Bittencourt im DeichStube-Gespräch
„Ich lebe immer an der Grenze“: Werder-Profi Bittencourt im Interview über seine Emotionalität, Ich-AGs im Fußball und Auslandsträume
Bremen - Es dauert nicht lange, dann ist Leonardo Bittencourt auf Betriebstemperatur. Beim Interviewtermin mit der DeichStube wandern die Mundwinkel des 31-Jährigen schnell nach oben, mit guter Laune, aber auch klaren Worten spricht er über seine eigene Situation und den SV Werder Bremen insgesamt, für den er mittlerweile seit mehr als vier Jahren aufläuft. Immer im Gepäck: eine gehörige Portion Emotionalität - ganz egal, ob auf oder neben dem Platz. Während des Gesprächs hat der Profi dann verraten, wie gefangen er mitunter in seiner Gefühlswelt ist und wo er gern noch einen Teil seiner Karriere verbringen würde.
Wie sieht das perfekte Spiel für Sie aus?
Mit viel Sonne auf jeden Fall. So kalt wie jetzt gerade ist es dabei auf jeden Fall nicht. (grinst)
Dauert es momentan länger, bis Sie auf dem Platz so richtig auf Touren kommen?
Im Training ja, das merke ich. Man wird ja auch nicht jünger. Die kalten Füße hinterher sind auch alles andere als schön. (lacht)
Kehren wir trotzdem nochmal zur Eingangsfrage zurück: Wie sieht das perfekte Spiel rein sportlich aus?
Es endet mit einem Sieg.
So einfach?
Klar.
Sonst muss nichts stimmen?
Okay, es ist schon schön, wenn man gewinnt und dabei gut spielt.
Folglich haben Sie Ihr persönlich perfektes Spiel auch schon erlebt?
Schon oft. Es wäre schlimm, wenn nicht. Manchmal ist ein perfekter Sieg auch einer, der schmutzig ist. Aber ich bin schon ein Freund davon, dass es eine geschlossene Mannschaftsleistung mit einer gewissen Dominanz gibt.
Wie schwierig ist es aktuell bei Werder, ein perfektes Spiel zu erleben?
In den letzten fünf Spielen haben wir vielleicht von den Ergebnissen her nicht das perfekte Spiel hingelegt, aber die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, hat mir viel Spaß gemacht. Uns haben die zu einfachen Gegentore die Punkte gekostet, was schade ist, denn da wäre sonst sicherlich das eine oder andere perfekte Spiel dabei gewesen.
Werder Bremens Leonardo Bittencourt im DeichStube-Interview: „Würde gerne ein Abenteuer im Ausland starten“
Es ist zehn Monate her, dass Werder letztmals in Stuttgart gefordert war. Der VfB stand damals noch auf Platz 16, Trainer war Bruno Labbadia und Sie gewannen mit Ihrer Mannschaft 2:0. Inzwischen sind die Schwaben Tabellendritter und überraschen die Liga. Was muss in Bremen passieren, damit solch ein schneller Wandel möglich ist?
Ich denke, das hat immer mit dem gewissen Quäntchen Glück bei den Entscheidungen zu tun, die getroffen werden und in welchem Rahmen der Möglichkeiten man sich bewegt. Wenn man uns in der Hinrunde der Vorsaison gesehen hat, hätten wir sicher nicht den jetzigen Stuttgarter Weg gehen können – aber vielleicht einen besseren, wenn wir im Winter noch den einen oder anderen Spieler dazugeholt hätten. Die Möglichkeiten waren aber finanziell nicht gegeben und das Risiko zu hoch.
Kürzlich hat Mitchell Weiser erzählt, dass er bald 30 wird und deshalb darüber nachdenkt, was er in seiner Karriere noch alles erleben will. Ihr 30. Geburtstag kommt sogar noch früher, am 19. Dezember ist es soweit. Wie steht es um Ihre Karriereplanungen?
Grundsätzlich fühle ich mich in der Bundesliga sehr wohl, besitze noch einen Vertrag hier und denke, dass ich noch einige Jährchen ganz gern in der Liga spielen würde. Danach würde ich aber auch gern ein Abenteuer im Ausland starten.
Wie sehen die Vorgaben aus? Hauptsache warm?
Das hat oberste Priorität. (lacht).
Dann Saudi-Arabien vielleicht?
Das weiß ich nicht, aber eher nicht. Es soll ja auch für die ganze Familie angenehm sein. Grundsätzlich wird Geld nicht die allergrößte Rolle spielen. Die USA sind immer spannend, Brasilien ebenfalls. Auch Italien oder Spanien wären interessant.
Geht es auch um Titelchancen?
Ich bin für alles offen. Es könnten zum Beispiel auch die Niederlande sein. Ich habe da kein klares Ziel, sondern nach dann 14, 15 Jahren Bundesliga einfach Lust auf etwas Neues. Vielleicht verlängere ich am Ende aber auch nochmal hier.
Leonardo Bittencourt im DeichStube-Interview - Kann Werder Bremen in der Bundesliga mal wieder nach oben schauen?
In Bremen geht es vorrangig um den Klassenerhalt. Mitchell Weiser hat durchklingen lassen, dass er gern höhere Ambitionen verfolgen würde. Können Sie mit Werders aktuellem Fokus leben? Oder muss man sich einfach fügen?
In erster Linie muss man sich fügen. Zweitens sieht man als Spieler aber auch selten, was da finanziell für den Verein noch mit verbunden ist. Wir merken, dass sich die Zeiten geändert haben. Jeder Cent wird umgedreht, nicht mehr jeder Verein kann risikolos investieren. Ich würde mich auch freuen, wenn wir einen Kader hätten, mit dem wir nach Größerem greifen könnten – ob es dann wirklich funktioniert, ist noch einmal eine andere Sache. Es ist gut, die Ambition zu haben, hier mal wieder international zu spielen, aber das ist momentan nicht realistisch.
Woraus ziehen Sie dann Ihre Motivation, wenn man tabellarisch eigentlich nicht nach oben schauen kann?
Aus der Aussicht Spiele zu gewinnen. Nur weil wir die Ambition, oben mitzuspielen, nicht formulieren, heißt es ja nicht, dass es nicht trotzdem klappen kann. Der Versuch ist immer da, denn sonst bräuchten wir nicht zu spielen. Du willst immer das Maximale erreichen. Ich bin vor einigen Jahren mit dem 1. FC Köln mal Fünfter geworden. Die Ambition hatten wir nicht dafür, aber wir sind so aufgetreten, dass wir jede Chance ergriffen haben, um vielleicht das Unmögliche möglich zu machen.
Werder Bremen agiert defensiver als zuvor - so bewertet Leonardo Bittencourt seine Rolle im DeichStube-Interview
Werder ist seit einiger Zeit wesentlich kompakter unterwegs, auch Sie interpretieren Ihre Rolle als Achter defensiver als zuvor. Wie oft müssen Sie sich noch bremsen, um nicht doch zu weit aufzurücken?
Nicht mehr viel, das passt schon.
Fühlen Sie sich nicht trotzdem ein Stück weit Ihrer offensiven Stärken beraubt?
Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder defensiv ausgeholfen, unter Florian Kohfeldt schon mit Nuri Sahin oder Davy Klaassen gemeinsam auf der Sechs gespielt. Ich glaube, dass meine Stärken mittlerweile darin liegen, die Mannschaft vom Mittelfeld aus zu lenken. Dass ich nicht mehr so oft mit nach vorne komme, hat sicherlich teilweise mit dem System zu tun, aber auch mit der Art, wie ich mittlerweile Fußball spiele. Ich bin ein giftiger Spieler und versuche, der Mannschaft mit abgefangenen und eroberten zweiten Bällen zu helfen. Es macht mir jedenfalls gerade extrem viel Spaß auf dieser Position.
Aber wann spielen Sie das erste Mal durch in dieser Saison?
(lacht) Das müssen Sie den Trainer fragen. Die Position ist aber auch extrem kräftezehrend.
Wie groß ist Ihre Angst, dass früher oder später ein jüngerer Spieler kommt und Ihnen den Platz im Team einfach wegnimmt?
Angst habe ich nicht. Ich würde mich freuen, wenn da jemand nachkommt, denn dieser Spieler macht mich auch wieder besser. Ich war auch mal jung und habe jemandem den Platz weggenommen. Da kann ich doch jetzt nicht sagen, dass wir eine ambitionierte Mannschaft haben wollen, aber bitte keine Jungs, die mir Konkurrenz machen. Je breiter und besser der Kader ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es für uns alle, am Erfolg teilzuhaben. Deshalb bekommt auch jeder junge Spieler von mir jegliche Unterstützung – denn ich wurde früher auch so an die Hand genommen, was mir sehr geholfen hat.
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„Fußball ist manchmal wie Big Brother“: Leonardo Bittencourt erklärt Disput mit Werder Bremen-Trainer Ole Werner
Gibt es dennoch im Training auch mal den einen oder anderen Spruch oder Rempler extra?
Natürlich. Im Fußball muss man sich ein Stück weit immer verteidigen. Ich habe es damals in Cottbus auch nicht leicht gehabt und immer zu hören bekommen, dass es jetzt Männerfußball sei und ich gefälligst wieder aufstehen solle. Das ist nicht böse gemeint, aber es wird immer gestichelt. Für mich war ohnehin wichtiger, ob später neben dem Platz weiter probiert wurde, mich kleinzukriegen oder ob probiert wurde, mich zu motivieren und aufzubauen. Es gibt zwei Gesichter für einen Profi: eines auf dem Platz und eines daneben. Man darf das nie zusammenbringen, denn sonst entsteht keine Harmonie. Ich persönlich möchte jedem helfen, diesen besten Beruf der Welt zu leben. Auch wenn es viele nicht so coole Momente gibt.
Zum Beispiel?
Sportlich schlechte Phasen, die Medien, öffentliche Kritik, die Berühmtheit. Es ist immer ein Auge auf dir drauf, das muss man einfach wissen.
So wie bei Ihrem gestenreichen Disput mit Trainer Ole Werner am ersten Spieltag, nach dem sie erst einmal auf der Bank saßen. Wie sehr nervt es Sie, dass diese Szene an Ihnen haftet?
Ich finde es krass, dass es von außen meist anders wirkt als das, was ich eigentlich mache. Mir wurde damals im Gespräch hinterher auch gesagt, dass ich eigentlich nichts Schlimmes gemacht habe. Ich habe in all den Jahren meiner Karriere nie einem Trainer widersprochen oder war zu ihm respektlos. Und überhaupt: Wenn ich mit jemandem ein Problem habe, dann kläre ich das unter vier Augen. Im Fußball ist es manchmal wie bei „Big Brother“: Irgendwann vergisst du die ganzen Kameras. Auf dem Platz bin ich 90 Minuten so im Spiel gefangen, dass ich nur noch daran denke. Und ich wollte in dem Moment einfach nur wissen, warum ich ausgerechnet jetzt gegen Bayern München ausgewechselt werde.
Mit Folgen…
Mir wurde mitgegeben, dass ich gerade als erfahrener Spieler darauf achten soll, wie etwas rüberkommen kann, wenn ich da direkt an der Seitenlinie etwas mache oder sage. Hinterher wurde in der Öffentlichkeit ein Riesending daraus gemacht. Man muss damit leben, dass die mediale Welt gewisse Dinge aufgreift, die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Trotzdem kann es eben passieren, dass sich die ganze Sache hochschaukelt und man als Spieler insgesamt noch etwas abgenervter von der gesamten Situation ist.
Emotional und giftig: So sieht sich Werder Bremens Leonardo Bittencourt auf dem Platz
Stichwort Emotionalität: Wie schwierig ist es, nicht den einen Schritt zu weit zu gehen?
Inwiefern? Bei einer Roten Karte?
Beispielsweise. Nehmen wir zuletzt gegen Leverkusen die Szene mit Schiedsrichter Martin Petersen, als Sie ihm mit dem Kopf auf die Hand stoßen, als er die Gelbe Karte zückt. Ist da die Gefahr nicht viel zu groß, dass ausgerechnet dieses Mal ein Schiedsrichter das als Tätlichkeit wertet und statt Gelb sogar Rot zieht?
Das Gute ist ja, dass ich die Jungs schon lange kenne.
Und die Sie auch…
Genau. Und ihr hört ja auch nicht, was ich in dem Moment zusätzlich noch sage. Dann fasst ein Schiedsrichter das auch noch einmal anders auf. Wenn man meine Statistik sieht, dann habe ich auch noch nicht so furchtbar viele Rote Karten (eine in der Bundesliga, Anm. d. Red.). Ich habe also immer noch die Grenze gefunden. Aber mein Vater hat mich hinterher auch gefragt, was ich da gemacht habe. Man kann das nicht beschreiben, wenn man es nicht selbst erlebt hat. So bin ich einfach. Aber ich habe mich am Ende immer ganz gut im Griff. Ich gehe nicht als Rüpel durch, glaube ich. Ich lebe halt immer an der Grenze.
In der Außendarstellung wirkt es aber schnell so, als wenn da jemand sein eigenes Ding macht. Von Fußballern wird ja ohnehin gern als „kickende Ich-AGs“ gesprochen. Wie viele Individualisten verträgt eine Mannschaft?
Es ist immer gut, Individualisten zu haben, weil diese sehr erfolgsorientiert sind. Ich würde mich aber nicht als „Ich-AG“ bezeichnen. Wenn man meine Spiele sieht, dann sollte man erkennen, dass ich ein Typ bin, der immer alles für die Mannschaft tut. Ja, jeder Profi spielt auch immer für sich selbst, am Ende muss man aber das große Ganze sehen. Dennoch muss eine Mannschaft immer mit verschiedenen Charakteren gespickt sein. Wenn dann alle in ihren Grenzen den gemeinsamen Weg mitgehen, wirst du auch erfolgreich sein.
Werder Bremens Leonardo Bittencourt erzählt im DeichStube-Interview von Druck und Schmerzen beim Fußball
Sie treiben die Kollegen auch verbal an – egal ob im Training oder Spiel. Können die Mitspieler es eigentlich noch hören, wenn sie immer wieder lautstark „Druck“ brüllen?
Ist das so? Echt?
Das fällt Ihnen gar nicht auf?
Nein, überhaupt nicht. Dass ich rufe, weiß ich – aber immer „Druck“? Nicht „Geh!“ oder „Rauf!“
Es ist tatsächlich immer „Druck“.
Sehen Sie, das weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich mache ich das seit zehn Jahren schon so. Echt krass. Jetzt ist der Groschen gefallen. Ab sofort heißt es: „Macht was!“ (lacht)
Demnächst stehen gleich zwei Jubiläen an. Noch elf Partien, dann haben Sie 100 Mal für Werder in der Bundesliga gespielt, nur zehn Begegnungen fehlen noch bis zur 250er Marke Ihrer gesamten Karriere in der Beletage. Bedeuten Ihnen solche Zahlen etwas?
Es zeigt, wie lange man schon dabei ist. Ich halte mich nicht daran fest, aber es ist schon schön, wenn man sich über Jahre hinweg auf diesem Niveau durchsetzt. Das macht mich schon stolz. In dem Moment, in dem man noch aktiv ist, ist das aber eher noch eine Randnotiz. Mein Vater (Ex-Profi Franklin Bittencourt, Anm. d. Red.) sagt mir auch immer, dass ich meine Karriere genießen soll, solange ich sie noch aktiv erlebe. Aber man kann es gerade nicht genießen, weil der Druck und der körperliche Schmerz jeden Tag so groß sind.
Jeden Tag?
Kein Profi, der aus der Kabine kommt, würde sagen, dass es ihm super geht. Irgendwo zwickt es immer. Mal hier, mal da, mal dort. Nichts Schlimmes, aber irgendwas ist immer. Und eben der Druck. Ich habe mir schon oft hinterher gesagt, dass ich ein Spiel mehr hätte genießen sollen, aber es geht einfach nicht. Meint Vater meint daher, dass ich wirklich erst sehen werde, wie schön das alles war, wenn der Druck irgendwann abgefallen ist. (mbü)