Vierer- statt Dreierkette?

Neuer Werder-Trainer Horst Steffen in der Taktik-Analyse: Der offensiv denkende Spielerflüsterer

Der neue Werder-Trainer heißt Horst Steffen. In Elversberg hat er attraktiven Offensivfußball spielen lassen und junge Talente gefördert. Doch passt sein Spielstil auch zu Werder Bremen? Eine Analyse unseres Taktik-Kolumnisten Tobias Escher.

Tritt ein Trainer einen neuen Job an, klingen die Versprechen auf der ersten Pressekonferenz fast immer gleich. „Offensiven Fußball“ möchte der neue Trainer spielen lassen, „lieber 5:4 als 1:0“ gewinnen. Selten überstehen diese Versprechungen den Realitätscheck. Im harten Alltag der Bundesliga geht plötzlich Ergebnisfußball vor Spektakel.

Horst Steffen dürfte solche Versprechen tatsächlich ernst meinen. Kaum ein Trainer setzt derart kompromisslos auf Offensive und ein flaches Passspiel. Er könnte der offensivste Bremer Trainer seit Thomas Schaaf werden. Die Frage wird sein, ob sein erfolgreicher Spielstil aus Elversberg auch mit dem Kader des SV Werder Bremen funktioniert.

Werder Bremens neuer Trainer Horst Steffen in der Taktik-Analyse.

Trainer mit Anlauf: Werder Bremens neuer Coach Horst Steffen in der Taktik-Analyse

Der ehemalige Bundesliga-Spieler Horst Steffen benötigte einige Zeit, ehe seine Trainerkarriere ins Rollen kam. Nach einigen Fehlschlägen, etwa in Münster oder Chemnitz, feierte er mit dem SV Elversberg große Erfolge. Er führte die Mannschaft von der Regionalliga beinahe bis in die Bundesliga. Erst in letzter Sekunde scheiterten sie in der Relegation. Früh etablierte Steffen bei Elversberg ein Spielsystem, das auf flachen Pässen und hohem Risiko fußt. Der 56-Jährige forderte, dass seine Akteure Situationen spielerisch lösen. Dazu beteiligten sich viele Spieler am Aufbau.

In der vergangenen Spielzeit baute Elversberg praktisch immer aus einer 2-4-4-Formation auf. Die beiden Sechser agierten eng an der Abwehr. Wenn der Gegner früh presste, versuchte Elversberg dennoch, das Spiel flach zu eröffnen. Die Sechser kamen entgegen, spielten den Ball zurück oder sofort auf die Außenverteidiger. Das war nicht ohne Risiko – funktionierte aber fast immer. Ein wesentlicher Grund dafür lag in der hohen technischen wie taktischen Klasse der Akteure. Horst Steffen trichtert seinen Spielern ein, dass sie auch nach einem Pass stets aktiv bleiben sollen. Die Elversberger Spieler stahlen sich ständig frei, nach einem Pass folgte sofort der nächste Lauf. So fand der Spieler am Ball stets eine Anspielstation.

Taktikanalyse: Werder Bremens neuer Trainer Horst Steffen legt Wert auf Diagonalität und Tiefe

Ein Muster, das Elversberg häufig anwandte, dürfte Werder-Fans aus der vergangenen Saison bekannt vorkommen. Wenn die Saarländer sich im Aufbau auf einem Flügel festspielten, folgte in der Regel ein diagonaler Ball. Die Stürmer kamen entgegen, um diesen Ball zu empfangen. Auch Werder Bremen nutzte unter Ole Werner dieses taktische Muster.

Diagonalität ist ohnehin ein wichtiges Stichwort. Horst Steffens Teams suchen häufig den diagonalen Flachpass, manches Mal auch im Zentrum. Gelangt der Ball in den Raum hinter der Spitze, starten die übrigen Angreifer sofort in die Tiefe. Elversberg spielte in der abgelaufenen Zweitliga-Saison die zweitmeisten Pässe hinter die gegnerische Abwehr.

Das Angriffsspiel der Saarländer war dabei weitaus weniger schematisch, als man dies von den Spitzenteams unserer Zeit gewohnt ist. Gerade im letzten Drittel genießen die Spieler Freiheiten. So können sie miteinander kombinieren und den Gegner auseinanderspielen. Auch hier setzte Elversberg praktisch immer auf flache Pässe. Über die Flügel spielten sie selten; nur Nürnberg und die total defensiven Ulmer schlugen weniger Flanken.

Werder Bremens neuer Coach Horst Steffen spielt ein klar strukturiertes Pressing - die Taktik-Analyse

Der wesentliche Erfolgsfaktor der vergangenen Saison war nicht die Offensive, sondern die Defensive. Elversberg kassierte die zweitwenigsten Gegentore aller Zweitligisten. Ein wesentlicher Eckpfeiler ist das Gegenpressing nach Ballverlusten: Elversberg ballte zahllose Akteure in Ballnähe. Das half nicht nur dem flachen Kombinationsspiel, sondern sorgte auch dafür, dass sie nach einem Ballverlust sofort mit mehreren Akteuren nachsetzen konnten.

Wenn der Gegner den Ball hat, blieben die Elversberger ebenso wenig tatenlos. Elversberg setzte auf eine Mischung aus 4-2-3-1- und 4-4-2-Pressing. Dabei liefen sie den Gegner meist früh an. Während in der Bundesliga die Manndeckung ein Comeback feiert, bevorzugt Horst Steffen eine raumorientierte Defensive. Der Gegner soll auf eine Seite gelenkt werden, dort schuf Elversberg dann eine Überzahl. Elversberg setzte fast durchgehend auf ein offensives Pressing, nur sehr selten verschanzten sie sich in der eigenen Hälfte.

Taktik-Analyse: Werder Bremens Horst Steffen gleicht in einigen Aspekten Vorgänger Ole Werner

In einigen Details gleicht Steffen seinem Vorgänger Ole Werner. Auch Werner bevorzugte ein flaches Aufbauspiel. Werder beherrscht daher bereits jetzt ein gutes Kombinationsspiel. In vielen anderen Bereichen müssen sich die Spieler auf Veränderungen einstellen. Steffen ist taktisch flexibler als Werner, der stets an seiner liebsten 5-2-3-Formation festhielt. Elversberg wechselte in der vergangenen Saison zwischen 4-2-3-1, 4-4-2 und 4-1-3-2. Steffen ließ in der Vergangenheit auch bereits mit einer Falschen Neun spielen. Die einzige Konstante: Steffen bevorzugt eine Viererkette; eine Variante, die Werder Bremen in den vergangenen Jahren kaum gespielt hat.

Auch das Flügelspiel wird sich verändern. Werder Bremen hat in der vergangenen Spielzeit die drittmeisten Flanken geschlagen. Der Fokus unter Werner rückte von Saison zu Saison stärker auf die Außen. Steffen bevorzugt es, wenn die Außenstürmer im letzten Drittel ins Zentrum ziehen. Nur die Außenverteidiger sollen Breite schaffen, allerdings auch eher, um die Akteure im Zentrum freizuziehen.

Werder Bremens neuer Trainer Horst Steffen gibt jungen Spielern häufig eine Chance

Der größte Unterschied zwischen Werner und Steffen findet sich im Umgang mit jungen Spielern. Steffen wirft junge Spieler gern und häufig ins kalte Wasser. Werner war für das genaue Gegenteil bekannt. Werder Bremen stellte in der vergangenen Spielzeit die drittälteste Stammelf nach Bayern und Bochum. Die Verpflichtung von Steffen folgt dem ausdrücklichen Wunsch der Werder-Verantwortlichen, die erste Elf zu verjüngen.

Horst Steffen wird diese Herausforderung annehmen. Er hat lange auf seine Chance gewartet, in der Bundesliga trainieren zu dürfen. Er ist aber auch kein Trainer, der für seinen großen Traum Kompromisse eingeht. Steffen fordert von seiner Mannschaft so zu spielen, dass er als Fan gern zuschauen würde. Für Werder-Anhänger bleibt zu hoffen, dass er dieses Versprechen wirklich einhält.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Grant Hubbs

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