Werder dominiert das Zentrum
Werder und der defensive „Käfig“: Das Remis in Wolfsburg in der Taktik-Analyse
Bremen – Der SV Werder Bremen entwickelt sich aus taktischer Sicht weiter. Diese positive Lehre lässt sich aus dem 2:2 (1:1) beim VfL Wolfsburg ziehen. DeichStube-Kolumnist Tobias Escher imponierte vor allem Werders Defensivleistung. Nur in zwei Situationen schlief die linke Seite der Bremer. Die Taktik-Analyse zum Unentschieden in Wolfsburg.
Vor der Saison hat Ole Werner betont, dass er seine Mannschaft flexibler aufstellen möchte. Im Aufstiegsjahr hat Werder Bremen fast alle Partien mit demselben System bestritten. Defensiv verteidigte Werder eng am Mann im 5-3-2-System. Offensiv setzte Werder auf lange Zuspiele auf Niclas Füllkrug. Letztere Taktik ist ohne den Nationalspieler nicht mehr möglich. Doch auch von der defensiven 5-3-2-Variante weicht Werder immer häufiger ab. So auch beim Remis gegen den VfL Wolfsburg.
Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Bremer spielen im 3-4-3-System
Auf den ersten Blick schien Ole Werners Aufstellung wenig spektakulär. Angesichts von einigen verletzungsbedingten Ausfällen hatte der Chefcoach des SV Werder Bremen aber auch wenig Möglichkeiten, den VfL Wolfsburg durch seine Personalwahl zu überraschen. Interessant war dafür, wie sich die Spieler auf dem Feld positionierten: Marvin Ducksch begann auf der halblinken Seite, während Rafael Borré im Sturmzentrum auflief. Romano Schmid rückte eine Reihe weiter nach vorne, um zusammen mit Ducksch und Borré einen Dreiersturm zu bilden.
Diese Variante ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit rückte Schmid im Pressing häufig vor, sodass gegen den Ball ein 3-4-3 entstand. Werder Bremen nutzt dieses System, wenn der Gegner in einer Dreierkette aufbaut. Der VfL Wolfsburg tat genau das: Auch Niko Kovac schickte sein Team in einem 3-4-3-System auf das Feld.
In dieser Partie rückte Schmid aber nicht situativ vor. Werder Bremen agierte nahezu durchgehend im 3-4-3. Auffällig war zudem die hohe Positionstreue im Mittelfeld. Werders Mittelfeldspieler orientierten sich stärker am Raum und weniger stark am Gegenspieler. Sobald der VfL Wolfsburg aufrückte, verteidigte Werder in einem kompakten 5-2-3.
Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Der zentrale Käfig im Bremer Mittelfeld
Ole Werner legte mit dieser Variante in Werders Matchplan einen besonderen Fokus auf das Zentrum. Wolfsburg sollte das Spiel keinesfalls über das Mittelfeldzentrum eröffnen dürfen. Normalerweise wollen sie aber genau das tun: Stürmer Jonas Wind lässt sich dann fallen, um den Ball auf seine Mitspieler abzulegen. Mit Lovro Majer und Václav Cerny lauerten zwei Mitspieler gegen Werder auf diese Bälle.
Werder Bremen ließ den Spielaufbau durch das Zentrum jedoch nicht zu. Dazu postierten sich die vorderen fünf Akteure in einem Fünfeck. Wolfsburgs Doppelsechs sollte im zentralen Käfig des Bremer Systems isoliert bleiben. Die einzelnen Versatzstücke dieser Taktik hatte Werder bereits in vergangenen Partien gezeigt. Doch derart konsequent schlossen die Bremer das Zentrum in dieser Saison noch nicht. Der VfL Wolfsburg ließ den Ball lange in der eigenen Abwehr laufen, ehe sie einsehen mussten: Der Pass in das Zentrum ist nicht möglich. Die Versuche, über die Flügel anzugreifen, wehrte Bremen in der ersten Halbzeit effektiv ab.
Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Flacher Bremer Spielaufbau gegen zu langsame „Wölfe“
Im Spiel mit dem Ball setzte Werder Bremen auf einen flachen Spielaufbau. Obwohl der VfL Wolfsburg die Bremer im 3-4-3 früh anlief, wählten Werders Verteidiger selten den langen Ball. In keinem bisherigen Saisonspiel schlugen die Bremer weniger hohe Bälle (40 Stück). Stattdessen versuchten sie, das Spiel flach aus der Abwehr zu eröffnen.
Auffällig waren hier die Rollen von Leonardo Bittencourt und Jens Stage: Die beiden bewegten sich viel vor der Bremer Abwehr. Immer wieder wählten sie den Weg hinaus auf die Flügel, um Anspielstationen zu schaffen. Werder Bremen bildete hier Dreiecke, um den Ball mit direkten Pässen hinten herauszuspielen.
Der VfL Wolfsburg ließ sich durch Werders kurze Kombinationen herauslocken. Im Anschluss versuchten die Bremer, direkt hinter die Abwehr der „Wölfe“ zu gelangen. Diese zogen sich zwar gut zusammen, sodass sie das Zentrum schließen konnten. Das öffnete aber Räume auf den Flügeln, Werder Bremen kam so zu unbedrängten Flanken. Die hohe Qualität der Flankenpositionen wird durch die Tatsache unterstrichen, dass sieben der zehn Bremer Flanken einen Abnehmer fanden, also 70%. Bremens Saisonschnitt liegt bei 23%.
Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg in der Taktik-Analyse: Schlechte Abstimmung auf der linken Bremer Seite
Eigentlich hätte es ein schöner Nachmittag für Werder Bremen sein können: Sie gingen durch den Freistoßtreffer von Marvin Ducksch früh in Führung (7.), der VfL Wolfsburg erzielte kaum Raumgewinn und offensiv setzte das Team von Ole Werner immer wieder Nadelstiche. Doch in den entscheidenden Situationen hinterließ Werders linke Seite keinen guten Eindruck. Wolfsburg hatte diese Seite für eigene Angriffe auserkoren. Die „Wölfe“ bildeten hier immer wieder eine Überzahl und lockten so Werders Abwehrspieler heraus. Anschließend spielten sie den Pass an die Grundlinie. Werder ließ sich zweimal von dieser Taktik foppen – und kassierte prompt zwei Gegentore (37./59.).
Dass die Bremer nach dem 1:2-Rückstand ins Spiel zurückfanden, unterstreicht ihre taktische Klasse in dieser Partie. Beide Trainer nahmen im Spielverlauf keine größeren Änderungen an ihrem System vor. Nur in einzelnen Phasen ließen sich beide Teams im 5-3-2-System tiefer fallen. Angesichts der fehlenden Wechsel behielt Werder Bremen seine taktischen Vorteile. Gerade Werders rechte Seite strahlte Gefahr aus, hierüber leitete Mitchell Weiser auch den Ausgleichstreffer von Rafael Borré ein (65.). Weitere der (durchaus vorhandenen) Chancen konnte Werder jedoch nicht nutzen. Auch die Gelb-Rote Karte gegen Wolfsburgs Maxence Lacroix (88.) half Werder nicht. Der VfL Wolfsburg brachte das 2:2 im neu formierten 4-4-1-System über die Zeit.
Werder Bremen entführte damit zwar nur einen Punkt aus der Volkswagen Arena, dennoch steht das Gastspiel beim VfL Wolfsburg exemplarisch für den Lernprozess, den die Bremer in den vergangenen Wochen durchlaufen haben. Taktisch ist das Team von Trainer Ole Werner flexibler aufgestellt. Auch der flache Spielaufbau trägt zunehmend Früchte. Die Dinge, die Werner sich vor der Saison vorgenommen hat, scheint er langsam, aber stetig umzusetzen.
