Werder-Wahnsinn beim FC Bayern

Taktik-Analyse: Bayern-Fluch gebrochen! Wie Werder die Sensation in der Allianz Arena gelang

Taktik-Analyse: Cheftrainer Ole Werner, hier im Gespräch mit Jens Stage, coachte seinen SV Werder Bremen zum Sensationssieg gegen den FC Bayern.
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Taktik-Analyse: Cheftrainer Ole Werner, hier im Gespräch mit Jens Stage, coachte seinen SV Werder Bremen zum Sensationssieg gegen den FC Bayern.

Seit 2008 hat Werder Bremen nicht mehr gegen den übermächtigen FC Bayern gewonnen. Wieso ausgerechnet jetzt? Tobias Escher erklärt‘s in seiner Taktik-Analyse! Er lobt Werders starken Defensivplan, meint aber auch: Die Bayern sind selbst Schuld an ihrer Niederlage.

5601 Tage waren vergangen, seit Werder Bremen das letzte Mal den FC Bayern bezwingen konnte. Tatsächlich sprach vor dem Spiel am Sonntagnachmittag wenig dafür, dass Werders Negativserie reißen wird. Doch Werder überraschte alle. Beim 1:0-Erfolg überzeugten die Bremer mit einer defensiv starken Leistung. Die Bayern fanden über neunzig Minuten keine Lösung gegen Bremens kompaktes 5-3-2-System. Für den Rest sorgte ein überragend aufgelegter Mitchell Weiser.

Taktik-Analyse: Werder Bremen gegen FC Bayern mit Doppelsturm mit klarer Aufgabenteilung

Werder-Coach Ole Werner musste seine Mannschaft im Vergleich zum 1:1 gegen Bochum umbauen. Mit Marvin Ducksch und Leonardo Bittencourt fehlten gleich zwei Stammspieler aufgrund einer Gelbsperre. Mit den personellen Wechseln ging auch eine Systemumstellung einher: Anders als zuletzt agierte Werder Bremen während keiner Spielphase in einem 3-4-3, sondern setzte durchgehend auf ein 5-3-2. Senne Lynen übernahm die Sechser-Position, wodurch Jens Stage in den linken Halbraum rückte.

Die größte personelle Überraschung gab es im Sturm. Werner setzte auf die Jugend: Justin Njinmah begann neben Nick Woltemade. Schnell kristallisierte sich die Aufgabenteilung der beiden Angreifer heraus: Woltemade bot sich nach Ballgewinnen im Zehnerraum an. Er sollte die Bälle halten und verteilen. Njinmah hingegen startete sofort in die Tiefe. Er sollte in Umschaltsituationen für Tempo sorgen. Auf ebendiese Umschaltsituationen hatte es Werder Bremen abgesehen. Sie setzten auf eine hohe Kompaktheit in der Defensive. Die Bremer stellten sich im 5-3-2 vor dem eigenen Strafraum auf. Auch die beiden Stürmer halfen weit in der eigenen Hälfte defensiv aus. Die Bremer verdichteten dabei das Zentrum: Mit drei Innenverteidigern, drei Sechsern sowie zwei tief stehenden Stürmern hatten die Bremer in der Spielfeldmitte zu jeder Zeit eine Überzahl gegen den FC Bayern.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Defensivformation gegen den FC Bayeren. Gerade im Zentrum stand Werder enorm kompakt. Die Stürmer haben nicht nur weit nach hinten mitgearbeitet, sondern sind in Umschaltmomenten immer wieder sofort nach vorne gestartet.

Taktik-Analyse: Werder Bremen verdichtet das Zentrum kampfstark, FC Bayern viel zu statisch

Die Bayern gingen die Partie gemächlich an. Bayerns Trainer Thomas Tuchel hatte sein Team in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 aufgestellt. Gegen den Ball verteidigten die Bayern in zwei Viererketten. Bei Ballbesitz rückte Raphael Guerreiro nach vorne. Er agierte zusammen mit Jamal Musiala hinter Stürmer Harry Kane. Der Rekordmeister ging in der Anfangsphase wenig Risiko ein. Der FC Bayern hielt seine Formation recht statisch. Nur selten entfernte sich ein Spieler von einer Position. Die vakante Lücke besetzte sofort ein anderer Bayern-Akteur. Zwar hielten die Bayern somit stets ihre Aufbaustruktur; sie ähnelte einem 2-3-2-3. Doch sie konnten damit nur wenig Raumgewinn erzielen.

Das lag nicht zuletzt an einer aufopferungsvoll verteidigenden Bremer Mannschaft. Das Zentrum war angesichts des Bremers Spielsystems ohnehin dicht. Aber auch auf den Flügeln schuf Werder Bremen immer wieder eine Überzahl. So griffen die Bayern in der ersten Halbzeit vornehmlich über Mitchell Weisers rechte Seite an. Romano Schmid rückte aber weit herüber, sodass die Bayern auch auf dem Flügel kaum Zeit am Ball erhielten.

Sensationssieg in der Taktik-Analyse: Werder Bremen setzt Nadelstiche und nervt Stars des FC Bayern

Bezeichnend für die erste Halbzeit war die Tatsache, dass die Bayern-Stars nie ins Spiel fanden. Gerade im Zentrum standen die Profis des SV Werder Bremen ihren Gegenspielern auf den Füßen. Musiala durfte nie mit dem Ball am Fuß aufdrehen, Kane wurde bei seinen Ausflügen auf den Flügel eng bewacht, und auch Joshua Kimmich erhielt im Rückraum nur wenig Zeit am Ball.

Auch offensiv setzten die Bremer immer wieder Nadelstiche. Der FC Bayern schob im Verlauf der ersten Halbzeit immer weiter nach vorne. Konter sicherten sie mit einer 2-1-Staffelung ab. Teilweise postierten sich die Münchener Innenverteidiger in der Nähe des Bremer Drittels. Das war ein gefundenes Fressen für Njinmah: Mehrfach sprintete er seinen Gegenspielern davon. Allzu viele Kontersituationen bekamen die Bremer jedoch nicht. Durch ihre tiefe Verteidigung mussten sie nach Ballgewinnen einen weiten Weg zum gegnerischen Tor zurücklegen. In vielen Situationen konnte Bayern hinter den Ball in Überzahl gelangen, ehe Werder Bremen die eigene Hälfte verließ.

Zum Ende der ersten Halbzeit gelang es den Bremern, auch längere Ballbesitzphasen einzustreuen. Die Bayern pressten zwar gewohnt wuchtig im 4-2-3-1. Werder Bremen blieb jedoch genau im Passspiel. So fanden sie immer wieder Mitchell Weiser auf der rechten Seite. Er brillierte nicht nur defensiv, sondern forderte seinen Gegenspieler Alphonso Davies auch defensiv. Mit einem sehenswerten Solo besorgte Weiser die Bremer Führung (59.).

Werder Bremen-Sensation gegen FC Bayern in der Taktik-Analyse: Thomas Tuchels All-In-System funktioniert nicht

Thomas Tuchel reagierte sofort auf den Rückstand. Er wechselte gleich dreifach und stellte damit auch sein Spielsystem um. Die Bayern lösten die Viererkette auf und griffen fortan in einem enorm offensiven 3-5-2-System an. Die Außenverteidiger-Positionen besetzten Kingsley Coman und Leroy Sané, Leon Goretzka agierte als alleiniger Sechser. Die Bayern wirkten in der neuen taktischen Variante nicht eingespielt. Zwar musste sich Werder Bremen – auch angesichts schwindender Kräfte – immer weiter an den eigenen Strafraum zurückziehen. Doch der FC Bayern bekam weiterhin keine Hoheit über das Zentrum. Sie wählten den Weg über die Flügel. Doch ihre insgesamt 29 Flanken versprühten kaum Gefahr.

Um die Gefahr von den Flügeln zu bannen, wechselte Werder-Coach Ole Werner weitere Verteidiger ein. Zum Schluss verteidigten sieben Bremer die Führung im eigenen Strafraum. In den Schlussminuten wechselte Sané von der linken auf die rechte Seite, Mathys Tel ging nach Linksaußen. Beide starteten nicht an die Grundlinie, sondern suchten von Außen den direkten Weg zum Tor. Doch auch ihre Schüsse kamen nicht durch gegen Bremens vielbeinige Abwehr. Am Ende stand für Werder Bremen zum vierten Mal in dieser Saison hinten die Null. Die Sensation in der Allianz Arena verdanken die Bremer einer starken Defensive. Dem FC Bayern fehlte die Kreativität und die Durchsetzungsfähigkeit, um eine Lösung zu finden gegen Werders 5-3-2. Erstmals nach exakt 5601 Tagen durften Werder-Fans wieder einen Sieg gegen die Bayern bejubeln.

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