max Kruse verletzt. Auch ein Kainz ist in diesem Kader eigentlich nicht mehr zu ersetzen.
Kohfeldt selbst fordert keine neuen Spieler, er zeigt sich loyal gegenüber dem Club und vor allem Sportchef Baumann. Jeder andere Trainer, den Werder als Ersatz für Alexander Nouri geholt hätte, wäre da öffentlich vermutlich anders aufgetreten. Niemand weiß allerdings, was intern läuft, ob Kohfeldt sich da nicht ganz anders positioniert hat.
Baumann gewährt Kruse Meinungsfreiheit
Nun ist Kruse mit seinem Interview in der ARD-Sportschau direkt nach dem Spiel gegen Hoffenheim vorgeprescht. „Ich bin gespannt, ob wir auf dem Transfermarkt noch 'was machen. Wenn wir weiter nach oben kommen wollen und das Ziel, was wir uns immer gesetzt haben, erreichen wollen, müssen wir zwangsläufig auch nachlegen“, hatte Kruse gesagt. Er sprach dabei zwar eher von Spielern für die zweite Reihe, sagte aber auch: „Jede Verstärkung tut uns gut.“ Qualität soll also her. So deutlich äußert das selten ein Spieler via TV-Interview, die Vereinsoberen mögen das nicht. Baumann hat Kruse dafür allerdings öffentlich nicht gerüffelt, ihm stattdessen diese Meinungsfreiheit gestattet. Das liegt zum einen sicherlich an der Sonderrolle Kruses bei Werder, zum anderen aber auch daran, dass Baumann um die Notwendigkeit von Verstärkungen weiß. Die Bremer sollten nicht einem Kader vertrauen, der in Bartels einen Leistungsträger verletzungsbedingt für den Rest der Saison verloren hat. Aber Baumann kann nur mit dem vorhandenen Geld tätig werden. Braucht er mehr, muss der Aufsichtsrat nicht nur sagen, dass er grünes Licht geben kann, sondern es auch tun. Bis Ende Januar bleibt noch Zeit, dann schließt das Transferfenster.
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