Werder-Remis in der Taktik-Analyse
Neuer Angstgegner? Heidenheims Intensität überfordert Werder - die Taktik-Analyse
Der SV Werder Bremen hat beim 1. FC Heidenheim Punkte liegen gelassen. Trainer Horst Steffen hat mit seiner Aufstellung experimentiert, doch sein Kollege Frank Schmidt hat ihn in der ersten Halbzeit ausmanövriert. Nach der Pause fanden beide Trainer gute Lösungen für den jeweiligen Gegner, meint unser Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.
Heidenheim – Es gibt nicht viele Gegner in der Bundesliga, denen Werder Bremen fraglos überlegen ist – sowohl finanziell als auch fußballerisch. Der 1. FC Heidenheim gehört dazu. Doch seit Heidenheim in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, konnte Werder erst ein Spiel gegen den Bundesliga-Zwerg gewinnen. Auch beim 2:2 am Samstagnachmittag dominierten die Heidenheimer über weite Strecken das Spiel. Keeper Mio Backhaus und die Umstellungen von Trainer Horst Steffen verhalfen Werder dennoch zum Punktgewinn.
Werder Bremens Remis gegen den 1. FC Heidenheim in der Taktik-Analyse: Beide Trainer überraschen
Werder-Coach Horst Steffen überraschte mit seiner Startelf. Nicht etwa, weil er seine Formation veränderte oder auf neue Spieler setzte: Er stellte die erwarteten Spieler gegen den 1. FC Heidenheim im erwarteten 4-2-3-1-System auf. Allerdings spielten manche Akteure nicht dort, wo man sie vermutet hätte. Kapitän Marco Friedl begann als Linksverteidiger. Cameron Puertas agierte neben Jens Stage auf der Doppelsechs, wodurch Patrice Covic eine Reihe weiter nach vorne rückte.
Besonders unerwartet war die Rolle von Marco Grüll. In der Anfangsphase begann er als nomineller Rechtsaußen. Später tauschte er mit Covic die Positionen, rückte aber weiterhin häufig auf die rechte Seite. Er sollte offenbar hier das Zusammenspiel mit Rechtsverteidiger Yukinari Sugawara suchen. Somit wollte Werder Bremen die linke Abwehrseite des 1. FC Heidenheim testen.
Allerdings begannen die Hausherren gegen den SV Werder Bremen ebenfalls nicht wie erwartet. Mikkel Kaufmann und Budu Zivzivadze bildeten einen Doppelsturm. Auch Schmidts Team fokussierte sich auf Angriffe über die linke Seite. Hierzu rückte Außenverteidiger Jonas Föhrenbach weit nach vorne. Der 1. FC Heidenheim pendelte damit zwischen Viererkette und Dreierkette bzw. zwischen einer 4-4-2- und einer 3-5-2-Formation. Das bedeutete eine Abkehr vom zuletzt praktizierten 5-2-3-System.
Werder Bremens Remis gegen den 1. FC Heidenheim in der Taktik-Analyse: Heidenheimer Intensität ist Gift für Werder
Der Versuch, die Formation des 1. FC Heidenheim mit Zahlen zu beschreiben, ist ohnehin eher müßig. Kaum ein Team verzichtet so stark auf eine klare Ordnung zugunsten einer flexiblen Manndeckung. Gegen den Ball bekommt jeder Verteidiger einen Gegenspieler zugeteilt. Heidenheim verfolgt die Gegenspieler dabei weit. Notfalls rücken die Verteidiger weit aus der Abwehr.
Werder Bremen tat sich extrem schwer mit der engen Deckung der Heidenheimer. Niklas Dorsch rückte aus dem Mittelfeldzentrum nach vorne, um Werders Doppelsechs unter Druck zu setzen. Der 1. FC Heidenheim nutzte auch geschickt den Deckungsschatten der Spieler. So deckte Dorsch die Doppelsechs häufig nicht von hinten, sondern von vorne. So blockierte er Werders Passwege nach vorn. Die Bremer wussten sich in der ersten Halbzeit gegen das intensive Mann-gegen-Mann der Heidenheimer nur mit langen Bällen zu helfen.
Auch offensiv sprengen die Heidenheimer jede Formationsgrenze. Vor allem Jan Schöppner hält sich an kein Drehbuch. Er taucht mal hier, mal dort auf. Somit füllt er immer wieder geschickt Lücken in der gegnerischen Formation. Gegen Werder lief Schöppner vor allem die halbrechte Bremer Seite an. Über diese Seite fuhr Heidenheim 60 Prozent der eigenen Angriffe. Arijon Ibrahimovic und Föhrenbach hielten hier die Breite. Wenn der 1. FC Heidenheim schnell vom linken Flügel in die Spitze spielte, bekam Werder Bremen fast immer Probleme. Sugawara war auf dieser Seite häufig isoliert.
Werder Bremens Remis gegen den 1. FC Heidenheim in der Taktik-Analyse: Kleine Wechsel, große Wirkung
Zur Halbzeitpause hätte der 1. FC Heidenheim bereits satt führen können. Einzig Werder-Keeper Backhaus sowie der beherzte Einsatz der Innenverteidigung verhinderte einen Rückstand des SV Werder Bremen. In der Halbzeitpause passte Horst Steffen die Positionen seiner Spieler an.
Covic agierte jetzt gegen den Ball etwas tiefer. Wenn Föhrenbach vorrückte, verfolgte er ihn, zeitweise agierte er als fünfter Mann in der Abwehrkette. Stage wiederum rückte im Pressing aggressiv vor, um Schöppner nach hinten zu drücken.
Die veränderte Positionierung erlaubte es, dass Grüll wieder als fester Stürmer agieren konnte. Er rückte nun etwas weiter auf die halblinke Seite. Dieser Schachzug ging sofort auf: Der Österreicher traf zur Führung des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim.
Werder Bremens Remis gegen den 1. FC Heidenheim in der Taktik-Analyse: Taktischer Schlagabtausch
Heidenheims Trainer Frank Schmidt ließ das nicht auf sich sitzen. Er brachte mit Marnon Busch einen neuen Rechtsverteidiger. Damit veränderte sich auch die Formation des 1. FC Heidenheim: Sie agierten nun aus einer Fünferkette, wobei die beiden Außenverteidiger weit vorrückten. Busch leitete den 1:1-Ausgleich ein.
Es ging Schlag auf Schlag. Horst Steffen brachte Victor Boniface (68., für Covic). Er sollte als Stürmer Bälle halten – und tat dies sogleich vor dem zweiten Bremer Tor. Frank Schmidt löste daraufhin seine Abwehr auf. Busch rückte ins zentrale Mittelfeld, der 1. FC Heidenheim griff den SV Werder Bremen in einem extrem offensiven 3-2-5 an. Mit ihrer Wucht konnten die Gastgeber den Ausgleich erzwingen.
Werder musste sich in einem unterhaltsamen Spiel mit einem Punkt zufriedengeben. In negativer Erinnerung dürfte vor allem die erste Halbzeit bleiben. Steffen versuchte, den Gegner zu überraschen, ließ sich dabei aber selbst überrumpeln. Der 1. FC Heidenheim entwickelt sich langsam, aber sicher zum Angstgegner des SV Werder Bremen.
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