Werder-Stürmer jetzt Nationalspieler

Marvin Ducksch für Deutschland: Die Belohnung für Werders Straßenfußballer

Einst dachte Marvin Ducksch an ein frühes Karriereende, jetzt wurde der Stürmer von Werder Bremen für die deutsche Nationalmannschaft nominiert.
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Einst dachte Marvin Ducksch an ein frühes Karriereende, jetzt wurde der Stürmer von Werder Bremen für die deutsche Nationalmannschaft nominiert.

Werder Bremens Marvin Ducksch ist erstmals für die A-Nationalmannschaft nominiert worden. Damit geht ein Traum in Erfüllung für einen Straßenfußballer mit einer ganz besonderen Geschichte.

Bremen – Als Marvin Ducksch im Sommer 2021 von Hannover 96 zum SV Werder Bremen wechselte, da rieben sie sich in der niedersächsischen Landeshauptstadt genüsslich die Hände. Mit der Ablösesumme von 3,2 Millionen Euro sahen sie sich mehr als fürstlich entlohnt für einen Stürmer, der zwar oft treffe, aber dafür zu viele Chancen brauche und in der Bundesliga noch gar nicht funktioniert habe, hieß es. Und dann? Erst schoss Ducksch Werder in die 1. Liga, dann startete er auch dort durch – und nun gehört der schon 29-Jährige sogar zum Kreis der Nationalmannschaft. Der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann hat den Angreifer für die anstehenden Länderspiele gegen die Türkei und Österreich nominiert. Ein Fußballer-Märchen wie vor einem Jahr bei Niclas Füllkrug - und die besondere Geschichte eines Straßenfußballers, der stets die Wertschätzung vermisste.

Werder Bremens Marvin Ducksch für „guten Grad Verrücktheit“ nominiert - „Vogelhochzeit“ bei der Nationalmannschaft

„Bei Marvin geht es ganz schnell, dann wird er für seine Spielweise kritisiert“, sagt Clemens Fritz als Werders Leiter Profifußball. Dabei habe Ducksch stets konstant abgeliefert, sich enorm weiterentwickelt und sei zudem der Mann für „die besonderen Momente“. An die erinnert auch Werder-Coach Ole Werner: „Marvin ist ein Stück weit immer noch ein Straßenfußballer, der ein Näschen hat, der Dinge tut, die manchmal auch mit sehr viel Risiko verbunden sind, aber die eben nicht jeder auf dem Platz sieht und spielen würde. So wie damals der Freistoß gegen Bochum: Da jubeln entweder 40.000 im Stadion oder halten sich die Hände vors Gesicht.“ Marvin Ducksch hatte den Ball im vergangenen Februar ganz frech flach unter der hochspringenden Mauer ins Tor geschossen. Und Werner glaubt, dass Bundestrainer Nagelsmann eine solche Aktion meinte, als er seine Nominierung erklärte. „Marvin bringt auch einen guten Grad an Verrücktheit rein, den wir brauchen“, meinte Nagelsmann und betonte, dass Stürmer, die bei nicht so starken Clubs treffen, durchaus höher zu bewerten seien als die Kollegen bei Topvereinen. Wobei sich Ducksch hinter der namhaften Konkurrenz gar nicht verstecken muss. Mit 13 Toren für Werder Bremen ist er im laufenden Kalenderjahr der erfolgreichste deutsche Profi in der Bundesliga – auch viel erfolgreicher als Füllkrug (8 Treffer).

Der hatte vor einem Jahr sein Märchen erlebt, es durch seine Leistungen bei Werder Bremen sogar zur WM in Katar geschafft. Auch dank Ducksch – seinem kongenialen Partner. Die „hässlichen Vögel“, wie sie sich selbst nannten, hatten erst die 2. Liga gerockt und dann auch eine Klasse höher nahezu perfekt harmoniert. Nach Füllkrugs Wechsel zu Borussia Dortmund vor zweieinhalb Monaten gibt es nun quasi die „Vogelhochzeit“ mit dem Adler auf der Brust. Diese besondere Beziehung habe durchaus eine Rolle gespielt, so Nagelsmann. Füllkrug feierte die Wiedervereinigung bei Instagram mit vier Emojis: zwei Vögeln sowie einem schwarzen und einem weißen Herz. Und Marvin Ducksch verriet: „Ich habe ihn tatsächlich versucht zu erreichen. Er ist erst nicht rangegangen, am Abend haben wir dann aber kurz getextet.“

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Werder Bremen: Marvin Ducksch dachte einst ans Karriereende, jetzt steht im Kader der Nationalmannschaft

Da lagen die emotionalsten Momente allerdings schon hinter Marvin Ducksch. „Ich habe kurz am ganzen Körper gezittert, weil es einfach wirklich ein Kindheitstraum für mich gewesen ist. Höher kann man im Fußball nicht kommen“, erzählte der Profi des SV Werder Bremen von seinem Telefonat mit Nagelsmann. Weil er dessen Nummer noch nicht eingespeichert hatte, wusste er gar nicht, was ihn da erwartete. Einen Fake-Anruf konnte er aber schnell ausschließen: „Ich habe ihn an der Stimme erkannt.“ Anschließend musste er erst einmal tief durchatmen, um das zu realisieren. „Danach habe ich direkt meinen besten Freund angerufen.“

Das hat einen ernsten Hintergrund. Ducksch ging es bei weitem nicht immer so gut wie jetzt. Es gab Zeiten, da wollte der Stürmer sogar aufhören mit dem Profi-Fußball. Acht Jahre ist das her, nach einer Ausleihe zum SC Paderborn war er zu seinem Stammverein Borussia Dortmund zurückgekehrt. „Das war eine sehr schwierige Zeit für mich. Der neue Trainer Thomas Tuchel hat nicht mit mir gesprochen“, verriet der 29-jährige Stürmer mal vor einiger Zeit: „Mein bester Freund hat mich aus dem Sumpf rausgeholt.“ Nach Stationen beim FC St. Pauli, Holstein Kiel, Fortuna Düsseldorf und eben auch Hannover landete der Angreifer im Sommer 2021 bei Werder Bremen.

Marvin Ducksch übernimmt bei Werder Bremen jetzt mehr Verantwortung - das gefällt auch Julian Nagelsmann

Dort traf Marvin Ducksch vom ersten Spiel an. Ein Musterprofi ist er allerdings nicht. Auf dem Platz wird zwar durchaus hart gearbeitet, bei der Ernährung aber nicht immer so genau hingeschaut. So wie einst als Straßenfußballer in Dortmund, wo er aufgewachsen ist. Nach einer Disconacht mit Teamkollege Oliver Burke verpasste er vor einem Jahr eine Teamsitzung und wurde von Werner für das anstehende Pokalspiel des SV Werder Bremen suspendiert. Danach war das Thema aber intern erledigt, der Coach verzichtet eigentlich nie auf Ducksch, der nur äußerst selten verletzt ist. Das mag auch daran liegen, weil er den harten Zweikämpfen lieber aus dem Weg geht. Dafür musste Ducksch schon häufig Kritik einstecken, genauso wie für seine Phasen, in denen er im Spiel abtaucht. Doch das hat sich in dieser Saison etwas verändert. Seit Füllkrugs Wechsel übernimmt Ducksch mehr Verantwortung. Das gefällt auch dem Bundestrainer: „Er hat Werder stabilisiert.“

In der Nationalmannschaft sieht Nagelsmann den Bremer erst einmal als Joker. Er mag ihm vor den anstehenden Länderspielen keine Einsatzgarantie aussprechen, weil der Kader mit 27 Akteuren sehr groß sei. Trotzdem kann Ducksch darauf hoffen, Werders 44. Nationalspieler zu werden. 23 Mal hat er schon für Deutschland gespielt und dabei immerhin zehn Tore erzielt – als Nachwuchsstürmer von der U15 bis zur U18. Dann folgte ein langer Weg durch den deutschen Fußball. Im Sommer hätte er für viel Geld nach Saudi-Arabien wechseln können, blieb aber bei Werder Bremen. Als einen Grund nannte er seinen Traum von der EM-Teilnahme im eigenen Land. Dafür wurde der 29-Jährige von vielen belächelt, jetzt hat er zumindest schon mal den Schritt in die Nationalmannschaft geschafft. Und in Hannover werden sie sich vielleicht ein bisschen ärgern, dass sie ohne Marvin Ducksch weiterhin in der 2. Liga spielen. (kni)

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