Werder in der Taktik-Analyse

Zwei unterschiedliche Welten: Warum Werders Plan gegen die Bayern nicht aufging - die 0:4-Pleite in der Taktik-Analyse

München - In der Allianz Arena blieb in dieser Saison noch jeder Gegner chancenlos. So erging es auch Werder Bremen am Freitagabend. Gegen Bayern München kassierten die Bremer eine verdiente 0:4-Pleite. Dennoch hat Werder so manches richtig gemacht, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher in seiner Analyse - und kommt zum Schluss: Die Bayern spielen in ihrer ganz eigenen Liga.

Seit mehr als einem Jahrzehnt dominiert der FC Bayern München die Bundesliga. So chancenlos wie aktuell war die Konkurrenz aber wohl noch nie. Werder Bremen reist mit einer 0:4-Klatsche aus München ab – und muss sich am Ende dennoch nicht vorwerfen lassen, schlecht gespielt zu haben. Immerhin haben sie in der Allianz Arena weniger Gegentore kassiert als der Hamburger SV (fünf) oder RB Leipzig (sechs). Von einem Punktgewinn waren die Bremer derweil sehr weit entfernt. Kleine Schwächen in der Flügelverteidigung und im Umschaltverhalten genügten, um gegen den amtierenden Meister chancenlos zu bleiben.

Trainer Horst Steffen und der SV Werder Bremen hatten sich einen Plan für die Partie beim FC Bayern München zurechtgelegt - das Problem: Er ging nicht auf. Warum, zeigt die Taktik-Analyse!

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Bayern München in der Taktik-Analyse: Kompakte Defensive im Fokus

Werder-Coach Horst Steffen verzichtete auf Experimente. Im Vergleich zum 0:3 gegen den SC Freiburg veränderte er seine Startelf nur auf zwei Positionen. Samuel Mbangula begann für Marco Grüll. Mbangula ging auf die linke Seite, wodurch Justin Njinmah gegen den FC Bayern München ins Sturmzentrum rückte. Im Tor ersetzte Karl Hein den verletzten Mio Backhaus.

Werder Bremen stellte sich in der gewohnten 4-4-2-Formation auf. Die Bremer verzichteten auf ein hohes Anlaufen des Spielaufbaus vom FC Bayern München. Die Spieler zogen sich kurz hinter die Mittellinie zurück. Dabei postierte sich die Abwehr keineswegs am eigenen Fünf-Meter-Raum: Abwehr und Mittelfeld schoben weit vor. So wahrte Werder eine hohe Kompaktheit. Da auch die beiden Stürmer weit nach hinten arbeiteten, standen meist alle Bremer hinter dem Ball.

Werder Bremen wusste, welche Gefahr sämtliche Bayern-Akteure ausstrahlen. Der FC Bayern München setzt nominell auf ein 4-2-3-1-System. In der Praxis sieht man diese Formation jedoch nur selten. Immer wieder tauschen Spieler ihre Positionen oder bewegen sich in freie Räume. So rücken die Außenverteidiger häufig ins Zentrum, während die Zentrumsspieler sich nach Außen bewegen.

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Bayern München in der Taktik-Analyse: Kompakt im Zentrum, luftig auf dem linken Flügel

Die Bremer ließen sich nicht von den Positionswechseln des FC Bayern München irritieren. In der Verteidigung hielten sie eine hohe Kompaktheit. Gerade im Zentrum hatten Jens Stage und Senne Lynen stets ein Auge darauf, wann ein gegnerischer Außenverteidiger hineinstößt. Die Devise: Im zentralen Block sollte der Gegner sofort angegriffen werden. Ließen sich jedoch Stürmer Harry Kane oder Sechser Tom Bischof fallen, ließ Werder Bremen sie gewähren.

Tatsächlich brauchten die Bayern relativ lange, um aus dem eigenen Ballbesitz nennenswerte Chancen zu kreieren. Ihre erfolgreichsten Angriffe kamen dabei über Bremens linke Seite. Wenn Sacha Boey oder Dayot Upamecano hier den Ball führten, griff Werder nur halbherzig ein. Sie spielten den Ball ins Zentrum, von wo der Pass auf den freistehenden Außenspieler folgte.

Wenn der FC Bayern München diese Angriffe mit hohem Tempo ausspielte, bekamen die Bremer häufig Probleme. Linksaußen Mbangula war selten optimal postiert. So kamen die Bayern-Stürmer manches Mal in Eins-gegen-Eins-Duelle gegen Felix Agu. Der Linksverteidiger des SV Werder Bremen war mit den Fähigkeiten von Michael Olise und Serge Gnabry überfordert.

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Bayern München in der Taktik-Analyse: Ballbesitz: Guter Plan, mittelmäßige Ausführung

Dennoch: Die Mehrzahl der Chancen in der ersten Halbzeit leiteten die Bayern nicht über Ballbesitzangriffe ein. Zu den besten Möglichkeiten kamen sie nach Bremer Fehlern. Leider unterliefen den Bremer Spielern vor allem im Übergangsspiel viele Fehlpässe.
Werder Bremen hatte sich für das eigene Ballbesitzspiel einen Plan zurechtgelegt. Sie wollten die Manndeckung des FC Bayern München auseinanderziehen. Marco Friedl und Karim Coulibaly bewegten sich weit nach außen. Vor allem Coulibaly bot sich immer wieder an der linken Außenlinie an. Er band damit nicht nur seinen Gegenspieler Olise. Die breite Formation im Aufbau zog die gesamte Bayern-Abwehr auseinander.

In einigen Situationen war zu erkennen, wie Werder Bremen diese Grundidee ausspielen wollte: Die vier offensiven Akteure ballten sich im Zentrum. Es entstand auf Münchener Seite eine Art Trichter: Vorne postierten sich die Manndecker sehr breit, dahinter sehr eng. Das wiederum öffnete in vorderster Linie Räume auf den Flügel. Auftritt Yukinari Sugawara: Bremens Rechtsverteidiger stieß im richtigen Moment vor, um hinter die Abwehrkette des FC Bayern München zu starten.

Auf dem Papier klang der Plan gut. In der Praxis funktionierte er nur selten. Werder Bremen fehlte an diesem Tag die Passschärfe und -genauigkeit, um den FC Bayern München zu ärgern. Es ist eine Sache, einen schwierigen Pass zu spielen, um den Gegner ins Pressing zu locken. Es ist etwas anderes, dies in der Allianz Arena unter dem Druck von Leon Goretzka oder Konrad Laimer zu tun.

Die Grafik zeigt Werders Bemühungen im Aufbau, Bayern in einen Trichter zu formen. In der hintersten Aufbaulinie stand Werder sehr breit, vor allem Coulibaly und Friedl sollten den Gegner nach Außen locken. Vorne wiederum standen Bremens Angreifer eng. Sugawara versuchte, das Loch auf den Flügeln auszunutzen.

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Bayern München in der Taktik-Analyse: Leichte Anpassungen verbessern das Bremer Spiel

Zur Halbzeit passte Steffen die Spielweise seiner Mannschaft leicht an. Defensiv schloss Werder Bremen die linke Seite konsequenter. Cameron Puertas schob weiter nach halblinks. Zeitweise entstand so ein 4-1-4-1. Zugleich arbeitete Mbangula gewissenhafter nach hinten. Der FC Bayern München kam nun kaum mehr über seine Seite nach vorne.

Im Ballbesitz zeigten sich die Bremer wiederum geduldiger. Sie brachen Angriffe auch einmal ab, sobald sie ins zweite Drittel kamen. Zugleich profitierten sie von einer Münchner Elf, die das Gaspedal nicht mehr vollends durchdrückte. So kam Werder Bremen nun über Sugawara sogar zu eigenen Chancen. Zwischen der 45. und der 65. Minute waren das Ballbesitz- und das Schussverhältnis ausgeglichen.

Mit der Einwechslung von Victor Boniface (61., für Puertas) verschob sich die Balance zugunsten der Offensive des SV Werder Bremen. Erstmals in der Partie pressten die Gäste früh. Das spielte dem FC Bayern München in die Karten: Sie konnten über Schnellangriffe das Ergebnis hochschrauben.

Für Werder Bremen war es trotz des 0:4-Ergebnisses kein gebrauchter Abend. Horst Steffen konnte weitere Erkenntnisse gewinnen, was die defensive und die offensive Harmonie seiner Mannschaft betrifft. Dass Bremen drei Punkte aus München entführt, war angesichts der aktuellen Form des FC Bayern München ohnehin utopisch. Schließlich hat Harry Kane (zehn Saisontore) allein mehr Tore auf dem Konto als die gesamte Bremer Mannschaft (acht). Die Bayern spielen eben in ihrer eigenen Liga.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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