Werder-Profi Weiser im Interview
„Ich bin eben ein Abenteurer“: Mitchell Weiser im DeichStube-Interview über Wechselgedanken, Forderungen an Werder und seine Abwehrleistung
Bremen - Ganz entspannt erscheint Mitchell Weiser zum Interview-Termin mit der DeichStube, so schnell bringt den Profi des SV Werder Bremen nichts aus der Ruhe - auch nicht das bevorstehende Duell mit seinem Ex-Club Bayer 04 Leverkusen (Samstag, 15.30 Uhr). Und seine eigene sportliche Zukunft schon gar nicht. Der Vertrag des 29-Jährigen läuft im kommenden Sommer aus, Gespräche über eine Verlängerung liegen auf Eis. Weiser spricht über die Gründe seines Zögerns, unerfüllte Titelträume und die neue Rolle im kompakteren Werder-System.
Welcher Szenenapplaus ist eigentlich der schönere – der für eine erfolgreiche Grätsche vor dem eigenen Strafraum oder der nach einem Dribbling, bei dem Sie den Gegenspieler genarrt haben?
(lacht) Offensivaktionen finde ich schon besser.
Bekommen Sie es überhaupt mit, wenn im Stadion ein anerkennendes Raunen nach Ihren Aktionen einsetzt?
Nein, eigentlich nicht. Ich merke eher, wenn ich etwas Schlechtes gemacht habe. Woran das genau liegt, weiß ich nicht.
Wenn Sie an den Ball kommen, ist auf den Rängen aber schon eine spezielle Erwartungshaltung zu spüren, weil der Glaube besteht, dass gleich etwas Besonderes passieren könnte? Ist Ihnen bewusst, dass Sie mitunter so wahrgenommen werden?
(überlegt) Das ist eine gute Frage. Ich habe mich selbst schon oft gefragt, wie ich mich sehen würde, wenn ich mir live von der Tribüne aus zuschauen könnte. Später im Fernsehen ist das dann doch nochmal etwas anderes. Aber ganz allgemein: Die guten Aktionen versuche ich ja in erster Linie für die Mannschaft zu gestalten und nicht für die Zuschauer.
Wie sind Sie zu dem Spielertypen geworden, der Sie sind?
Es war eine Entwicklung Schritt für Schritt – nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch. Wenn ich zehn Jahre zurückschaue, dann sind die Ansätze sicherlich ähnlich, aber man weiß jetzt genau, welche Aktionen zählen und sieht das Spiel ganz anders. Wahrscheinlich werde ich aber in zwei, drei Jahren auch wieder ein ganz anderer Spieler sein als jetzt. Und das ist auch gut so.
Werder Bremens Mitchell Weiser im DeichStube-Interview: „Offensivaktionen finde ich schon besser“
Bei Werder gab es zuletzt auch viele gute Offensivaktionen, doch die jüngste Leistungssteigerung wird vor allem durch eine defensivere, kompaktere Ausrichtung begründet. Ist das für einen kreativen Freigeist wie Sie nicht unheimlich einengend?
Überhaupt nicht, denn ich möchte ja auch erfolgreich sein. In den vergangenen Spielen war ich offensiv nicht mehr so präsent wie vorher, habe eher versucht, die Jungs von hinten heraus mit cleveren Pässen in Position zu bringen. In einer Phase, in der wir nicht so viel gepunktet haben, war es wichtig für uns, vor allem defensiv gut zu stehen. Was den Spaßfaktor angeht, hätte ich natürlich lieber mehr Offensivaktionen, aber wenn es dem Team so mehr hilft, ist das gut. Das Wichtigste ist immer, wie wir als Mannschaft spielen.
Ist es schwierig, sich da einzuordnen, wenn man eigentlich anders spielen möchte?
Ja, das ist es (lacht). Für mich zählt aber wirklich das Ergebnis am meisten, auch wenn jetzt nicht alle berauschend waren. Unser Auftreten seit dem Dortmund-Spiel war aber viel kompakter und hat sich wesentlich besser und nicht mehr so wild angefühlt.
Trotzdem heißt es mitunter: Der Weiser verteidigt nicht gut genug, über seine Seite wird der Gegner zu oft gefährlich. Nehmen Sie solche Kritik wahr?
Sagt man das wirklich?
Der eine oder andere Fan tut es, die Medien sind sicherlich auch nicht ganz unschuldig.
Was seht ihr denn da? Die Flanke, die zum Tor führt?
Nicht nur. Es geht eher um die Gegentore, die über Ihre Seite entstehen. Acht Stück sind es bislang, sechsmal standen sie dabei auf dem Platz.
Ihr schaut gerne auf Statistiken, ich gebe nicht so viel auf diese Zahlen. Mir geht jedes Gegentor von uns so nah, als wenn es über meine Seite gefallen wäre. Trotzdem: Ich will natürlich meine Zweikämpfe gewinnen und erinnere mich eigentlich nur an das Frankfurt-Spiel, wo ich einen ganz wichtigen verloren habe, der dann zum Glück nicht zum Gegentor geführt hat. Ansonsten war das defensiv eigentlich ganz gut, wie ich finde. Über die letzte Saison kann man sicher sagen, dass ich gewisse Szenen am zweiten Pfosten nicht gut verteidigt habe, aber da habe ich versucht, mich zu verbessern.
Werder Bremen-Profi Mitchell Weiser im Interview: „Mein großes Ziel ist es, noch einen Titel zu gewinnen oder international zu spielen“
Sie sind jetzt etwas mehr als zwei Jahre hier, haben auch Werders Aufstiegsjahr mitgemacht. Können Sie sich vorstellen, jemals wieder in der 2. Bundesliga zu spielen?
Das ist schwierig zu sagen, denn wer weiß, was passiert. Aber grundsätzlich habe ich den Anspruch, in der 1. Liga zu spielen. Den hatte ich auch damals, bevor das Angebot von Werder kam. Wie es dann häufig so ist: Am Ende war es trotzdem genau der richtige Schritt und ich habe meine Chance genutzt. Deshalb bin ich froh, in der Situation zu sein, in der ich jetzt bin.
Zögern Sie aber genau deshalb mit Ihrer Verlängerung Ihres auslaufenden Vertrages, weil Sie noch nicht wissen, ob Werder wirklich die Klasse hält?
Das ist nicht der Punkt. Ich zögere, weil ich ambitioniert bin und vom Verein das Gefühl haben will, dass man größere Ziele als den Klassenerhalt hat. Auf dieses Signal warte ich. Natürlich liegt es am Ende des Tages an uns Spielern, aber ich denke, auch der Verein kann eine Richtung vorgeben. Diesen Zeitpunkt haben wir am Anfang der Saison in den ersten Spielen verpasst. Allein der DFB-Pokal. Man sieht jedes Jahr, was dort eigentlich möglich ist. Das ist eine verlorene Chance – und ich will nicht mehr viele Chancen liegen lassen in meiner Karriere. Mein großes Ziel ist es, noch einen Titel zu gewinnen oder international zu spielen. Und ich glaube, dass das hier möglich ist.
Aber halten Sie es wirklich für realistisch, dass der Verein noch in dieser Saison ein vergleichbares Ziel formuliert? Unisono wird vom Klassenerhalt gesprochen, wirtschaftlich sind keine großen Sprünge möglich.
Ich kann nicht sagen, woran der Verein alles denken muss. Auch die Personalie Niclas Füllkrug war für mich sehr wichtig, den man letztlich aus Gründen, die ich nicht beurteilen kann, hat gehen lassen. Da ging es nicht unbedingt um die Maximierung von sportlichem Erfolg. Ich will da aber niemandem zu nahetreten, weil ich gar nicht genau weiß, wie es finanziell genau um den Verein bestellt ist. Rein sportlich denke ich aber, dass wir auch mit dem jetzigen Kader und wenn alle fit sind, etwas Gutes erreichen können. Dieses Gefühl war in den ersten Spielen etwas verflogen.
Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Fans sich am Ende der Saison doch noch freuen dürfen, dass Sie bleiben?
Das hängt von unserer Entwicklung ab. Das wird für mich den Ausschlag geben. Wir sind da auf einem guten Weg, müssen in den Spielen aber noch cleverer agieren und vielleicht nicht immer hopp oder topp.
Neuer Berater: Was hat Werder Bremen-Profi Mitchell Weiser vor?
Wechsel oder Verbleib? Mitchell Weiser „weiß sehr zu schätzen, was ich hier an Werder Bremen habe, aber ich bin eben ein Abenteuer“
Sie sind inzwischen 29 Jahre alt und haben kürzlich gesagt, dass auch das Ausland reizvoll ist. Sind Liga und Team egal oder haben Sie konkrete Vorstellungen?
Habe ich nicht. Ich werde nächstes Jahr eben 30 und dann denkt man schon, dass man noch einmal etwas erleben will. Trotzdem würde ich das, was ich hier habe, nicht leichtfertig herschenken. Ich weiß sehr zu schätzen, was ich hier an dem Verein habe. Aber ich bin eben ein Abenteurer.
Und wenn ein Anruf aus Saudi-Arabien kommt?
Nein, das Abenteuer würde ich dann doch nicht machen (lacht).
Warum nicht?
Meine Familie würde sich ohnehin schwertun, hier wegzuziehen, weil sie sich sehr wohlfühlt. Und wie gesagt: Ich bin ambitioniert. Bevor ich Meister in Saudi-Arabien werde, spiele ich lieber weiter mit Werder um den Klassenerhalt.
Am Samstag gibt es für Sie das Wiedersehen mit Bayer 04 Leverkusen. Was macht Ihren Ex-Club aktuell so stark?
Stark waren sie immer, aber sie sind zurzeit extrem konstant mit diesem Fußball. Und da muss man natürlich den Trainer (Xabi Alonso, Anm. d. Red.) hervorheben. Zudem wurden Spieler verpflichtet, die sehr erfahren sind, die Ruhe bewahren und schon einiges gesehen haben. Und genau das sieht man jetzt auf dem Platz. Das ist auf jeden Fall ein sehr schöner Fußball, der dort gespielt wird.
Die Aufstellung von Werder Bremen gegen Bayer 04 Leverkusen: So dürfte die Startelf aussehen!
Mitchell Weiser schließt Saudi-Arabien-Wechsel aus: „Da spiele ich lieber mit Werder Bremen um den Klassenerhalt“
Jeremie Frimpong und Alejandro Grimaldo bilden aktuell vermutlich die beste Flügelzange der Liga. Das riecht nach Schwerstarbeit für Sie, oder?
Für die beiden aber auch (grinst). Ich habe auch meine Qualitäten, auf die sie sich genauso einstellen müssen wie ich auf ihre.
Tut es eigentlich weh, wenn um einen herum andauernd mehrere Teamkollegen zur Nationalmannschaft reisen, Sie aber selbst immer zu Hause bleiben müssen?
Nein, ich freue mich ja für die Jungs. Natürlich bleibt die Nationalmannschaft ein Traum von mir, aber wenn es kommt, dann kommt es.
Lebt der Traum denn wirklich noch? Oder haben Sie allmählich das Gefühl, dass es doch nichts mehr wird mit einem Spiel für Algerien?
Mal schauen. Ich würde gerne noch ein großes Turnier spielen und warte weiterhin auf einen Anruf. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich ständig auf mein Handy gucke oder schaue, wann die nächste Nominierungsliste herauskommt. Ich genieße auch die Zeit, die wir während einer Länderspielpause frei haben. (mbü)