Sehenswert!
Magier und Mysterium: Doku beleuchtet Leben von Ex-Werder-Star Özil
Vom Top-Spieler zur Reizfigur: Am Freitag erscheint eine Dokumentation über Leben und Werdegang von Mesut Özil, der bei Werder Bremen zum Weltstar reifte.
Bremen – Per Mertesacker darf sich ein Urteil erlauben, er hat schließlich lange genug mit Mesut Özil zusammengespielt. Erst beim SV Werder Bremen, später in der deutschen Nationalmannschaft und auch in London beim FC Arsenal. Gemeinsam haben sie den grün-weißen Pokalsieg 2009 gefeiert und sind 2014 in Brasilien Weltmeister geworden. Auch in Mertesackers Biografie hat der einstige Mittelfeldstar seinen Platz mit einer unterhaltsamen Anekdote vom Einstand an der Weser erhalten. Doch in Özils Leben gibt es auch düstere Kapitel, die ihn noch immer zu einer Reizfigur in Deutschland machen und weit über das Thema Fußball hinausgehen. In denen es um politische Fehltritte, Integration und Rassismus geht. In diesem Spannungsfeld bewegt sich eine Dokumentation des ZDF mit dem Titel „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“, die ab Freitag (10 Uhr) online auf der Streamingseite des Senders abrufbar ist und am 31. März auch im TV ausgestrahlt wird. Und in der Per Mertesacker nach Özils Werdegang samt großem Bruch mit dem DFB und dem Land, in dem der Gelsenkirchener geboren wurde, zu dem Schluss kommt: „Klar bin ich als Teamkollege, der lange mit ihm zusammen ist, enttäuscht. Denn es gibt gar keine Gewinner: Deutschland nicht, die Nationalmannschaft nicht und Mesut nicht. Alle haben verloren. Für Mesut war es ein Ende, das er nicht verdient hat.“
Dokumentation beleuchtet Leben und Werdegang von Werder Bremens Ex-Spieler Mesut Özil:
Werders früherer Innenverteidiger ist nur einer von vielen Wegbegleitern, die in dem Dreiteiler zu Wort kommen. Neben Beratern, Journalisten, Ex-Bundestrainer Joachim Löw, ehemaligen Mitspielern und DFB-Funktionären spricht auch Vater Mustafa, der seinen Sohn einst von Werder Bremen zu Real Madrid und später nach England manövrierte. Nur die Hauptfigur selbst tritt nicht mit aktuellen Aussagen in Erscheinung. „Mesut ist einfach nur verletzt, weil er nicht die Geborgenheit von dem Land bekommen hat, wo er Weltmeister geworden ist“, sagt sein Freund und Ex-Mitspieler Hamit Altintop. „Keiner kennt ihn.“ Ein ausgiebiges Interview des einstigen Offensivakteurs aus dem Jahr 2017 dient den Doku-Machern immer wieder als Stichwortgeber, um den sportlichen Aufstieg abzubilden. Es ist das letzte große Interview, das Mesut Özil gegeben hat. Auch weil er plötzlich nicht mehr der gefeierte Superstar war, sondern ein öffentliches Politikum von beispielloser Dimension.
Noch 2010 hatte der Enkel türkischer Gastarbeiter den Bambi in der Kategorie „Integration“ erhalten und avancierte landauf, landab zum Musterbeispiel eines vielfältigen Deutschlands. 2018 gab es dann ein umstrittenes Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, kurz darauf schied die DFB-Auswahl bei der WM in Russland schon nach der Vorrunde aus – und Mesut Özil wurde zum Sündenbock. Der einstige Held erklärte seinen Rücktritt, klagte über Rassismus und verschwand mehr und mehr aus der Öffentlichkeit. Heute soll der inzwischen 37-Jährige in Istanbul leben.
Dokumentation über Ex-Spieler von Werder Bremen: Der Werdegang von Mesut Özil
Doch trotz der zeitlich wie räumlichen Distanz: Das Thema Mesut Özil bewegt noch immer. In Bremen läuft seit einigen Monaten das Theaterstück „Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“, in dem ebenfalls der Faktor Identität zentraler Gegenstand ist. Auch ein Podcast beschäftigt sich mit dem Leben des Ausnahmekönners, der inzwischen Mitglied in einem Führungsgremium von Erdogans Partei AKP ist. Zuvor hatte ein Foto von einer Tätowierung für zusätzlichen Wirbel gesorgt, da auf Özils Brust das Symbol der „Grauen Wölfe“, einer rechtsextremistischen Bewegung in der Türkei, zu sehen ist. Wie es soweit kommen konnte, ist eine der vielen Fragen, die diese sehenswerte Doku stellt – und doch nicht abschließend beantworten kann. Weil die Angelegenheit viel zu komplex ist. Und brandaktuell. (mbü)
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