Werder-Saison in der Taktik-Analyse

Werders taktische Saisonbilanz: Baut Horst Steffen auf Ole Werners Arbeit auf?

Bremen - Ole Werners Zeit beim SV Werder Bremen ist Geschichte, ab sofort steht Horst Steffen als neuer Cheftrainer in der Verantwortung. Wie sehr der 56-Jährige auf der Arbeit seines Vorgängers aufbauen oder bestehende Ansätze über Bord werfen wird, lässt sich noch nicht beantworten. Klar ist jedoch, dass er ein taktisch solides Fundament vorfindet, wie die Analyse der vergangenen Saison von Taktik-Experte Tobias Escher zeigt. 

Erst der Aufstieg, dann der Klassenerhalt, in der Vorsaison Rang neun und nun Rang acht: Unter Ole Werner hat sich Werder Bremen von Saison zu Saison verbessert. Auch in der Spielzeit 2024/25 haben sich die Bremer kontinuierlich weiterentwickelt. In ihrer Stammformation war die Mannschaft dabei nahezu unschlagbar. Probleme bekam der Trainer allerdings, sobald er improvisieren musste – sei es aufgrund von Verletzungen oder eines starken Gegners. Bremer Fans wissen längst, dass Werner kein Mann der Experimente war und ist. So gab es auch im Verlauf der vergangenen Saison keine großen taktischen Änderungen. Werders Coach startete mit einer Mischung aus 5-3-2- und 5-2-3-Formation in die Spielzeit – und er beendete sie auch mit dieser Variante. Gegen den Ball setzte Werder auf eine Manndeckung im hohen Pressing. Zogen sich die Bremer in die eigene Hälfte zurück, taten sie dies zumeist in einem 5-3-2. Hierbei schlossen sie vor allem die Räume im Zentrum. Einzig die Intensität des Pressings passte Werder an den jeweiligen Gegner an.

Werder Bremens Saison in der Taktik-Analyse: Ole Werners Stärke ist es, ein System zu kreieren, in dem die einzelnen Spieler aufblühen

Nur in Ausnahmefällen wich Ole Werner von seiner Stammvariante ab. Gegen Stuttgart und gegen Frankfurt setzte er auf ein 4-4-2-System, gegen die Bayern verschanzte sich Bremen im 5-4-1. In den allermeisten Spielen setzte Werner jedoch auf Kontinuität. Und das hat einen guten Grund: Werners Stärke ist es seit jeher, ein System zu kreieren, in dem die einzelnen Spieler aufblühen. Das war auch die große Stärke des SV Werder Bremen während der Saison.

Das prominenteste Beispiel dafür ist das zentrale Mittelfeld. Romano Schmid bewegte sich als Halbraumzehner viel horizontal, er forderte Bälle und verteilte sie. Jens Stage war hingegen eher in der vertikalen Linie unterwegs: Werders Top-Torjäger sprintete in den Strafraum und versprühte dort Torgefahr. Senne Lynen sicherte hinter den beiden offensiven Mittelfeldspielern ab. Wenn das angestammte Mittelfeld-Trio und Abwehrchef Marco Friedl gemeinsam auf dem Feld standen, hat Werder Bremen nur ein Spiel verloren: den Jahresauftakt in Leipzig (2:4). Sobald nur ein Schlüsselspieler fehlte, sank die Bremer Punktequote um einen Zähler pro Partie. Eingespieltheit und Verletzungsfreiheit sind daher die Schlüssel, um Werders starke Saison zu erklären.

Horst Steffen (links) folgt beim SV Werder Bremen als Trainer auf Ole Werner - der ihm aber ein taktisch solides Fundament hinterlassen hat.

Werder Bremens Saison in der Taktik-Analyse: Flügelspieler waren eine der Säulen des Bremer Fußballs

Taktisch hat Ole Werner während der Saison vor allem an den kleinen Stellschrauben gedreht. So hat sich Werder im Spielaufbau weiterentwickelt. Abstöße führten die Bremer zumeist in einer 4-2-4-Variante aus. Mit flachen Pässen und Ablagenspiel sollte der Gegner die sechs tiefen Spieler pressen, ehe der Ball zu den vorderen vier Akteuren wanderte. Diese Aufbauvariante bevorzugen mittlerweile fast alle Bundesligisten. Im höheren Aufbau setzte Werder Bremen auf die bekannte Dreierkette. Eine auffällige Facette des Bremer Spiels waren die Pässe auf die Flügel. Wenn die Außenverteidiger den Ball unter Druck bekamen, spielten sie ihn zumeist mit dem ersten Kontakt weiter. Der Ball flog sofort in Richtung Stürmer. Marvin Ducksch stand bereit, um diese Bälle zu verarbeiten. So beschleunigten die Bremer das Spiel.

Apropos Flügelspieler: Sie waren eine der Säulen des Bremer Fußballs. Auf der rechten Seite agierte Mitchell Weiser gewohnt offensiv. Er genoss unter Ole Werner viele Freiheiten. Aber auch der Spieler auf der linken Seite – zumeist Felix Agu oder Derrick Köhn – schaltete sich häufig in die Offensive mit ein. In der ersten Hälfte der Saison setzten die Bremer vor allem auf Spielverlagerungen. Sobald Weiser den Ball bekam, startete der gegenüberliegende Außenverteidiger sofort in den Strafraum. Praktisch jede Flanke schlug der SV Werder Bremen auf den zweiten Pfosten. Dieses taktische Mittel nutzte sich im Verlauf der Saison jedoch ab.

Die Grafik zeigt Werders Formation in der Rückrunde.

Werder Bremens Saison in der Taktik-Analyse: Werder spielte in der Rückrunde häufiger in die Tiefe statt in die Breite

In der zweiten Saisonhälfte fokussierten die Bremer stärker das Spiel durchs Zentrum. Weiser rückte häufiger ein und suchte das Zusammenspiel mit Schmid und Stage. Immer wieder überlud Werder Bremen einzelne Räume, um anschließend einen Spieler auf der ballfernen Seite in die Tiefe zu schicken. Für dieses taktische Mittel war Stürmer Oliver Burke wie geschaffen: Der pfeilschnelle Schotte sorgte mit seinen Tiefenläufen dafür, dass die Bremer in der Rückrunde häufiger in die Tiefe statt in die Breite spielten.

Wie hoch Ole Werner Konstanz gewichtet, zeigt sich auch in seiner Einwechselstatistik: Im Schnitt bekam ein Bremer Joker 16 Minuten Spielzeit. Das ist der drittniedrigste Wert der Liga. Werner lässt seine Startelf vergleichsweise lange auf dem Feld. Dennoch bewies der Coach des SV Werder Bremen einige Male ein glückliches Händchen. Justin Njinmah etwa avancierte mit fünf Torbeteiligungen nach Einwechslungen zum Top-Joker der Liga. Zwar veränderte Werner selbst bei Rückstanden praktisch nie seine Formation. Doch er wagte es einige Male, sämtliche Positionen innerhalb des 5-3-2 mit offensiven Spielern zu besetzen.

Werder Bremens Saison in der Taktik-Analyse: 19-mal ging Werder in Führung, nur ein Spiel wurde davon verloren

Die fehlenden formativen Wechsel machten sich jedoch auch negativ bemerkbar. Ole Werner fand selten Lösungen, wenn sich der Gegner einen guten Matchplan zurechtgelegt hatte. Besonders negativ stachen hier das 1:4 gegen Borussia Mönchengladbach sowie das 0:2 gegen den FC Augsburg hervor. Andere Bundesliga-Coaches wie Bo Henriksen oder Julian Schuster haben mehr Mut bewiesen. Sie werfen im Zweifel ihre gesamte Spielweise über den Haufen, wenn ihre Spieler nicht durchkommen. Auch deshalb stehen Mainz und Freiburg am Saisonende vor Werder Bremen.

Oftmals war dies aus Bremer Sicht jedoch gar nicht nötig. 19-mal ging Werder in Führung, nur ein Spiel verloren sie im Anschluss noch. Wenn Werder Bremen mit der besten Elf auflaufen konnte, überzeugte das Team sowohl durch eine kompakte Defensive als auch durch einen stark verbesserten Spielaufbau.

Ob Horst Steffen im kommenden Spieljahr auf diesem Fundament aufbauen will (und kann), ist eine spannende Frage. Werder Bremen muss bekanntlich Transfereinnahmen generieren. Spieler wie Schmid und Stage haben das Interesse der Konkurrenz längst geweckt, sodass der neue Chefcoach zumindest mal personell wird umbauen müssen.

Rubriklistenbild: © Imago/Fussball-News-Saarland/kolbert-press

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