Werder-Remis in der Taktik-Analyse

Taktik-Analyse: Warum sich Werder von RB Leipzigs Dreierkette (nicht) überrumpeln ließ

Das Remis des SV Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Trainer Ole Werner hatte während der Partie alle Hände voll zu tun.
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Das Remis des SV Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Trainer Ole Werner hatte während der Partie alle Hände voll zu tun.

Der SV Werder Bremen dürfte kaum damit gerechnet haben, dass RB Leipzig das Duell am 33. Spieltag mit einer Dreierkette beginnt. Doch überrascht haben die Leipziger damit nicht den Gegner – sondern sich selbst. Warum Werder zunächst gute Lösungen fand und Leipzig nach der Pause aufdrehte, erklärt unser Kolumnist Tobias Escher in der Taktik-Analyse.

Planung ist im modernen Fußball die halbe Miete. Videoanalysten kundschaften den kommenden Gegner aus, deren Erkenntnisse fließen in den Matchplan des Trainers. Manchmal schafft es ein Bundesligist dennoch, den Gegner zu überraschen. RB Leipzigs Trainer Marco Rose holte gegen Werder Bremen die Dreierkette aus der Mottenkiste. Diese Variante kam unter Rose zuletzt Anfang Dezember zum Einsatz. Leipzig überrumpelte mit der neuen taktischen Ausrichtung zunächst jedoch nicht den Gegner – sondern sich selbst.

Taktik-Analyse: Werder Bremen presst RB Leipzig mit drei Stürmern

Ole Werner schickte gegen RB Leipzig dieselbe Startelf auf das Feld wie an den vergangenen drei Spieltagen. Hinten sicherte wie gewohnt eine Fünferkette ab. Den Raum im Mittelfeld teilten sich Leonardo Bittencourt und Senne Lynen untereinander auf. Nick Woltemade begann vorne an der Seite von Romano Schmid und Marvin Ducksch. Zu Beginn des Spiels sah man Trainer Werner an der Seitenlinie wild gestikulieren. Er hielt drei Finger in die Luft. Die Bedeutung wurde schnell klar: Werder Bremens Spieler sollten die gegnerische Dreierkette mit drei Angreifern anlaufen. Woltemade ließ sich nicht ins Mittelfeld zurückfallen, sondern unterstützte das Pressing in vorderster Linie.

Überraschung Nummer eins: Mit dieser Systematik begannen die Bremer das Spiel druckvoll. Immer wieder gelang es ihnen, RB Leipzig zu einem schnellen Pass auf die Flügel zu zwingen. Von dort kamen die Leipziger selten nach vorne. Ihre Versuche, Stürmer Lois Openda lang zu schicken, verteidigte Werder Bremens Abwehr konzentriert.

Taktik-Überraschung: Werder Bremen muss gegen passives RB Leipzig das Spiel gestalten

Überraschung Nummer zwei: Während Werder Bremen hoch anlief, verhielt sich die Leipziger Mannschaft überraschend passiv. Obwohl die Leipziger als Favorit in ihr Heimspiel gingen, liefen sie den Bremer Spielaufbau fast gar nicht an. Linksaußen Christoph Baumgartner ließ sich häufig ins Mittelfeld fallen, sodass ein 5-3-2 entstand. Manchmal arbeitete sogar der rechte Stürmer Yussuf Poulsen derart weit nach hinten mit, dass ein 5-4-1 entstand.

Nach einer halben Stunde hatte Werder Bremen über 60 Prozent Ballbesitz gesammelt. Mit viel Geduld versuchten sie, Lücken im kompakten Block der Gastgeber zu finden. Woltemade ließ sich immer wieder ins Mittelfeld fallen, um den Ball zu erhalten. Zeitweise agierten die Bremer mit einer Raute im Zentrum: Romano Schmid bot sich als Zehner vor Woltemade und Bittencourt an (siehe Grafik).

Die Grafik zeigt Werder Bremens Umformungen im Ballbesitz. Woltemade ließ sich auf die halblinke Seite fallen, Bittencourt bewegte sich nach halbrechts. So entstand im Zentrum eine Raute mit Schmid und Stage.

Werder Bremen konnte mit dieser Grundformation zwar Ball und Gegner laufen lassen. Im letzten Drittel fehlte jedoch die Kreativität, um sich Möglichkeiten herauszuspielen. Die Partie bot wahrlich kein Chancenfestival: Nach 40 Minuten stand es 3:0 nach Schüssen für Werder. Im letzten Drittel fiel Werder selten etwas Anderes ein, als den Ball auf den Flügel zu spielen und von dort zu flanken. Von den 13 Hereingaben kamen jedoch nur zwei an. Offiziell als Fehlpass wurde dabei jene Hereingabe von Milos Veljkovic gewertet, die Nicolas Seiwald ins eigene Tor beförderte (35.).

Taktik-Analyse: Werder Bremen trifft auf anderes RB Leipzig nach der Pause

Rose konnte mit dem passiven Auftritt seiner Mannschaft nicht zufrieden sein. Poulsen musste nach der Halbzeitpause in der Kabine bleiben. Für ihn kam Benjamin Šeško ins Spiel. Der slowenische Angreifer belebte die Partie sofort. RB Leipzig griff fortan in einem 3-4-3-System an. Vor allem im Pressing agierten die Hausherren nun deutlich wuchtiger. Die drei Angreifer liefen Werders Dreierkette mannorientiert an. Die Leipziger Außenverteidiger rückten deutlich weiter vor als noch vor der Halbzeitpause. Werder Bremen gelang es nun kaum mehr, aus der eigenen Hälfte nach vorne zu spielen.

Nach Ballgewinnen spielte RB Leipzig schnörkellos in Richtung Bremer Tor. Sesko und Openda starteten sofort in die Tiefe. Ein anderer Spieler stellte Werder jedoch vor weitaus größere Probleme: Rechtsverteidiger Mohamed Simakan hielt nichts mehr hinten. Leipzig spielte mehrere Diagonalbälle von der linken Seite in den Strafraum. Dort lauerte Simakan bereits. Er leitete den Ausgleichstreffer ein (61.) und war an allen Großchancen der Leipziger beteiligt.

Taktik-Analyse: Werder Bremen und RB Leipzig liefern sich zwei komplett gegensätzliche Halbzeiten

Ole Werner versuchte, der zunehmenden Dominanz der Leipziger entgegenzuwirken. Mit der Einwechslung von Jens Stage (68., für Woltemade) stellte Werder Bremen auf ein 5-3-2 um. Stage ging auf die halbrechte Seite, Bittencourt wechselte auf die halblinke Seite. Der ebenfalls eingewechselte Olivier Deman (68., für Felix Agu) sollte die linke Seite besser sichern gegen Simakan. Dennoch blieb Leipzig im Pressing griffiger als die Bremer und griff weiterhin über Simakan an.

Kurz vor Schluss wechselte auch Marco Rose. Seine Änderungen halfen dem Team nicht: Durch die Einwechslung von Christopher Lenz musste Linksverteidiger Benjamin Henrichs ins Mittelfeld rücken. RB Leipzig entglitt die Kontrolle über das Zentrum. Werder Bremen konnte mehr Konter zur Entlastung setzen. Das lag nicht zuletzt am eingewechselten Leipziger Innenverteidiger El Chadaille Bitshiabu, der Probleme in der Absicherung offenbarte. Keinen der späten Konter konnte Werder zu einem Torerfolg ummünzen. So bleibt nach dem Spiel ein Unentschieden, das angesichts zweier unterschiedlicher Halbzeiten den Spielverlauf adäquat wiedergibt. In der ersten Halbzeit wusste Werder die Unordnung zu nutzen, die Leipzig mit der Umstellung auf eine Dreierkette selbst heraufbeschwor. Nach der Pause hatten die Bremer ihre liebe Mühe, den nach vorne stürmenden Simakan einzufangen. Zumindest in einer Hinsicht ist Roses Kalkül nicht aufgegangen: Werder ließ sich von der ungewohnten Aufstellung des Gegners nicht verunsichern.

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