Werder siegt deutlich
Eiskalte Bescherung: Wie Werder die Schwächen von Union Berlin ausnutzte - Kantersieg in der Taktik-Analyse
Zum Feste nur das Beste: Werder Bremen besiegt Union Berlin im letzten Pflichtspiel des Jahres 4:1. Dass das Ergebnis derart hoch ausfiel, lag nicht zuletzt an einem schwachen Gegner. Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert, warum FCU-Coach Bo Svensson sich bei seiner Startelf verkalkuliert hat und wie Werder das ausnutzen konnte.
Wenn ein Bundesliga-Team seinen Gegner aus dem Stadion schießt, ploppt bei Beobachtern die Frage auf: War das siegreiche Team so stark? Oder der Gegner so schwach? In den meisten Fällen lautet die Antwort: von beidem ein bisschen. Das gilt auch nach Werder Bremens 4:1-Kantersieg gegen Union Berlin. Die stark aufspielenden Bremer nutzten eiskalt die Schwächen des Gegners aus.
Union Berlins Asymmetrie gegen Werder Bremen - Taktik-Analyse zum Spiel
Trainer Ole Werner sah nach dem 2:0-Erfolg gegen St. Pauli keinen Grund, seine Startelf zu verändern. Werder Bremen begann in der bekannten Mischung aus 5-2-3- und 5-3-2-System. Gegen den Ball agierte Romano Schmid auf einer Höhe mit den beiden Stürmern Marvin Ducksch und Marco Grüll. Union Berlin setzt unter Svensson ebenfalls auf ein 5-2-3-System. Gegen Werder nahm der frühere Mainzer Trainer einige Anpassungen vor. Christopher Trimmel begann auf der rechten Verteidiger-Position. Er agierte wesentlich defensiver als Linksverteidiger Tom Rothe. Letzterer stieß immer wieder weit nach vorne.
Für diesen taktischen Kniff dürfte es zwei Gründe gegeben haben: Zum einen konnte Trimmel auf diese Art besser in der Defensive aushelfen. Union Berlin verteidigt – wie praktisch alle Bundesligisten in dieser Saison – in einer Manndeckung. Wenn Schmid sich im Spielaufbau ins Mittelfeld zurückfallen ließ, verfolgte ihn ein Berliner Verteidiger. Trimmel hielt sich zurück und füllte die Kette auf. So wollte Union Schmid aus dem Spiel nehmen und dennoch kompakt in der letzten Linie verteidigen. Zum anderen sollte Rothe auf der linken Seite mit seiner offensiveren Rolle Lücken in der grün-weißen Abwehr ausnutzen. Dass Werder Bremens Spielgestalter Weiser auf seiner Seite praktisch als weiterer Stürmer agiert, hat sich bis nach Berlin herumgesprochen. Rothe lauerte im Umschaltmoment auf Zuspiele, um direkt hinter Weiser zu starten.
Werder Bremens Sieg in der Taktik-Analyse: Derrick Köhn trumpft auf gegen Union Berlins langsame rechte Seite
In der Praxis ging Unions Plan in der ersten Halbzeit selten auf. Werder Bremen übernahm vom Anpfiff weg die Kontrolle über die Partie. Die Berliner wirkten in ihrer Manndeckung wenig sortiert. Besonders Robert Skov schien nicht immer zu wissen, ob er Köhn verfolgen oder lieber Werders Innenverteidiger pressen sollte. Dem SVW gelang es, sich immer wieder am halbgaren Pressing der Berliner vorbeizumogeln. Die Bremer setzten dabei auf die bekannten Mechanismen im Aufbau: Torhüter Michael Zetterer wurde aktiv in den Spielaufbau eingebunden. Der Torhüter wagte häufig den Pass ins Zentrum. Von dort spielte Werder schnell in Richtung Flügel, wo wiederum der lange Diagonalball auf die andere Seite folgte.
Gegen Union Berlin strahlte vor allem Werders linke Seite Gefahr aus. Immer wieder zogen Schmid und Grüll auf diesen Flügel, um mit Köhn eine Überzahl zu schaffen. Union half kräftig mit, dass Werder über diese Seite mehr und mehr Torgefahr entwickeln konnte: Skov irrlichterte in der Defensive herum, während der 37 Jahre alte Trimmel nicht ansatzweise Köhns Tempo aufnehmen konnte. Den ersten Treffer (13.) erzielten die Bremer noch von der rechten Seite. Danach folgte die Glanzstunde des Derrick Köhn: Er düpierte seinen Gegenspieler Trimmel wieder und wieder. Köhn bereitete Werder Bremens zweiten (17.) und dritten Treffer (45.) vor. Unions Idee, im Umschaltmoment hinter Weiser zu gelangen, ging exakt einmal auf. Rothe leitete nach einem Flügelwechsel das zwischenzeitliche 1:2 ein (23.). Insgesamt ging die erste Halbzeit aber klar an Werder, wie die 3:1-Pausenführung eindeutig belegt.
Werder Bremens Kantersieg gegen Union Berlin in der Taktikanalyse: Bo Svensson korrigiert seine Fehler
Schon nach den ersten beiden Gegentoren änderte Union Berlin die eigene Spielweise. Fortan verteidigten sie weniger mannorientiert, sondern verschoben im 5-2-3 im Raum. In der Halbzeitpause korrigierte Svensson seine fehlerhafte Startformation. Skov und Trimmel mussten das Feld verlassen. Tim Skarke und Josip Juranovic kamen ins Spiel.
Mit der neuen Aufstellung entpuppte sich Union als Gegner auf Augenhöhe. Skarke agierte fortan als verkappter Zehner. Im Pressing legte er ein hohes Augenmerk auf Senne Lynen, der fortan weniger präsent war im Aufbauspiel. Im Umschaltmoment hatten die Berliner nun mehr Wucht. Auch ihr Gegenpressing funktionierte in der neuen Aufstellung besser.
Werder Bremens Ballbesitzwert sank. Während sie in der ersten Halbzeit fast 60 Prozent Ballbesitz sammelten, waren beide Teams nach der Pause in dieser Statistik ebenbürtig. Werder fokussierte sich auf das eigene Konterspiel. Sie verpassten es jedoch, mit Tiefe die immer weiter vorschiebende Abwehr der Berliner zu prüfen. Auch nach der Einwechslung des schnellen Schotten Oliver Burke (73.) verbesserte sich das Bremer Konterspiel nicht.
Werder Bremen etwas unruhig, aber nie ohne Kontrolle - Taktik-Analyse zum Sieg gegen Union Berlin
Das musste es aber auch nicht. Werder Bremen kontrollierte das Spiel nicht mehr über Ballbesitz oder Tempoangriffe, sondern über die eigene Defensive. Die Bremer zogen sich in einem kompakten 5-4-1 zurück. Union Berlin schaffte es immer mal wieder, über schnelle Kombinationen am linken Flügel durchzubrechen. Das genügte aber nicht, um das Spiel herumzureißen. Stattdessen erzielte Werder kurz vor dem Ende den vierten Treffer (87.).
Für Werder Bremen war es der perfekte Ausklang einer nahezu perfekten Hinserie. Der dritte Bundesliga-Sieg in Folge unterstreicht, dass Werners Team mittlerweile über eine fast schon beängstigende Konstanz verfügt. Werder bestraft jeden Gegner, der auch nur die kleinste Lücke anbietet. Union Berlin bot große Löcher an – und kam folgerichtig im Weserstadion unter die Räder.
