Werder-Sieg in der Taktik-Analyse
Kampf statt komplexer Matchplan: Wie Werder Bremen den VfL Wolfsburg niederrang
Werder Bremen lieferte einen großen Kampf und verdiente sich so den 1:0-Sieg beim VfL Wolfsburg, meint Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.
Kaum Ballbesitz, wenige Torraumszenen – und dennoch war Werder Bremens 1:0 (0:0)-Sieg im Abstiegsthriller gegen den VfL Wolfsburg verdient. Die Bremer überzeugten zwar weder mit einem kohärenten Pressing noch mit einem kreativen Aufbauspiel, dafür lieferten sie einen großen Kampf, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher in seiner Analyse.
Niemand hat erwartet, bei der Begegnung zwischen dem SV Werder Bremen und dem VfL Wolfsburg einen fußballerischen Leckerbissen zu erleben. Schon früh war klar: Das Duell zwischen dem Vorletzten und dem Viertletzten der Tabelle bietet Abstiegskampf pur. Werder verzichtete während der Partie dann auch über weite Strecken auf offensive Akzente und fokussierte sich ganz auf die Verteidigung. Mit Erfolg: Obwohl das Bremer Spielsystem durchaus Schwachpunkte offenbarte, ließen die Gäste aus dem Spiel kaum Chancen zu.
Werder Bremens Sieg gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Bremer Viererkette gegen Wolfsburger Fünferkette
Jens Stages Sperre bedeutete eine echte Schwächung im wichtigen Kellerduell. Werder-Coach Daniel Thioune musste seine Mannschaft gegen den VfL Wolfsburg umbauen. Romano Schmid kehrte vom linken Flügel zurück auf seine alte Position im halbrechten Mittelfeld. Samuel Mbangula übernahm die vakante Position auf Linksaußen. In der Viererkette des SV Werder Bremen feierte indes Niklas Stark sein Comeback, zudem startete Justin Njinmah anstelle von Keke Topp.
Beim VfL Wolfsburg soll Trainerveteran Dieter Hecking den Klassenerhalt ermöglichen. Bei seinem Debüt im Auswärtsspiel gegen die TSG Hoffenheim (1:1) in der vergangenen Woche hatte er auf ein 5-4-1-System umgestellt. Gegen Werder Bremen agierten die Wolfsburger leicht offensiver: Die beiden Außenstürmer Mohamed Amoura und Jesper Lindstrøm schoben weit nach vorne. Sie agierten häufig sogar höher als Mittelstürmer Jonas Wind. So entstand eine 5-2-1-2-Formation.
Werder Bremens Sieg gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Wolfsburg sammelt viel Ballbesitz
In der ersten Halbzeit kontrollierte der VfL Wolfsburg über weite Strecken die Partie. Insgesamt gingen die „Wölfe“ etwas mehr Risiken ein als die zaghaften Bremer. Der zurückhängende Stürmer Wind nahm Leonardo Bittencourt in Bewachung. Werders Sechser wollte sich wie gewohnt zurückfallen lassen, stand aber gegen Wind nie frei. So verhinderte Wolfsburg, dass Werder Bremen das Spiel ins Mittelfeld tragen konnte.
Die Bremer zogen sich in den wenigen Aufbaumomenten in ein risikoarmes 4-3-3 zurück. Weder die Außenverteidiger noch die Achter rückten allzu weit nach vorne. Dadurch agierte der SV Werder Bremen aus einer äußerst flachen Formation. Der VfL Wolfsburg stand im Mittelfeld in einer Mann-gegen-Mann-Verteidigung. Man merkte deutlich, dass den Grün-Weißen mit Stage der Unterschiedsspieler der vergangenen Wochen fehlte. Ohne seine Läufe nach vorne mangelte es an Tiefe im Bremer Spiel.
Das Ballbesitzspiel der Gastgeber lief flüssiger als jenes der Elf von Daniel Thioune. Werder Bremen verteidigte zumeist aus einer 4-4-2-Formation. Der VfL Wolfsburg stellte mit einer Dreierkette eine Überzahl gegen die beiden Bremer Stürmer her. Sobald sich die Bremer mit drei Stürmern ins Pressing wagten, ließ sich Sechser Christian Eriksen fallen. Werders Mittelfeld verfolgte die Läufe des Dänen nicht. So konnten die Hausherren den Ball gut in der eigenen Abwehrreihe laufen lassen. Zur Halbzeit lag ihr Ballbesitzwert bei 60 Prozent.
Werder Bremens Sieg gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Viele Fehlpässe im Spiel nach vorne
Der VfL Wolfsburg ließ den Ball zwar gut zwischen Abwehr und Mittelfeld zirkulieren, ins letzte Drittel gelangten sie jedoch praktisch nie. Zwar versuchte Eriksen, mit weiten Diagonalbällen die Viererkette der Bremer zu strecken. Die Gäste verteidigten die Breite aber massiv: Samuel Mbangula und Marco Grüll ließen sich dafür weit fallen. Teilweise stand Werder Bremen mit sechs Mann in der letzten Linie.
Aufseiten des VfL Wolfsburg war weniger die Raumaufteilung das Problem. Amoura und Lindström fanden häufig die (durchaus vorhandenen) Lücken vor der Bremer Abwehr, doch es mangelte den Wolfsburgern dann an Genauigkeit im Passspiel. Werder Bremen warf sich zudem im letzten Drittel in jeden Zweikampf. Gerade in diesen Momenten wurde das Spiel der Bezeichnung Abstiegskampf gerecht. Chancen waren entsprechend Mangelware.
Werder Bremens Sieg gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Werder erhöht die Intensität
Nach der Pause war der SV Werder Bremen bemüht, sich nicht mehr so sehr in die eigene Hälfte drücken zu lassen. Die Gäste liefen den VfL Wolfsburg nun häufiger aus einer 4-3-3-Formation an: Ein Außenstürmer rückte in die vorderste Linie, der gegenüberliegende Flügelspieler ließ sich etwas fallen.
Diese neue Pressing-Variante griff vor allem nach der Einwechslung von Felix Agu (61., für Mbangula). Der gelernte Außenverteidiger übernahm den Posten als Linksaußen. Als solcher ging er mit den beiden Stürmern ins Pressing. Rechtsaußen Grüll wiederum ließ sich tiefer fallen. So wechselte Werder Bremen flexibel zwischen 4-3-3-Pressing und Phasen eines tieferen 5-2-3.
Der Führungstreffer (68.) hatte sich dennoch nicht angedeutet. Das Bremer Angriffsspiel war genauso von Ungenauigkeiten geprägt wie jenes des VfL Wolfsburg. Entsprechend fiel der einzige Treffer des Abends eher zufällig: Agu brachte mit einem Laufweg in den Strafraum endlich Tiefe ins Spiel des SV Werder Bremen. Dass sein Pass anschließend bei Torschütze Justin Njinmah landete, bedurfte gegnerischer Hilfe. Hätte kein Wolfsburger den Pass abgefälscht, wäre Agus Pass direkt vor dem Tor gelandet. Dort stand – mal wieder – kein einziger Bremer Akteur.
Werder Bremens Sieg gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Werder erkämpft sich den Sieg
Mit der Führung im Rücken zog sich Werder Bremen zurück. Sie standen nun immer häufiger im 4-4-2- oder gar im 5-3-2-System am eigenen Strafraum. VfL-Coach Hecking warf jeden Angreifer auf das Feld, der noch auf der Bank saß. Am Ende griff der VfL Wolfsburg in einer 4-2-3-1-Formation an. Ihre Probleme blieben aber bestehen: Es mangelte an Genauigkeit.
Auch Werder Bremen fand offensiv nicht mehr statt. Doch die Bremer Spieler warfen sich in der Abwehr in jeden Ball. Grüll und Agu grätschten, die Innenverteidiger schoben und drückten ihre Gegenspieler, Mio Backhaus faustete einen Ball nach dem anderen aus dem eigenen Strafraum. Das genügte, um gegen den VfL Wolfsburg die 1:0-Führung zu halten.
Mit purem Willen erkämpfte sich Werder Bremen den wichtigen Erfolg. Weder taktisch noch spielerisch bot das Bremer Spiel allzu viele Highlights. Diese Facetten waren gegen den VfL Wolfsburg aber auch kaum gefragt. Das Team von Daniel Thioune machte am Samstagnachmittag einen wichtigen Schritt in Richtung Klassenerhalt, weil es den Wortteil ,Kampf` in Abstiegskampf ernstnahm.
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