Werder in der Taktik-Analyse

Die Defensive hält, doch Werders Offensive gibt Rätsel auf - das Remis in Augsburg in der Taktik-Analyse

Der SV Werder Bremen beendet das Jahr 2025 mit einem 0:0. Die gute Nachricht: Gegen den FC Augsburg funktionierte die neuformierte Fünferkette. Die schlechte Nachricht: Offensiv wirkte Werder noch harmloser als zuletzt. Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.

Augsburg – Weihnachten steht vor der Tür. Die Wunschliste der Werder-Fans dürfte in diesem Jahr besonders lang ausfallen. An beiden Spielfeldenden stapelten sich zuletzt die Probleme. Der SV Werder Bremen wartet noch immer auf ein Stürmer-Tor in der neuen Saison. Zugleich kassierten die Bremer die drittmeisten Gegentore aller Bundesligisten.

Werders Trainerteam hatte zum Jahresklang noch einmal die Chance, die Mängelliste zu verkleinern. Gegen den FC Augsburg entschied sich Horst Steffen dafür, die Defensive zu stärken. Damit gelang Werder Bremen zwar ein Punktgewinn. Doch beim torlosen Remis fehlte Werder jegliche offensive Durchschlagskraft.

Die neuformierte Fünferkette von Trainer Horst Steffen funktionierte gegen den FC Augsburg, doch offensiv war der SV Werder Bremen noch harmloser als zuletzt schon.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Fünferkette gegen Fünferkette

Bereits in den vergangenen Wochen hatte Werder Bremen behelfsmäßig mit einer Fünferkette verteidigt. Dazu rückte der Linksaußen im Spiel gegen den Ball in die Abwehr. Gegen den FC Augsburg setzte Werder erstmals auf eine echte Fünferkette: Werder agierte durchgehend mit drei Innenverteidigern und zwei klassischen Außenverteidigern. Marco Friedl musste in der neuen Formation nicht als Linksverteidiger aushelfen. Der Kapitän lief als zentraler Verteidiger auf. Isaac Schmidt übernahm den vakanten Posten des Linksverteidigers.

Im Angriff verzichtete Horst Steffen auf einen klassischen Stürmer. Werders vordere Akteure tauschten immer wieder die Positionen. Während sich Cameron Puertas häufig ins Mittelfeld fallenließ, wechselten sich Romano Schmid und Justin Njinmah im Sturmzentrum ab. Werder Bremens Ziel war es, die Stürmer mit flachen Pässen in Szene zu setzen.

Der FC Augsburg begann ebenfalls mit einer Fünferkette. Es gab eine weitere Parallele: Auch FCA-Interimscoach Manuel Baum verzichtete auf einen Mittelstürmer. Marius Wolf agierte beim FC Augsburg als alleinige Spitze. Er sollte immer wieder in die Tiefe starten.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Ballbesitz wechselt sich ab

Beide Teams begannen die Partie aus einer eher abwartenden Haltung. Sie waren vor allem darauf bedacht, das Zentrum zu sichern. Das ergab Sinn: Weder der FC Augsburg noch Werder Bremen hatte einen Spieler in den eigenen Reihen, der Hereingaben vom Flügel verwerten konnte. So lag der Fokus zwangsläufig auf einem Spiel durch das Zentrum.

Um die Zentrale zu dominieren, wählten beide Teams unterschiedliche Ansätze. Der FC Augsburg zog sich in ein 5-4-1-System zurück, wobei die Außenstürmer weit ins Zentrum einrückten. Werder Bremen hingegen ließ sich oft in eine 5-3-2-Formation fallen. Puertas agierte als dritter Mittelfeldspieler neben Jens Stage und Senne Lynen.

Die erste Halbzeit war geprägt durch die eher defensive Ausrichtung beider Teams. Werder Bremen versuchte, das Spiel direkt aus der Abwehr in Richtung der Angreifer zu eröffnen. Das gelang gegen die defensiv aufgestellten Augsburger nur selten. Wenn Schmidt oder Puertas den Ball zwischen den Linien erhielten, gab es meist keine weiterführende Anspielstation in Richtung des gegnerischen Strafraums. So musste Werder früh den Pass auf die Flügel spielen.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Neun Bremer Ecken, null Tore

Gerade Njinmah wählte immer wieder den Laufweg nach außen. Torgefahr erzeugte Werder Bremen auf diese Art kaum - auch, weil im Strafraum ein Abnehmer für Flanken fehlte. Dafür holte Werder zahllose Ecken heraus. Dabei stellte Werder die eigene Harmlosigkeit unter Beweis. Keine einzige der neun Ecken in der ersten Halbzeit erzeugte Torgefahr.

Auch Augsburg gelang es kaum, das Zentrum des SV Werder Bremen zu knacken. Zwar rückten die Bremer Mittelfeldspieler in einigen Situationen aggressiv heraus. Der FC Augsburg kam über flache Kombinationen vor die Bremer Abwehr. Doch Werders Fünferkette blieb in diesen Situationen hellwach. Besonders Kapitän Friedl fiel wiederholt durch starke Rettungstaten auf. So mussten auch die Augsburger wesentlich häufiger den Weg über die Flügel nehmen, als es ihnen lieb war.

Die Grafik zeigt das enge Zentrum auf beiden Seiten. Beide Teams waren darauf bedacht, die Zentrale zu sichern. Das war vor allem angesichts des Fehlens eines Strafraumstürmers geboten. Bei Augsburg rückten die Außenspieler weit ein. Bei Werder half Puertas zentral aus.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Augsburg erhöht die Schlagzahl

Nach der Pause brachte der FC Augsburg mehr Intensität ins Spiel. Sie starteten ihr eigenes Pressing früher. Fortan attackierten die drei vordersten Akteure die Bremer Dreierkette. Dahinter nahm Augsburgs Doppelsechs die Bremer Doppelsechs in Manndeckung. Werder ging kein Risiko ein. Die Bremer schlugen den Ball häufig weit in die gegnerische Hälfte. Augsburgs Verteidiger hatten keine Mühe, diese Bälle abzufangen.

Werder erhöhte den Druck auf Augsburgs Abwehr zunächst nicht. So verlagerte sich die Partie in die Hälfte des SV Werder Bremen. Der FC Augsburg versuchte dabei, eine Überzahl auf den Außen herzustellen. Der eingewechselte Elvis Rexhbeçaj unterstützte als Sechser die Außenverteidiger. So kam Augsburg vermehrt zu Flanken. Zwar fehlte auch ihnen ein Verwerter im Strafraum, doch über zweite Bälle entwickelten sie zunehmend Gefahr.

Nach und nach dominierten die Hausherren die Partie. Während das Ballbesitzverhältnis vor der Pause noch ausgeglichen war, hatte der FC Augsburg nun ein klares Plus. Zwischen der 45. und der 75. Minute lag der Ballbesitzwert der Gastgeber gegen Werder Bremen bei knapp 65 Prozent.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Chancen gibt es erst spät

Es dauerte lange, ehe sich die Bremer wieder freischwimmen konnten. Erst in der Schlussphase wechselte Steffen offensiv. Mit Keke Topp kam ein echter Stürmer für Linksverteidiger Schmidt. Der Coach des SV Werder Bremen stellte damit um auf die in den vergangenen Partien praktizierte Mischformation aus 4-2-3-1- und 5-2-3-System. Marco Grüll übernahm den Posten auf der linken Seite.

Werder Bremen konnte mit einem zusätzlichen offensiven Spieler vor allem im Umschaltmoment mehr Wucht entfachen. Grüll bot sich auf dem linken Flügel an, während Topp Bälle festmachte. Doch auch der FC Augsburg warf in den Schlussminuten alles nach vorne. Trainer Baum brachte Strafraumstürmer Philipp Tietz. In der Nachspielzeit lief das Spiel von Strafraum zu Strafraum. So erspielten sich beide Teams nach der 90. Minute fast so viele „Expected Goals“ wie in den neunzig Minuten zuvor (0,93 zu 1,47). Doch es blieb beim 0:0.

Werders Leistung kann man aus zwei Blickwinkeln betrachten. Optimisten werden auf die verbesserte Defensive verweisen. Die neu formierte Fünferkette half, den Kasten sauber zu halten. Pessimisten dürften anmerken, dass Werder Bremen weiterhin auf ein Stürmertor wartet. Die Offensive war gegen den FC Augsburg über weite Strecken zur Harmlosigkeit verdammt. Die Wunschliste für Bremens Fans bleibt lang.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eduard Martin

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