Nach 1:2 am Samstag

Taktisch gleichwertig, individuell unterlegen: Werder-Niederlage gegen Leipzig in der Analyse

Warum Werder Bremen mit RB Leipzig mithalten konnte und wie sich im Verlauf des Spiels die Personalmisere bemerkbar machte, erklärt Tobias Escher in der Taktik-Analyse.

Coach Daniel Thioune plagt dieser Tage die Qual der fehlenden Wahl. Seine Startelf für das Spiel gegen RB Leipzig stellte sich praktisch von selbst auf. Angesichts der Personallage verzichtete er sogar darauf, das Kontingent für die Ersatzbank auszuschöpfen. Nur acht statt der vorgesehenen neun Akteure saßen auf der Bank des SV Werder Bremen. Dieser Unterschied in der Kaderbreite machte sich am Samstagnachmittag deutlich bemerkbar. Die Leipziger erarbeiteten sich zwar keine nennenswerten taktischen Vorteile. Am Ende gewannen sie dank ihrer höheren individuellen Qualität. Speziell nach einem verletzungsbedingten Wechsel konnte Werder nicht mehr mit dem Gegner mithalten.

Der SV Werder Bremen von Trainer Daniel Thioune spielte gegen RB Leipzig gut mit, verlor aber wegen der individuellen Qualität - die Taktik-Analyse.

Werder Bremen gegen RB Leipzig in der Taktik-Analyse: Daniel Thioune setzt auf Mann-gegen-Mann-Duelle

Daniel Thioune verzichtete auf Experimente und hielt an der 4-3-3-Formation der vergangenen Spiele fest. Besonders in der Abwehrkette stellt sich die Mannschaft des SV Werder Bremen praktisch von selbst auf. In der Innenverteidigung kam der gerade erst genesene Amos Pieper gegen RB Leipzig zum Einsatz. Im Mittelfeld fiel Jens Stage aus. Stattdessen agierten Leonardo Bittencourt und Cameron Puertas leicht versetzt vor Sechser Senne Lynen.

Interessant war Werders Formation im Spiel gegen den Ball: Bittencourt schob als Zehner weit nach vorne, während sich Puertas neben Lynen einsortierte. So konnte Werder Bremen das Mittelfeld des Gegners spiegeln: Bittencourt verfolgte den gegnerischen Sechser Nicolas Seiwald, Puertas und Lynen deckten die gegnerischen Achter.

Auch in vorderster Linie setzte Werder Bremen auf eine feste Manndeckung. Linksaußen Romano Schmid zog in die Mitte, um zusammen mit Mittelstürmer Justin Njinmah die beiden gegnerischen Innenverteidiger anzulaufen. Auf der anderen Seite hielt sich Rechtsaußen Marco Grüll stärker zurück. Jeder Werder-Spieler bekam so einen Gegenspieler zugeteilt. Spannender Nebeneffekt: Innenverteidiger Marco Friedl schob weit nach außen und deckte Yan Diomande. Der 19 Jahre alte Außenstürmer von RB Leipzig hatte in den vergangenen Wochen durch starke Dribblings die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Werder Bremen-Taktik-Analyse gegen RB Leipzig: Ole Werner, der Meister der Spiegelformation

Eine defensive Variante, mit deren Hilfe sich überall auf dem Feld Eins-gegen-eins-Duelle herstellen lassen? Diese Art von Verteidigung kennen Fans von Werder Bremen aus der Zeit unter Ole Werner. Er ist der unangefochtene König der Spiegelformation. Hierbei stellt sich die eigene Mannschaft defensiv so auf, dass jedem Gegenspieler automatisch ein Verteidiger zugeordnet wird.

Wenig überraschend spiegelte auch Werners RB Leipzig die Formation des Gegners. Bei ihnen rückte Linksaußen Antonio Nusa weit nach vorne. Werders Spielaufbau wurde auf diese Art von der rechten Seite weggelenkt. Hier stand Felix Agu in einer tieferen Rolle für Pässe bereit.

Angesichts der vielen Eins-gegen-eins-Duelle auf dem Feld prägten die Partie Hektik und schnelle Ballverluste. RB Leipzig wollte häufig den schnellen Durchbruch erzielen, während Werder Bremen etwas mehr Geduld an den Tag legte. Beide Teams kamen jedoch an den Mannorientierungen im Zentrum nicht vorbei. Dadurch verlagerte sich das Spiel früh auf die Flügel.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Spiel gegen den Ball gegen RB Leipzig. Die Bremer spiegelten die Formation. Oftmals rückte dabei Marco Friedl heraus, um Yan Diomande im Eins-gegen-eins zu stören.

Taktikanalyse gegen RB Leipzig: Werder Bremens stärkste Phase folgt auf das Gegentor

In dieser engen Anfangsphase hatten beide Teams exakt eine Chance. Der Unterschied: Während Schmid seinen Schuss nicht im Tor unterbrachte, traf Nusa im direkten Gegenstoß (15.). Werder Bremen brauchte einige Minuten, ehe sie die Führung abschütteln konnten. Doch nach rund 25 Minuten übernahmen sie die Kontrolle über die Partie. Ihnen kam zupass, dass die Gäste nunmehr passiver agierten. Sie gaben die hohe Manndeckung auf und zogen sich in einem raumorientierteren 4-4-1-1 in die eigene Hälfte zurück.

Den Bremern gelang es nun, ihre Überzahl im offensiven Mittelfeld auszuspielen. Nicht nur Puertas und Bittencourt boten sich im Zehnerraum an. Auch Schmid zog immer wieder in die Mitte. Werder gelangte nun häufiger zwischen den gegnerischen Linien an den Ball. Gerade im Umschaltmoment fanden sie die Lücken im ballfernen Halbraum. Das Einzige, was Werder zum Glück fehlte, war ein eigener Treffer.

Werder Bremen-Niederlage gegen RB Leipzig analysiert: Erzwungener Wechsel - neues Mittelfeld harmoniert nicht

Piepers Verletzung kurz nach dem Wiederanpfiff beendete Werders starke Phase abrupt. Daniel Thioune musste seine gesamte Elf umbauen: Der eingewechselte Patrice Covic ging auf die halblinke Achter-Position, Puertas übernahm die Sechser-Rolle, Lynen ging auf die vakante Innenverteidiger-Position. Als Werder Bremen sich noch sortierte, erzielte RB Leipzig das 2:0 (52.).

Die Leipziger konnten sich nun noch stärker auf das eigene Konterspiel fokussieren. Anders als vor der Pause verfielen sie nicht in eine passive Haltung. Gerade im Mittelfeld bissen sich die Sachsen in die Zweikämpfe. Werder Bremen behagte das nicht: Trotz klarem Ballbesitz-Plus konnten sie zwischen Gegentor und der 80. Minute gerade einmal drei Torschüsse abgeben, deren Expected-Goals-Wert lag bei mageren 0,12.

Daniel Thioune versuchte, von der Bank Impulse zu setzen. Doch die vollständige Neubesetzung der rechten Seite führte nicht zu der erhofften Offensivwirkung. Leipzig ließ sich in dieser Phase situativ in eine Fünferkette fallen, um die Seiten zu verteidigen. Werders Flügelspiel blieb lahm, Yukinari Sugawara und Samuel Mbangula blass.

Werder Bremen-Taktik gegen RB Leipzig: Es dauert lange bis zur Schlussoffensive

Erst in der Schlussphase kamen die Bremer vermehrt zu Möglichkeiten. Thioune hatte in der 76. Minute mit Jovan Milosevic und Salim Musah zwei Mittelstürmer eingewechselt. Damit löste er das Mittelfeld auf. Werder Bremen griff in einem enorm offensiven 4-1-3-2 an – zumindest auf dem Papier. Linksverteidiger Olivier Deman agierte in der Praxis derart offensiv, dass in der Abwehr eher eine Dreierkette verteidigte.

Trotz der offensiven Formation schien die Bremer Schlussoffensive auszubleiben. RB Leipzig verteidigte routiniert alle Angriffe weg – bis in die Nachspielzeit. Plötzlich schwammen die Gäste bei langen Bällen. Musah kam gleich dreimal frei zum Schuss, der dritte Versuch saß - 1:2. Doch die Schlussoffensive kam zu spät. Werder Bremen konnte das Spiel nicht mehr drehen.

So bleibt am Ende ein zweigeteiltes Fazit. Weder taktisch noch fußballerisch war Bremen dem Champions-League-Anwärter unterlegen. Beide Teams neutralisierten sich über weite Strecken der Partie mit ihren deckungsgleichen Formationen. Der Unterschied: RB Leipzig machte aus den wenigen Möglichkeiten zwei Tore. Diese Kaltschnäuzigkeit fehlt Werder Bremen weiterhin – gerade in dieser angespannten personellen Situation.

Rubriklistenbild: © IMAGO / STEINSIEK.CH

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