Werder nach Sieg gegen Hannover 96
Werder wiederbelebt - Bartels wachgeküsst?
Bremen - Erleichtert. Befreit. Überglücklich. Überwältigt. Überrascht. Es gab am Sonntagabend mannigfaltige Möglichkeiten, die Bremer Gefühlswelt nach dem 4:0-Sieg des SV Werder über Hannover 96 zu beschreiben.
Maximilian Eggestein verlängerte die Liste noch um einen weiteren Begriff. „Ungewohnt“ sei das Gefühl, sagte der Mittelfeldmann und zielte damit auf die 204 Tage ab, die Werder auf einen Erfolg in der Bundesliga warten musste. Ungewohnt ist auch, dass die Bremer plötzlich wieder Fußball spielen. Und ungewohnt wird auch sein, dass die Mannschaft selbst zu einem Auswärtsspiel wie dem bei RB Leipzig am Samstag nicht als sicherer Punktelieferant fahren wird. „Wir wollen auch da etwas holen“, sagte Trainer Florian Kohfeldt, „aber wir wissen: Das wird brutal schwer.“
Für Werder ist keine schnelle Klettertour möglich
Noch vor wenigen Tagen hätte wohl jeder dagegengehalten, dass „brutal schwer“ brutal untertrieben ist und es beim Tabellendritten ohnehin nichts zu holen gibt. Doch der erste Sieg in der Bundesliga hat Fantasie und Zuversicht wieder aktiviert. Kohfeldt freut das, es gehört zu seinen Zielen, die gute Stimmung in den Club zurückzubringen. Aber was er nicht will, ist, dass die Erwartungen nach den vier Toren gegen Hannover in ungesunde Höhen steigen. Nicht für das Spiel in Leipzig und auch sonst nicht. Der Coach: „Mein Job ist es, die Situation realistisch einzuschätzen. Wir haben nur ein Spiel gewonnen und befinden uns weiter in einer sehr schwierigen Situation.“
Das sieht jeder, der auf die Tabelle schaut. Zwar haben die Bremer den SC Freiburg überholt und haben sich auf den Relegationsplatz verbessert, doch der Sechs-Punkte-Abstand zu Platz 14 zeigt, dass so schnell keine beruhigende Klettertour ansteht. In Schlagdistanz ist derzeit nur der um zwei Zähler bessere HSV. Was bedeutet: Mal eben aus dem Keller rauszuhüpfen, wird Werder nicht vergönnt sein. „Es ist ein langer Weg zu gehen“, meinte Kohfeldt und gönnte sich Zufriedenheit allenfalls für einen Augenblick: „Große Freudensprünge lässt die tabellarische Situation nicht zu.“
Einzelkritik: Kruse überragend, Bartels endlich wieder in Form




Einige Probleme haben Cheftrainer und Mannschaft mit dem 4:0 aber beiseitegeschoben. Der Fatalismus nach einem Saisonstart mit elf Spielen ohne Sieg ist vertrieben. Die Skepsis, dass Kohfeldt die grundlegend falsche Wahl gewesen sein könnte, hat jetzt mindestens Pause. Und der Gedanke, dass Werder eine ziemliche Trümmertruppe auf dem Platz stehen hat, war wohl doch nur ein Irrlicht. Denn die Erkenntnis des Sonntags ist: Sie können es doch! Richtig gut sogar!
Ein Tor Fin Bartels (38.), drei Tore Max Kruse (54., 59., 78.) – so hat sich Werder gegen Hannover selbst wiederbelebt. Als Kohfeldt Minuten nach dem Abpfiff in die Kabine kam, habe er zwar glückliche Spieler gesehen, aber keine selbstzufriedenen. „Alle wissen, dass wir weiter hart arbeiten müssen – und genauso habe ich die Jungs erlebt: Sie sagen: ,Das war gut, das war sehr gut! Aber jetzt geht es weiter.‘“
Bartels wachgeküsst? „Da müssen Sie seine Frau fragen“
Dranbleiben, nicht nachlassen, nicht glauben, dass ein Sieg schon ein Fortschritt ist – das ist es, was Kohfeldt jetzt zur Leitlinie macht. Dass die Spieler dies tatsächlich verstanden haben, bestätigt zum einen Ludwig Augustinsson („Es kann sein, dass das jetzt die Wende war. Dafür brauchen wir aber weiter diesen Hunger und diese Konzentration“) und zum anderen Hattrick-Held Kruse, der mahnt: „Wir haben erst acht Punkte, dürfen uns also nicht in den Himmel loben.“
Die Verführung war am Sonntag aber fraglos da. Wie ausgewechselt hatte Werder agiert – und beispielhaft dafür stand Fin Bartels. Wochenlang hatte er sich, wie die gesamte Mannschaft, durch die Spiele gequält. Am Sonntag glänzte er an Kruses Seite wie in der Rückrunde der vergangenen Saison. Ein Tor, zwei Vorlagen – wer den 30-Jährigen wachgeküsst habe, wurde Florian Kohfeldt gefragt. „Da müssen Sie seine Frau fragen“, antwortete er lachend, „ich hab' ihn jedenfalls nicht geküsst.“ Aufgeweckt und stark gemacht aber trotzdem. Wie auch den Rest der Mannschaft.