Nach der Forderung nach Verstärkungen
Baumann gewährt Kruse volle Meinungsfreiheit
Bremen - Irgendwann kam Julian Nagelsmann bei seiner launigen Spielanalyse auch bei Max Kruse an. Nicht, dass der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim den Namen nannte, aber als er von zwei „Freigeistern“ im Bremer Spiel sprach, war klar, dass einer dieser Geister nur Kruse sein konnte.
Einer, der auf dem Platz quasi keine Zwänge kennt. „Wahrscheinlich gewollt“, sei diese Sonderrolle, mutmaßte Nagelsmann nach dem 1:1 seines Teams bei Werder Bremen und lag damit natürlich richtig. Der Kollege Florian Kohfeldt hatte zuletzt schließlich schon mehrfach betont, dass Kruse bei ihm – überspitzt gesagt – machen darf, was er will. Und das gilt offenbar nicht nur für Handlungen während des Spiels, sondern auch für Äußerungen danach.
Kruse war es, der nach dem 1:1 gegen Hoffenheim vor der ARD-Kamera ungetarnt in die Diskussionen um personelle Verstärkungen bei Werder eingriff. Während sich Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann in den vergangenen Wochen beinahe schon die Lippen fransig geredet hatten, dass Neuzugänge in der aktuellen Transferperiode kein „Muss“, sondern ein „Kann“ seien, sagte Kruse klipp und klar: „Ich bin gespannt, ob wir auf dem Transfermarkt noch 'was machen. Wenn wir weiter nach oben kommen wollen und das Ziel, was wir uns immer gesetzt haben, erreichen wollen, müssen wir zwangsläufig auch nachlegen. Ich glaube, gerade in der zweiten Reihe müssen wir noch 'was tun. Das ist nichts gegen die Spieler, die wir haben, aber wir müssen einfach breiter aufgestellt sein. Jede Verstärkung tut uns gut.“
Baumann: „Das ist überhaupt kein Problem für uns“
Howgh! Häuptling Kruse hat gesprochen! Und wie denkt Frank Baumann über diesen Vorstoß? Antwort: Er macht es wie Kohfeldt und gewährt seinem besten Spieler die totale (Meinungs)Freiheit. „Es ist alles gut zwischen uns. Das ist überhaupt kein Problem für uns. Er hat doch nichts anderes gesagt als wir“, betonte der Sportchef gegenüber der DeichStube.
Doch das ist so nicht richtig. Die Linie der Werder-Verantwortlichen war es immer, den bestehenden Kader stark zu reden und Neuzugänge als Option zu behandeln. Motto: Wenn wir jemanden finden, ist es gut. Wenn nicht, aber auch. Und nie haben Baumann oder Kohfeldt davon gesprochen, „zwangsläufig nachlegen“ zu müssen oder „gerade in der zweiten Reihe etwas tun“ zu müssen. Kruse tut es. „Es ist gut, dass Max mutig ist – auf dem Platz und auch außerhalb“, sagte Kollege Theodor Gebre Selassie über den Vorstoß – es konnte als zaghafte Zustimmung gewertet werden.
Zweite Reihe: Gondorf überzeugt gegen 1899, Belfodil eher nicht
Die von Kruse angesprochene zweite Reihe war auch gegen Hoffenheim ein Thema gewesen – wegen Ishak Belfodil im eher negativen Sinn, wegen Jerome Gondorf dagegen im positiven. Während Belfodil als Sturmspitze nur in wenigen Aktionen der ersten Halbzeit eine Bereicherung war, war der Aufschwung in Halbzeit zwei eng mit der Einwechslung von Jerome Gondorf verbunden. Weil er kam, konnte Kruse ganz nach vorne gehen. Und Werder spielte fortan zielstrebiger nach vorne. Zweite-Reihe-Gondorf über seine Rolle: „Ich glaube, dass ich wieder zeigen konnte, dass ich der Mannschaft Leben einhauchen kann. Das hat auch das Trainerteam gesehen.“
Die zweite Reihe bei Werder hat also durchaus etwas zu bieten, laut Kruse aber nicht genug. Baumann wollte bis zu dessen Wortmeldung die Notwendigkeit von Verstärkungen nicht öffentlich anerkennen und macht es auch danach nicht. „Natürlich gibt es unter uns allen ein Grundverständnis, den Kader so gut wie möglich aufzustellen. Aber wir haben aktuell einen guten Kader, gute Spieler und gute Optionen – auch in der Breite.“ Dass Kruse etwas anderes sagt, passt zu ihm als Typ – und auch als Fußballer. „Es ist eine große Stärke von uns, dass Max sich gegenläufig bewegen kann“, hat Kohfeldt am Samstag gesagt – das war noch vor Ausstrahlung des ARD-Interviews.
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