DeichStube-Interview
„Man muss nicht laut sein“: Niemeyer über seinen neuen Werder-Job, die Fritz-Vergleiche und Transfer-Anforderungen
Im DeichStube-Interview spricht Peter Niemeyer über seinen neuen Job als Leiter Profifußball beim SV Werder Bremen, Vergleiche mit Sportchef Clemens Fritz und worauf er bei Transfers achtet.
Zell am Ziller – Beim Training steht er meistens an der Bande und schaut ganz genau hin: Peter Niemeyer ist schon voll drin in seinem Job als neuer Leiter Profifußball des SV Werder Bremen. Im Trainingslager in Zell am Ziller gibt der 40-jährige ehemalige Werder-Profi im Interview mit der DeichStube Einblicke in seine Arbeitsweise, seine Prinzipien und sein Verhältnis zu Clemens Fritz, der nun sein Chef ist.
Peter Niemeyer, Sie haben sich rückblickend auf Ihre erste Werder-Zeit angesichts der zahlreichen Stars im Team als graue Maus bezeichnet. Welches Tier sind Sie nun nach Ihrer Rückkehr zu Werder?
Habe ich wirklich graue Maus gesagt? Ich wollte sicher nur erklären, dass wir damals ganz viele Nationalspieler hatten. Es gab eine hohe Leistungsdichte, und ich war damals gerade 23 Jahre alt, kam aus den Niederlanden in die Bundesliga und hatte noch nicht das Standing für das Starensemble, das Werder damals hatte. Jetzt bin ich in einer ganz anderen Funktion da und freue mich, ein Experte in einem bestimmten Bereich sein zu dürfen.
Werder Bremens neuer Leiter Profifußball Peter Niemeyer: „Ich will die Mannschaft nach vorne bringen“
Wie sieht ein Peter-Niemeyer-Tag im Trainingslager aus?
Immer unterschiedlich. Heute mache ich zum Beispiel viel Pressearbeit. Ansonsten versuche ich, mir viel Zeit für Gespräche zu nehmen. Ein Trainingslager ist ein ganz wichtiger Baustein in der Vorbereitung, um Abläufe reinzubekommen, um eine Grundlage aufzubauen und um sich zwischenmenschlich besser kennenzulernen.
Mit wem sprechen Sie vor allem?
Mit allen – den Spielern und allen Staff-Mitgliedern.
Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?
Ich möchte ein Bindeglied sein zwischen Clemens und der Profiabteilung und zudem ein Sparringspartner für Ole Werner. Ich will die Mannschaft nach vorne bringen.
Was ist neu für Sie?
Bei Preußen Münster war ich Geschäftsführer, da war die Arbeit auf ganz wenige Schultern verteilt. Hier ist es viel spezifischer, du arbeitest mehr in deinem Bereich, auf den du dich konzentrieren kannst.
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Werder Bremen-Sportchef Clemens Fritz zu ähnlich? Peter Niemeyer: „Habe längst ein eigenes Profil entwickelt“
Was hat Sie bei Werder überrascht?
Diese Größe, die der Club inzwischen angenommen hat. Trotzdem sind die Werte und das Miteinander geblieben, das gefällt mir.
Bei Preußen Münster haben Sie als Geschäftsführer die Entscheidungen getroffen, bei Werder sind Sie dem Geschäftsführer Clemens Fritz unterstellt – wie gehen Sie damit um?
Clemens ist ein totaler Teamplayer. Ja, am Ende muss es einer entscheiden, aber davor steht die Absprache mit dem Team. Deswegen habe ich damit kein Problem. In Münster war es ja auch nicht die One-Man-Show des Peter Niemeyer, da waren wir auch ein Team, aber eben ein deutlich kleineres.
Kritiker bemängeln, dass Sie Clemens Fritz zu sehr ähneln und Sie auch noch befreundet sind. Wie wollen Sie Ihr eigenes Profil bekommen?
Durch meine Stationen nach der Spielerkarriere bei Twente Enschede und bei Preußen Münster habe ich längst ein eigenes Profil entwickelt. Dass Clemens und ich uns sehr gut kennen, sehe ich überhaupt nicht als Nachteil, sondern als Vorteil. Denn es heißt nicht, dass man sich nicht die Meinung sagen kann. Gerade im Fußball ist Vertrauen das Allerentscheidendste – und das ist bei uns bei 100 Prozent. Das ist ein sehr, sehr hohes Gut. Deswegen glaube ich auch, dass das erfolgreich sein wird.
Und die Ähnlichkeiten?
Wer mit uns arbeitet, merkt schnell, dass wir sehr wohl verschieden sind. Ich habe vor 14 Jahren hier bei Werder gespielt, das ist im Fußball eine unfassbar lange Zeit. Ich habe in Berlin bei der Hertha einiges miterleben dürfen und müssen. Danach hatte ich noch eine Station in Darmstadt. Clemens und ich sind auch nach unserer aktiven Karriere andere Wege gegangen. Ich war im Ausland bei Twente Enschede und habe mich dann in Preußen Münster bewusst für einen Traditionsverein entscheiden, der zu der Zeit in Schieflage geraten war. Denn ich finde, dass man eine Karriereleiter von unten beginnt. Das verbindet Clemens und mich. Er ist diesen Weg bei Werder gegangen, ich eben woanders, wo ich nicht so im öffentlichen Fokus wie in der Bundesliga gestanden habe und trotzdem wahnsinnig viel erleben durfte.
Sie werden künftig statt Clemens Fritz bei den Spielen auf der Bank sitzen. Was für einen Peter Niemeyer werden wir dort erleben?
Ich bin gespannt (lacht). In Münster habe ich bewusst den Helikopter-Blick von der Tribüne aus gewählt, weil dort die Struktur anders war. Auf der Trainerbank gerätst du durch die aufgeheizte Stimmung schnell in ein Muster, dass du so denkst wie die Bank. Auf der Tribüne konnte ich mir meinen eigenen Eindruck verschaffen. Jetzt habe ich eine andere Rolle. Mich wird man aber nicht auf den Platz laufen sehen, ich werde auch nicht den großen Zampano spielen. Aber natürlich werde ich mich für das Team einsetzen und sicherlich auch mal mit dem 4. Offiziellen diskutieren, wenn ich das für notwendig halte.
Peter Niemeyer über seinen neuen Job als Leiter Profifußball bei Werder Bremen: „Man kann auch mit einer stilleren Art führen“
Aus Ihrer Zeit als Werder-Profi haftet Ihnen ein wenig das Image des braven Peters an. Wie sind Sie wirklich?
Erstens: Ich war auf dem Platz ein ganz anderer Mensch als außerhalb. Zweitens: Muss man laut sein, um zu führen? Das glaube ich nicht. Man kann auch anders vorleben, wie man es sich vorstellt, zum Erfolg zu kommen. Genau das mache ich. Ich habe in meiner Karriere viel erlebt, bin auf- und abgestiegen. Diese Erfahrungen durfte ich in Münster erstmals in anderer Funktion an den Mann bringen – und das hat geklappt. Dafür muss man nicht laut sein, auch nicht extrovertiert. Man sollte bei sich bleiben und keine Rolle spielen. Man kann auch mit einer stilleren Art führen.
Haben Sie in Bremen schon ein Haus oder eine Wohnung gefunden?
Ich habe erstmal übergangsweise eine möblierte Wohnung, das gibt uns Zeit und Luft. Ich bin absoluter Familienmensch. Wir haben erst vor einem Jahr eine Immobilie nahe Münster gekauft. Deswegen bleibt die Familie erst einmal vor Ort und wird erst perspektivisch nachkommen. Geographisch ist das kein großes Problem für mich.
Haben Sie kurz gezweifelt, ob es jetzt schon der richtige Moment ist, zu Werder und vor allem in die Bundesliga zu wechseln?
Ich habe es natürlich genau abgewogen und wusste, was ich mir in Münster aufgebaut habe. Aber ich habe in meinem Leben immer versucht, meine Grenzen zu erreichen, um dann die Latte wieder höher zu legen. Deswegen war das jetzt ein guter Moment für den nächsten Schritt.
Die öffentliche Wahrnehmung ist in der Bundesliga aber eine ganz andere und damit steigt auch der Druck.
Das gehört dazu. Es ist nicht schlimm, einen gewissen Gegenwind zu bekommen. Da bin ich aus meiner Profikarriere einiges gewohnt, als es mal nicht so lief. In Berlin wurde uns als Spielern von den Gästen in einem Café mal gesagt, dass wir lieber trainieren sollen, als hier zu sitzen.
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Peter Niemeyer im DeichStube-Interview über Werder Bremen-Transfers: „Schaue besonders auf den Charakter eines Spielers“
Als Sie bei Werder gespielt haben, da war Werder noch Dauergast auf der internationalen Bühne. Wann gibt es das Comeback?
(lacht) Wir haben damals nicht wegen meiner fußballerischen Qualitäten in Europa gespielt. Auch jetzt geht es nicht um mich. Werder ist seit ein paar Jahren auf einem tollen Weg. Ich bin davon überzeugt: Wenn gute Menschen zusammenarbeiten und in dieselbe Richtung schauen, dann wird man erfolgreicher. Ich möchte mich eher auf den Weg fokussieren als nur auf das reine Ergebnis. Aber ein Ergebnis vorherzusagen, das geht im Fußball nicht und tut keinem gut.
Worauf legen Sie bei Neuverpflichtungen besonders viel Wert?
Das ist immer eine Teamarbeit. Meine Erfahrung ist: Ich habe in individuell richtig guten Mannschaften gespielt und bin abgestiegen – wie einst mit der Hertha. Da hat es nicht gepasst. Andere weniger gut besetzte Mannschaften sind aufgestiegen – wie Darmstadt. Da hat es gepasst. Deswegen ist mir eine charakterlich starke Mannschaft und das Rollenverständnis innerhalb des Teams enorm wichtig und deswegen schaue ich besonders auf den Charakter eines Spielers. Natürlich ist auch die fußballerische Qualität wichtig.
Hat Werder so eine Mannschaft?
So nehme ich sie wahr. Aber das ist ein stetiger Prozess. In meiner Außenbetrachtung habe ich wahrgenommen, dass mit Christian Groß in diesem Bereich ein wichtiger Spieler gegangen ist, er war – so ist mein Eindruck – ein Klebstoff für das Gefüge. Den Abgang gilt es aufzufangen.
Sie haben von 2007 bis 2010 bei Werder gespielt. Welchen Mitspieler würden Sie gerne heute im aktuellen Team auf dem Platz sehen?
Diego!
Werder Bremens Peter Niemeyer im Interview über Diego: „Wenn das Gefüge stark genug ist, verträgt es auch Individualisten“
Würde der als Individualist überhaupt in die von Ihnen beschriebene charakterstarke Mannschaft passen?
Es müssen nicht alle Freunde sein. Und wenn das Gefüge stark genug ist, verträgt es auch ein, zwei, drei Individualisten. Na ja, und Diego habe ich vor allem genannt, weil es der beste Spieler war, mit dem ich zusammengespielt habe. Obwohl es da oben an der Spitze eng ist: Ich hätte auch Claudio Pizarro, Per Mertsacker, Mesut Özil und noch andere nennen können.
So schlecht waren Sie aber auch nicht: Sie haben 2009 beim Uefa-Cup-Finale in der Startelf gestanden und sind kurz darauf beim erfolgreichen Pokalfinale eingewechselt worden. Denken Sie da in diesen Tagen häufiger mal dran?
Ich blicke etwas anders auf meine Karriere zurück. Ich habe damals leider den Moment des Innehaltens, des Genießens verpasst. Es ging immer weiter. Genauso war es zuletzt in Münster in einer anderen Funktion. Die Menschen waren so glücklich, nach 33 Jahren endlich wieder in der 2. Liga zu sein. Aber ich konnte es nicht richtig genießen, weil ich gedanklich schon wieder weiter war. Dazu passt, was ich vor einiger Zeit von Niclas Füllkrug gelesen habe. Der hat gesagt, dass dieses Innehalten und der Genuss der Anfang sein kann, langsamer zu werden und nicht mehr so getrieben zu sein. Das liegt im Naturell des Profisportlers. Und trotzdem ist es das schönste Leben, das man sich vorstellen kann.
Wie gehen Sie heute mit dem Getriebensein um?
Das gehört zu meinem Charakter. Deswegen bin ich auch bis hierhin gekommen. Ich will immer das Maximale erreichen.
Was konnten Sie bei Werder schon umsetzen?
Ich bin keiner, der sofort auf den Tisch haut und sagt, jetzt muss alles anders laufen. Das wäre auch total falsch, dafür ist Werder viel zu gefestigt. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Aber man muss Schwingungen und Stimmungen aufnehmen, ein Erwartungsmanagement etablieren, Rollen weiter schärfen und immer wieder das Miteinander durch Gespräche stärken. (kni)
