Nach Werders 1:1 gegen Darmstadt
Wieder kein Sieg gegen Aufsteiger: Wo es bei Werder Bremen taktisch hakt
Werder Bremen gewinnt in dieser Saison kein einziges Spiel gegen einen Aufsteiger! Auch gegen Darmstadt kommt der SVW nicht über ein 1:1 hinaus. Werder hatte Probleme mit den taktischen Umstellungen der Darmstädter während der Partie, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Falls man unbedingt etwas Positives über Werder Bremens Unentschieden gegen Darmstadt 98 (1:1) finden möchte, könnte man sagen: Die Negativserie ist gerissen. Erstmals in dieser Saison hat Werder gegen einen Aufsteiger gepunktet. Ein Glanzlicht haben die Bremer jedoch wahrlich nicht gesetzt. Der haushohe Favorit biss sich an der kompakten Defensive der Darmstädter die Zähne aus.
Taktik-Analyse zu Werder Bremens Unentschieden: Darmstadt 98 stellt früh um
Werder Bremens Coach Ole Werner muss dieser Tage improvisieren. Gegen Darmstadt 98 fiel praktisch die gesamte Innenverteidigung aus. Dennoch hielt Werner an der Fünferkette fest und stellte drei Innenverteidiger auf. Christian Groß übernahm den zentralen Part der Innenverteidigung. Im Sturm kehrte Justin Njinmah zurück in die Startformation. Nick Woltemade musste zunächst auf der Bank Platz nehmen.
Darmstadts taktische Variante war indes nicht so leicht zu durchschauen. Thorsten Lieberknechts Team schien in einem 5-2-1-2-System zu beginnen. Doch bereits nach kurzer Zeit formierte sich das Team neu. Fortan verteidigte Darmstadt 98 gegen Werder Bremen in einem 4-2-4.
Mit dieser Umstellung dürften die Darmstädter auf den Bremer Spielaufbau reagiert haben. Werder Bremen kennzeichnete im Offensivspiel eine Unwucht: Auf rechts rückte Mitchell Weiser weit vor. Felix Agu agierte auf links zunächst nicht ganz so offensiv. So baute Werder häufig mit einer Viererkette auf. Darmstadt störte die Viererkette mit vier Angreifern, um den Druck auf Bremens Abwehr hochzuhalten.
Taktik-Analyse zum Unentschieden gegen Darmstadt 98: Werder Bremen kann gut mit Druck umgehen
Die Bremer Verteidiger ließen sich zunächst nicht beirren vom Darmstädter Pressing. Werder Bremen spielte den Ball mit viel Ruhe aus der eigenen Abwehr nach vorne. Hierzu schufen die Grün-Weißen eine Überzahl im Mittelfeld: Jens Stage und Senne Lynen zogen die Darmstädter Doppelsechs heraus. Romano Schmid stahl sich dahinter davon. Er nutzte die Freiräume zwischen den Darmstädter Linien.
Zu Chancen kamen die Bremer in dieser Phase vor allem nach Verlagerungen von einem Flügel auf den anderen. Diese Diagonalbälle gehören aktuell zu den großen Stärken im SVW-Spiel. Werder Bremen verlagerte das Spiel vor allem auf die linke Seite. Agu rückte hier zunehmend weiter nach vorne, während sich auch Njinmah auf dieser Seite als Abnehmer für lange Bälle anbot. Die Führung erzielte Werder derweil nach einer Verlagerung auf die rechte Seite (8.).
Remis gegen Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Justvan und Skarke bereiten Werder Bremen zunehmend Probleme
Nach etwa zwanzig Minuten stellten die Darmstädter abermals um. Marvin Mehlem ließ sich nun etwas fallen. Darmstadt 98 lief Werder Bremen nicht mehr so aggressiv an, sondern zog sich im 4-2-3-1 etwas weiter zurück. Zugleich tauschten die Außenstürmer ihre Positionen. Justin Justvan griff fortan über die linke Seite an, Tim Skarke kam über die rechte Seite.
Das 4-2-3-1 stellte Werder Bremen vor größere Probleme als das zuvor praktizierte 4-2-4. Darmstadt 98 gelang es besser, die Bremer im Spielaufbau auf einen Flügel zu locken. Dort stellten die Hessen eine Überzahl her und zwangen Werder zu Fehlpässen, was besonders auf Werders linker Seite gelang. Anthony Jung und Felix Agu fehlte in mehreren Situationen die nötige Abstimmung. Einer ihrer Fehlpässe führte zum Darmstädter Ausgleichstreffer (33.).
Das Tor stand auch sinnbildlich für die Zonen, in denen Werder Bremen Defizite aufwies: auf den Flügeln. Darmstadt 98 schickte im Ballbesitz die Außenstürmer weit nach vorne und versuchte, sie mit Bällen in die Tiefe oder über Verlagerungen zu bedienen. Justvan krönte seine gute Leistung mit seinem Treffer. Auch abseits des Treffers waren die Darmstädter die torgefährlichere Mannschaft. Zur Pause lag das Schussverhältnis aus Werders Sicht bei 3:9.
Werder Bremens Remis gegen Darmstadt 98 in der Taktik-Analyse: Dominant, aber nicht zwingend
Nach der Pause drehte sich das Geschehen: Werder Bremen lag in der zweiten Hälfte im Schussverhältnis 12:3 vorne. Tatsächlich gelang es den Grün-Weißen zunehmend, die Kontrolle über das Spiel zu übernehmen. Darmstadt 98 rückte mit den Ketten nicht mehr aggressiv nach vorne, sondern ließ sich immer weiter fallen.
Werder Bremen nutzte dies, um vor allem über die Flügel Nadelstiche zu setzen. Gerade Mitchell Weiser machte auf seiner rechten Seite viel Betrieb. Er setzte zu seinen bekannten Dribblings und Doppelpässen mit Romano Schmid an. Weisers offensive Präsenz steigerte sich noch, als sein Gegenpart Justvan bei Darmstadt 98 ausgewechselt wurde (70.). Der eingewechselte Fabian Nürnberger forderte ihn defensiv kaum mehr, sodass Weiser sich vollends auf die Offensive konzentrieren konnte.
Werder gelang es jedoch zu selten, aus dem optischen Übergewicht zwingende Torchancen zu kreieren. Zwar kamen die Gastgeber zu insgesamt zwanzig Flanken. Jedoch fanden nur fünf davon einen Abnehmer. Auch über Einzelaktionen kam Werder Bremen nicht vor das Tor. Von den insgesamt zehn erfolgreichen Dribblings fiel nur eins in die Phase nach der 55. Minute.
Taktik-Analyse zu Werder Bremens Unentschieden gegen Darmstadt 98: Wechsel helfen beiden Teams nicht
Das lag freilich nicht zuletzt daran, dass Werner mit Felix Agu (zwei erfolgreiche Dribblings) und Justin Njinmah (drei) seine technisch starke linke Seite früh auswechselte. Der Versuch, mit Nick Woltemade eine Anspielstation im Zentrum zu schaffen, war auf dem Papier nicht unklug. Jedoch kam Werder Bremen auch fortan nicht zu nennenswerten Angriffen durch das Zentrum. Auch die Umstellung auf ein 3-4-3-artiges System in der Schlussphase mit Dawid Kownacki als Zielspieler im Strafraum sorgte nicht für mehr Torgefahr.
So darf sich Werder Bremen am Ende bei den Regelhütern bedanken, dass die Negativserie gegen Aufsteiger zumindest auf dem Papier reißt. Skarkes Tor in letzter Minute wurde wegen eines Handspiels aberkannt – regelgerecht, aber dennoch maximal bitter für Darmstadt 98. Es bleibt dabei: Werder gibt in dieser Saison gegen Aufsteiger keine gute Figur ab.
