Werder-Pleite in der Analyse
Unterlegen im Mann-gegen-Mann: Werders Niederlage gegen Freiburg in der Taktik-Analyse
Die Null steht – nur leider aus Bremer Sicht auf der falschen Seite. Bei der 0:1-Niederlage gegen den SC Freiburg bleibt Werder Bremen auch im dritten Heimspiel ohne Treffer. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert das Spiel und erklärt, warum Werder lange brauchte, um Torgefahr zu entwickeln.
Die Besucher des Weserstadions wurden in dieser Saison bislang wahrlich nicht verwöhnt. Drei Spiele, null Tore: Werder Bremens Heimbilanz ist ausbaufähig. Gegen den SC Freiburg agierte Werder zwar über weite Strecken auf Augenhöhe, doch der vorsichtigen Spielweise der Bremer fehlte der letzte Biss.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Kampfbetontes Mann-gegen-Mann
Trainer Ole Werner musste seine Elf nach dem 4:3-Sieg in Hoffenheim zweimal umbauen: Niklas Stark und Senne Lynen fehlten verletzt. Marco Friedl kehrte als Innenverteidiger in die Startelf zurück. Im zentralen Mittelfeld des SV Werder Bremen übernahm Jens Stage den defensiven Part von Lynen. Startelf-Debütant Skelly Alvero übernahm die etwas offensivere Rolle, die sonst Stage innehat. Werner blieb damit seinem favorisierten System treu. Das bedeutete, dass Mitchell Weiser gegen den SC Freiburg erneut als halbrechter Stürmer zum Einsatz kam. Marvin Ducksch begann auf der halblinken Seite, während Romano Schmid hinter den beiden als Zehner agierte.
Werder Bremen orientierte sich mit dem eigenen 5-2-1-2 am Gegner. Der SC Freiburg baut unter dem neuen Trainer Julian Schuster auf ein 4-3-3-System. Werder konnte mit der eigenen Formation auf dem ganzen Feld Mannorientierungen herstellen: Schmid bewachte in Maximilian Eggestein einen alten Bekannten, die Doppelsechs dahinter deckte die gegnerische Doppelacht.
Die Mannorientierungen auf beiden Seiten waren das dominierende taktische Merkmal der Partie. Beide Teams setzten in vorderster Linie nicht durchgehend auf ein hohes Pressing. Dahinter aber agierten sie eng am Mann. Besonders im Mittelfeldzentrum entstanden häufig Eins-gegen-Eins-Duelle. Die Akteure des SV Werder Bremen und SC Freiburg standen sich praktisch auf den Füßen.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Werders Abwehr hält sich zurück
Dass die Gäste aus Freiburg zunächst die Kontrolle über die Partie übernahmen, lag vornehmlich am Gastgeber aus Bremen. Werder hütete sich vor den langen Bällen des Gegners. Der SC Freiburg versuchte immer wieder, die Abwehrspieler des SV Werder Bremen aus dem Zentrum herauszulocken. Anschließend starteten die Außenspieler hinter die Kette. Hoffenheim richtete mit dieser Spielidee in der Vorwoche immensen Schaden an.
Gegen Freiburg achtete Werder Bremen darauf, mit der letzten Linie nicht allzu weit vorzurücken. Die Abwehrkette setzte sich früh nach hinten ab, sobald ein langer Ball drohte. Der SC Freiburg konnte den startenden Ritsu Doan zwar einige Male in Szene setzen. Werder kehrte jedoch schnell hinter den Ball zurück, sodass Doan den Rückpass spielen musste. Gleichzeitig hielten sie dank der engen Bewachung die Passwege durch das Mittelfeld geschlossen.
Die Kehrseite der Strategie des SV Werder Bremen: Sie konnten aufgrund der eher passiven Spielweise der Abwehr nur wenig Druck ausüben auf den Ballbesitz des Gegners. So hatte der SC Freiburg in der Anfangsviertelstunde ein klares Ballbesitzplus (62 Prozent).
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Auch Freiburg zeigt sich gut vorbereitet
Erst danach gelang es Werder Bremen, sich langsam freizuschwimmen. Zwar konnte Werder das Spiel nur selten über das Zentrum eröffnen; Stage und Alvero konnten Lynens beruhigende Präsenz nicht ersetzen. Stattdessen kam Werder gegen den SC Freiburg aber über die Flügel zu Angriffen.
Die Bremer griffen nach bekanntem Muster an: Die Angreifer des SV Werder Bremen bewegten sich in der Mitte viel, um den Gegner ins Zentrum zu locken. Anschließend folgte der schnelle Pass auf die Flügel, von wo der Ball sofort auf die andere Seite verlagert wurde. Im letzten Drittel endete der Angriff meist mit einer Flanke auf den zweiten Pfosten. So kam Felix Agu zur größten Chance der ersten Halbzeit (17.).
Insgesamt wirkten die Angriffsbemühungen der Bremer jedoch gehemmt. Die Sechser unterstützten die Stürmer kaum. Da auch Weiser und Ducksch häufig auf die Flügel auswichen, fehlte die Präsenz in der letzten Linie. Der SC Freiburg agierte in diesem Punkt wesentlich konsequenter: Patrick Osterhage und Eren Dinkci stießen immer wieder nach. Hätten die beiden die Zuspiele ihrer Kollegen technisch besser verarbeitet, wäre die Abwehr des SV Werder Bremen ins Schwimmen geraten.
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Leonardo Bittencourt verändert das Spiel
Die Spieldynamik veränderte sich merklich mit der Einwechslung von Leonardo Bittencourt. Während Alvero sich zuvor auf die Defensive konzentrierte, bot sich Bittencourt in der Offensive häufiger an. Er forderte nicht nur Bälle im Aufbau, sondern wagte sich auch bei eigenen Angriffen ins letzte Drittel. So hängte er seinen Bewacher Osterhage immer wieder ab. Werder Bremen konnte das Spiel gegen den SC Freiburg zunehmend in die gegnerische Hälfte verlagern.
Gleichzeitig ging mit dem Wechsel allerdings auch die Körperlichkeit im Mittelfeld verloren. Zuvor war es Bremen praktisch immer gelungen, die gegnerischen Chipbälle zwischen die Linien zu klären. Ausgerechnet vor dem Gegentor zeigte Werder Bremen sich hier nicht aggressiv genug, sodass der SC Freiburg den Ball erobern konnte. Doans Solo landete mit etwas Glück im Tor (75.).
Werder Bremen gegen den SC Freiburg in der Taktik-Analyse: Schlussoffensive wirft nichts ab
Der SC Freiburg hatte sich schon vor dem 1:0 immer häufiger in einer Fünferkette zurückgezogen. Fortan agierten sie gänzlich aus einem tiefen 5-4-1-System. Werder Bremen durfte um die Mittelfeldkette herumspielen, ehe Freiburg im letzten Drittel zum Zweikampf überging.
Die Schlussoffensive des SV Werder Bremen kam erst in Fahrt, als Ole Werner von der Bank eingriff. Er brachte mit Oliver Burke und Keke Topp zwei echte Stürmer, allerdings viel zu spät (86.). Nominell agierte Werder weiterhin im 5-2-1-2-System. Durch die enorm offensive Besetzung aller Positionen und die zahlreichen langen Bälle in den Strafraum war diese Formation in der Praxis wesentlich offensiver. Werder belagerte nun den Strafraum. Es fehlte aber die Genauigkeit und das Quäntchen Glück, um das Spiel gegen den SC Freiburg noch zu drehen.
So blieb Werder Bremen auch im dritten Heimspiel ohne eigenes Tor. Den Bremern gelang es zwar, die starke Offensive der Freiburger vom eigenen Tor wegzuhalten. Dies ging allerdings zulasten der eigenen Offensive. Die Besucher im Weserstadion müssen mindestens drei Wochen auf einen Heimtreffer warten. Gegen Meister Bayer Leverkusen (Samstag, 26. Oktober, 18.30 Uhr) dürfte dies dann aber kaum einfacher werden als gegen den SC Freiburg.
