Werder-Pleite in der Taktik-Analyse

Kein Stage, keine Party: Werders Klatsche in Freiburg in der Taktik-Analyse

Werder Bremen startet mit einem Stimmungskiller in die neue Saison. Die 1:4-Klatsche gegen den SC Freiburg lässt sich nicht allein durch den Ausfall von Jens Stage erklären. Werder wirkte seltsam uneingespielt, schreibt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Es gibt Tage, die beginnen unschön, gehen mies weiter und enden dann auch noch schlecht. Solch einen Tag haben die Fans des SV Werder Bremen zum Start der 64. Bundesliga-Saison erlebt. Bereits vor dem Anpfiff des Auftaktspiels musste der Club am Samstagmittag die Nachricht überbringen, dass Jens Stage monatelang ausfällt.

Das Fehlen des Schlüsselspielers merkte man gegen den SC Freiburg an allen Ecken und Enden. Werder Bremen tat sich schwer, die Intensität der Breisgauer mitzugehen. Auch taktisch fand das Team von Trainer Daniel Thioune keine Lösung gegen einen disziplinierten wie kreativen Gegner. Werders Leistung wirft viele Fragen für die anstehende Saison auf.

Taktik-Analyse: Auch die Anpassungen von Trainer Daniel Thioune brachten den SV Werder Bremen um Niclas Füllkrug beim SC Freiburg nicht in die Spur.

Werder Bremen beginnt beim Bundesliga-Auftakt in Freiburg mit einer Viererkette – die Taktik-Analyse

Thioune veränderte seine Elf im Vergleich zur ersten Pokalrunde auf zwei Positionen. Für den verletzten Stage rückte Chuki neu ins Mittelfeld. Auf Linksaußen bekam Marco Grüll den Vorzug vor Samuel Mbangula. Auf dem Papier änderte sich wenig an der Bremer Formation: Werder Bremen begann in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1.

In der Praxis sah man bei Werder allerdings eher eine andere Zahlenfolge. Die Bremer begannen das Spiel nicht mit einem hohen Pressing, sondern sie zogen sich an die Mittellinie zurück. Gerade Werders Außenstürmer hielten sich bedeckt. Grüll und Justin Njinmah rückten weit nach hinten und auch leicht ins Zentrum ein. Somit konnten sie die Läufe der gegnerischen Außenverteidiger mitgehen. Diese marschierten nur selten die Grundlinie entlang, sondern zogen in Richtung Zentrum.

Durch die tiefe Rolle der Außenstürmer standen sie meist hinter Bremens Mittelfeldspielern. Chuki und auch Ludovic Reis rückten leicht heraus, um Freiburgs Doppelsechs zu decken. So entstand bei Werder Bremen eine 4-3-2-1-Formation. Diese hatte vor allem das Ziel, eine hohe Kompaktheit im Mittelfeldzentrum herzustellen. Die Freiburger sollten hier keine Überzahl erhalten.

Niederlage des SV Werder Bremen in der Taktik-Analyse: SC Freiburg wird zunehmend dominanter

In den Anfangsminuten überrumpelte Werder Bremen den Gegner mit diesem Ansatz. Die Freiburger begannen das Spiel aus einer 4-2-3-1-Formation. Werder konnte vor allem im zentralen Mittelfeld Zugriff erzeugen. Die Freiburger taten Bremen den Gefallen, sich hier in Dribblings oder kleinteiligen Kombinationen zu verheddern. So kamen die Grün-Weißen in den Anfangsminuten zu einigen Ballgewinnen.

Nach spätestens einer Viertelstunde erspielten sich die Freiburger klare Feldvorteile. Sie setzten fortan auf einen Drei-Mann-Aufbau. Linksverteidiger Lukas Kübler hielt sich stark zurück. Im zentralen Mittelfeld kamen Yuito Suzuki und Maximilian Eggestein dem Ball häufiger entgegen. Werder Bremen versuchte zwar, sie zu stellen. Allerdings kamen Bremens Mittelfeldspieler häufig zu spät.

Während die Ballbesitz-Statistik in der ersten Viertelstunde noch ausgeglichen war, lag Freiburgs Wert zwischen der 16. und 45. Minute bei 71 Prozent. So legten sich die Gastgeber nach und nach den Gegner zurecht. Zwar blieben klare Tormöglichkeiten Mangelware. Diese benötigte Freiburg aber gar nicht. Sie warteten geduldig auf Fehler des SV Werder Bremen. Und die kamen: Beim ersten Gegentor (29.) konnte Suzuki unbewacht eine Ecke einköpfen. Vor dem zweiten Treffer stimmte die Zuordnung nicht, sodass Igor Matanovic (45.) völlig frei im Zwischenlinienraum an den Ball kam.

Die Grafik zeigt Werder Bremens 4-3-2-1 im Spiel gegen den Ball. Freiburg fand nach einer Viertelstunde zunehmend Lösungen gegen Werders Formation: Makengo rückte ein und Suzuki ließ sich weiter fallen. Engelhardt rückte vor. Sie alle fanden den jeweils freien Raum im Bremer Mittelfeld.

Rabenschwarzer Tag für Niclas Füllkrug – Werder Bremens Niederlage in Freiburg in der Taktik-Analyse

Nach der Halbzeitpause störte Werder Bremen den Gegner früher. Chuki agierte nun häufig neben Mittelstürmer Niclas Füllkrug, sodass ein 4-4-2 entstand. Doch die Freiburger nutzten die entstehenden Räume eiskalt aus. So fiel bereits kurz nach der Pause das 3:0 (48.).

Das 4:0 (55.) belegte indes, dass auch Werders Ballbesitzansätze in diesem Spiel kaum funktionierten. Werder Bremen versuchte, Freiburg ins Pressing zu zwingen. Anschließend sollte das direkte Zuspiel auf Stürmer Füllkrug folgen. Dieser ließ sich gewohnt weit fallen, um Bälle aus der Abwehr zu verarbeiten.

Werder ließ jedoch gegen die intensiv pressenden Freiburger die Genauigkeit vermissen, um Füllkrug mit verwertbaren Zuspielen zu füttern. Wenn der Ball doch zum 33-jährigen Mittelstürmer kam, stand kein Anspielpartner bereit, um Ablagen oder Seitlagen zu verwerten. Hier war das Fehlen von Stage deutlich zu spüren. Es half nicht, dass Füllkrug einen rabenschwarzen Tag erwischte. Vor dem 0:4 legte er dem Gegenspieler den Ball in den Fuß, obwohl es mehrere Anspielstationen gab.

Werder Bremen mit Systemumstellung nach dem 0:4: Pleite in Freiburg in der Taktik-Analyse

Thioune antwortete mit einer Systemumstellung: Er brachte in Cedric Itten und Salim Musah zwei neue Stürmer. Grüll wechselte auf die Außenverteidiger-Position, sodass in der Abwehr eine Fünferkette entstand. Im neu formierten 5-2-1-2-System konnten die Bremer ihren Ballbesitzwert hochschrauben, Dariusz Stalmach gelang sogar der Ehrentreffer (76.). Ob dies in erster Linie an den Umstellungen lag, darf bezweifelt werden. Freiburg nahm nach dem 4:0 zwei Gänge raus und zog sich im 4-2-3-1 an den eigenen Strafraum zurück. Werder Bremen nutzte die Passivität des Gegners aus.

Es war ein bitterer Tag für alle Anhänger des SV Werder Bremen. Ohne Stage fehlte den Bremern mit und gegen den Ball die Intensität, um mit dem SC Freiburg mitzuhalten. Zugleich gab es wenig Synergien zwischen den Mannschaftsteilen. Vor allem Stürmer Füllkrug wirkte noch wie ein Fremdkörper innerhalb des Spielsystems. Vor Trainer Thioune liegt viel Arbeit, wenn Werder in der Bundesliga bestehen möchte.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto

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