Werder-Profi im Interview
„Mir gefällt dieser Druck“: Werder-Stürmer Milosevic über seine vergebene Großchance, ein entscheidendes Thioune-Gespräch und den Status als Hoffnungsträger
Jovan Milosevic spricht im DeichStube-Interview über seine schwierige Anfangszeit bei Werder Bremen, ein entscheidendes Gespräch mit Trainer Daniel Thioune und den Status als Hoffnungsträger.
Es war ein Spiel mit zwei völlig unterschiedlichen Halbzeiten für Jovan Milosevic. Beim 2:0-Heimsieg des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim ließ der Angreifer vor der Pause zunächst eine XXL-Chance vor dem leeren Tor liegen, ehe er nach dem Seitenwechsel mit seinem Treffer zum 1:0 zum Matchwinner avancierte. Es war bereits sein dritter Treffer im achten Spiel und der zweite in Folge. Im DeichStube-Interview spricht der 20-Jährige über seinen unglaublichen Fehlschuss, seine schwierige Anfangszeit in Bremen und darüber, wie ein Gespräch mit Cheftrainer Daniel Thioune vieles veränderte. Zudem äußert sich der Serbe zu seinem Status als Hoffnungsträger, der Stimmung in der Kabine, seinem Vorbild Zlatan Ibrahimović und seiner Zukunft.
Werder Bremens Jovan Milosevic im DeichStube-Interview: „Jeder macht aktuell mehr Witze und hat einfach mehr Spaß“
Herr Milosevic, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihrem Rücken nach dem Spiel am Samstag?
Es wird jeden Tag etwas besser. Ich habe noch leichte Schmerzen, aber ich hoffe, dass es in den nächsten Tagen wieder gut sein wird und ich gegen Union am Sonntag auf dem Platz stehen kann.
Wie wichtig war der Sieg gegen Heidenheim am vergangenen Samstag für das Selbstvertrauen der Mannschaft?
Der Sieg war unglaublich wichtig. Nach 13 sieglosen Spielen ist es normal, dass man nicht genug Selbstbewusstsein hat. Deshalb war dieser Erfolg der erste Schritt, um uns dieses Selbstvertrauen zurückzuholen. Ich hoffe, dass wir jetzt genauso weitermachen.
Sie haben nach der Partie gesagt, dass Sie niemanden in Bremen bisher lachen gesehen haben, seit Sie hier sind. Wie gut taten die letzten zwei, drei Tage nach dem Spiel für die Stimmung in der Kabine?
Für die Stimmung war der Sieg natürlich sehr gut. Jeder macht aktuell mehr Witze und hat einfach mehr Spaß. Wir wissen aber auch, dass es erst der Anfang war. Deshalb müssen wir genauso hart weiterarbeiten und dürfen jetzt nicht nachlassen.
Sie haben auch erwähnt, dass es in den Wochen zuvor viele Diskussionen in der Kabine gab. Wie hat sich diese Zeit innerhalb des Teams angefühlt?
Es war intensiv und voller Anspannung. Trotzdem sind wir als Gruppe sehr eng zusammengeblieben, weil jeder daran geglaubt hat, dass wir aus dieser negativen Phase herauskommen können. Ich hatte sogar das Gefühl, dass uns diese Wochen als Mannschaft noch enger zusammengeschweißt haben.
Werder Bremens Jovan Milosevic: „Wenn man mich fragt, was wichtiger ist - mein Tor oder der Sieg -, dann sage ich immer der Sieg“
Sie haben in acht Spielen für Werder bisher drei Tore erzielt. Wie gut tut es Ihnen persönlich, in den vergangenen beiden Partien jeweils getroffen zu haben?
Das fühlt sich gut an, aber es hätten eigentlich bereits vier Treffer sein müssen (lacht). Für einen Stürmer sind Tore immer etwas Besonderes. Noch wichtiger ist mir aber, dass ich dem Team helfe. Wenn man mich fragt, was wichtiger ist – mein Tor oder der Sieg –, dann sage ich immer der Sieg. Umso glücklicher hat es mich gemacht, dass wir mit der Hilfe meines Tores endlich wieder gewinnen konnten.
Sie sprechen Ihre verpasste Großchance gegen Heidenheim in der ersten Halbzeit an. Was ging Ihnen direkt danach durch den Kopf?
Dass es unglaublich ist. Mein Kopf war für einen Moment leer. Ich lag am Boden und habe mich gefragt, ob das wirklich möglich ist. Dann habe ich die Fans hinter dem Tor gehört, wie sie „Komm, Jovan – weiter geht’s!“ gerufen haben. Da habe ich mir gedacht: Okay, ich bin wohl doch nicht der schlechteste Mensch der Welt gerade (schmunzelt). Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Fans hinter mir stehen. Auch in der Halbzeit hat mir jeder in der Kabine Mut zugesprochen. Der Moment war hart, aber zum Glück ist es am Ende gut ausgegangen.
Können Sie sich an eine vergleichbare Szene in Ihrer bisherigen Karriere erinnern?
Nein, das war das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Da wir am Ende gewonnen haben, bin ich mir aber sicher, dass ich in Zukunft darüber lachen kann, wenn ich mir die Szene noch einmal anschaue.
Sportchef Clemens Fritz hat gesagt, an solchen Szenen kann ein Stürmer auch zerbrechen. Warum sind Sie nicht daran zerbrochen?
Weil sowohl meine Teamkollegen als auch das Trainerteam für mich da waren. Ich hatte nicht das Gefühl, einen riesigen Fehler gemacht zu haben, sondern dass so etwas jedem passieren kann. In der Halbzeit habe ich mir das Gesicht gewaschen, in den Spiegel geschaut und mir gesagt, dass ich es nicht mehr ändern kann und weiter alles geben muss, um auf die nächste Chance zu warten. Und die ist dann auch gekommen.
Werder Bremens Jovan Milosevic im DeichStube-Interview: „Wenn ich wütend bin, merkt man das leider oft sehr schnell“
Blicken wir allgemein auf Ihre ersten zwei Monate bei Werder: Wie gut sind Sie inzwischen in Bremen angekommen?
Ich kann sagen, dass ich mittlerweile gut angekommen bin. Ich habe eine gute Verbindung zu meinen Teamkollegen, und auch die Stadt gefällt mir sehr. Außerdem habe ich für die Zeit hier eine eigene Wohnung gefunden. Deshalb habe ich insgesamt ein gutes Gefühl.
Wie schwierig ist es dennoch für Sie, zunächst nur für ein halbes Jahr woanders hinzuziehen? Ist jemand aus Ihrer Familie mitgekommen, um Sie hier zu unterstützen?
Am Anfang war es schon hart. Zum Glück habe ich meine Familie und gute Freunde, die mich häufig besuchen. Sie spielen eine große Rolle bei meiner Eingewöhnung. Ohne sie wäre ich vermutlich nicht so schnell angekommen. Dazu kommt, dass mir die Mannschaft vom ersten Tag an das Gefühl gegeben hat, dazuzugehören. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wie sind Sie damit umgegangen im Januar und Februar viele Spiele zunächst nur auf der Bank zu sitzen?
Um ehrlich zu sein, hatte ich anfangs Probleme, damit umzugehen. Zum Glück habe ich viel mit meiner Familie gesprochen, und dadurch hat sich meine Einstellung zur Situation verändert. Danach ging es mir deutlich besser. Ich glaube, das konnte man auch von außen sehen. Wenn ich wütend bin, merkt man das leider oft sehr schnell (lacht). Neben den Gesprächen mit meiner Familie hat es mir auch geholfen, mich intensiv mit dem Trainer auszutauschen. Ich musste einfach zu Beginn geduldig bleiben – aber das ist im Leben nicht immer einfach (schmunzelt).
Was hat Ihre Familie Ihnen gesagt?
Um es kurz zu fassen: dass ich das Leben genießen soll, das ich führen darf. Dass ich grundsätzlich alles habe, um glücklich zu sein, und es keinen Grund gibt, traurig zu sein. Seit dem Tag, an dem ich das für mich verinnerlicht habe, hat sich etwas in mir verändert.
Gab es trotzdem zuvor – bei den vielen Niederlagen und Ihren Bankplätzen – einen Moment, in dem Sie kurz gedacht haben: Was habe ich hier eigentlich gemacht?
Nein, das gab es eigentlich nicht. Ich habe sehr früh gesehen, dass diese Mannschaft viel Qualität besitzt. Das habe ich auch schon nach wenigen Tagen zu Marco Friedl gesagt. Wir haben einige wirklich gute Spieler im Team. Das Problem war eher, dass das Selbstbewusstsein nicht mehr wirklich vorhanden war. Vertrauen in sich selbst als Mannschaft ist aber das Wichtigste. Ich hatte nie Zweifel an der Qualität, sondern immer großes Vertrauen in das Team. Wir haben allerdings gerade erst damit begonnen, erfolgreich zu sein – das ist erst der Anfang unseres Weges.
Werder Bremens Jovan Milosevic über sein Gespräch mit Daniel Thioune: „Für mich war es wichtig, dass er sich die Zeit genommen hat“
Sie haben bereits erwähnt, dass Ihnen auch ein Gespräch mit Daniel Thioune geholfen hat. Was hat er Ihnen mit auf den Weg gegeben?
Wir hatten ein wirklich gutes Gespräch, in dem er immer wieder betont hat, dass Geduld und Vertrauen das Wichtigste sind. Für mich war es wichtig, dass er sich die Zeit genommen hat, länger mit mir zu sprechen. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass er mir vertraut. Danach wurde vieles für mich deutlich besser.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Trainer beschreiben?
Wenn ich es in einem Wort zusammenfassen müsste: professionell.
Als Sie im Januar gekommen sind, war Thioune noch nicht Werder-Trainer. Wurde Ihnen von den Verantwortlichen versprochen, dass Sie sofort Stammspieler sein würden? Oder wussten Sie, dass es etwas Zeit brauchen würde?
Es wurde mir nichts versprochen. Ich wusste, dass ich um meinen Platz kämpfen muss. Natürlich hatte ich große Hoffnungen, weil ich in der Hinrunde in Serbien eine sehr gute Phase hatte. Mir war aber auch bewusst, dass ich Zeit brauchen würde, um meine Mitspieler kennenzulernen und ihre Stärken und Schwächen zu verstehen. Das wurde mit jedem Tag besser. Mittlerweile weiß ich sehr viel über jeden meiner Mitspieler – aber dafür brauchte ich etwas Zeit.
Sie haben einmal gesagt, Druck sei für Sie wie ein Privileg. Ist es immer noch ein Privileg, wenn viele Menschen erwarten, dass Sie die entscheidenden Tore schießen?
Auf jeden Fall. Denn das bedeutet, dass jemand an einen glaubt und weiß, dass man es kann. Mir gefällt dieser Druck.
Was wollen Sie in Ihrem Spiel noch verbessern?
Sehr viele Dinge. Zum Beispiel möchte ich Chancen wie am Samstag nicht mehr vergeben (schmunzelt). Außerdem will ich mich darin verbessern, den Ball vorne besser zu behaupten und insgesamt noch stärker ins Spiel eingebunden zu sein. Es sind viele Details, an denen ich jeden Tag hart arbeite, um mich weiterzuentwickeln.
Werder Bremens Jovan Milosevic über Zlatan Ibrahimovic: „Er war der Spieler, den ich am meisten bewundert habe“
Sie haben einmal verraten, dass Ihr Hund Zlatan heißt und Sie früher häufig Fallrückzieher geübt haben. War Ibrahimović Ihr Vorbild als Kind?
Er war der Spieler, den ich am meisten bewundert habe und dem ich am liebsten zugesehen habe. Er war unglaublich und hat Dinge auf dem Platz gemacht, die sonst keiner gemacht hat. Solche Spieler, die etwas Besonderes können, mag ich am meisten.
Sie haben bei Ihrer Verpflichtung betont, dass Sie sich durch die Bundesliga für die serbische Nationalmannschaft empfehlen möchten. Gibt es aktuell Kontakt zum Nationaltrainer?
Nicht direkt zum Cheftrainer, aber es gibt Kontakt zum Trainerteam allgemein. Wir werden sehen, was in den kommenden Wochen und Monaten passiert.
Ist es Ihr größtes Ziel, sich dauerhaft in der Nationalmannschaft zu etablieren?
Ja, das kann man so sagen. Es ist das größte Privileg für einen Fußballer, für sein eigenes Land zu spielen. Deshalb ist es auch mein größter Traum.
Kommen wir zum Schluss: Warum wird Werder am Ende der Saison Ihrer Meinung nach den Klassenerhalt schaffen?
Weil wir ein großartiges Team und unglaubliche Fans haben. Ich denke, dass wir mit dem Sieg zuletzt auf dem richtigen Weg sind. Wir werden alles geben, um dieses Ziel am Ende zu erreichen.
Und wenn Sie es schaffen: Könnten Sie sich vorstellen, ein weiteres Jahr in Bremen zu bleiben?
Im Fußball ist alles möglich. Man sollte nie etwas ausschließen. (bvo)
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