Kolumne: Thomas Schaf schreibt für die DeichStube

„Ich liebe Nordderbys“

Thomas Schaaf

Von Thomas Schaaf. Ich kann am Samstag leider nicht in Hamburg sein. Schade, denn ich habe die Nordderbys geliebt – ob als Spieler oder auch als Trainer.

Es hat einfach unglaublichen Spaß gemacht, weil beide Mannschaften wirklich versucht haben, das Optimale aus sich herauszuholen. Jeder wusste, wie groß die Erwartungshaltung ist – gerade bei den Fans. Dem kann sich niemand entziehen, auch nicht, wenn er erst kurz bei einem der beiden Clubs ist. Die Einflüsse von außen sind viel zu groß. Als Trainer versuchst du natürlich, ganz ruhig zu bleiben. Ich habe meinen Spielern in der Kabine immer gesagt: „Jungs, ihr wisst, was da draußen gleich los ist, aber wir haben unseren Plan, an dem wollen wir festhalten.“ Hat gar nicht so selten ziemlich gut geklappt. . .

Ich kann mich an viele tolle Partien erinnern, am meisten natürlich an 2009 mit diesen vier verrückten Spielen in nur 19 Tagen. Was da alles passiert ist, das werde ich nie vergessen, und das ist ganz gewiss noch in vielen Köpfen drin.

Derbysiege können dich richtig pushen

Und nun? Beide Clubs stehen leider nicht mehr so weit oben. Von der Tabelle her ist es kein großes Ding. Aber der Moment zählt. Derbysiege können dich richtig pushen, dir zusätzliche Kraft geben. Das ist eine große Chance für Werder, aber auch für den HSV. Dem ist es nach dem tollen Start zuletzt nicht so gut ergangen. Beiden Teams fehlt die Sicherheit. Wer die am Samstag zuerst findet, der wird sich durchsetzen.

Die Situation für Werder ist nicht einfach. Ganz rational gesehen, sind drei Punkte aus sechs Spielen zu wenig. Emotional gesehen waren in fast allen Spielen immer auch gute Halbzeiten dabei. Eigentlich wartet man nur darauf, dass es endlich richtig losgeht und die Belohnungen kommen. Man ist hin- und hergerissen. Das gilt auch bei der Betrachtung der Spielweise. Werder setzt verstärkt auf die Defensive. Aber das klappt noch nicht so gut, dass daraus die Überzeugung wächst, mehr nach vorne riskieren zu können. Wenn du nur zaghaft oder sogar mit Angst vor einem Ballverlust und dem nächsten Konter des Gegners nach vorne spielst, wirst du dich dort nicht durchsetzen. Diese Überzeugung gilt es schnellstmöglich zu gewinnen, um den nächsten Schritt zu machen. Das geht nur mit viel Arbeit.

Ein packendes Derby

Man sollte jetzt nichts schönreden, aber auch nicht alles schlecht machen. Man darf auch nicht hadern, dass in Max Kruse ein wirklich wichtiger Spieler fehlt. Entscheidend ist, am Konzept festzuhalten und den Spielern zu vermitteln, dass man von seinem Weg zu 100 Prozent überzeugt ist. Alexander Nouri macht auf mich nicht den Eindruck, dass er sich da verändert hat. Ich weiß ja, wie schnell im Fußball-Geschäft inzwischen die Diskussionen um den Trainer beginnen. Bei Werder lässt man sich zum Glück nicht gleich verrückt machen. Man tut gut daran, Alex nicht in Frage zu stellen.

Noch mal zurück zum Nordderby: So sehr ich dieses Duell liebe, so sehr habe ich mich immer über Krawalle und Ausschreitungen geärgert. Diese hässliche Seite des Fußballs will ich am Samstag nicht sehen. Ich wünsche mir ein packendes Derby, das ausschließlich auf dem Rasen hart umkämpft ist!

Thomas Schaaf

Thomas Schaaf: Erst Spieler, dann Trainer – mehr Werder geht eigentlich nicht. Und dabei war Thomas Schaaf extrem erfolgreich. Als Spieler (1978 bis 1995) holte er zwei Meisterschaften, zweimal den DFB-Pokal und den Europapokal der Pokalsieger, als Trainer (1999 bis 2013) das Double und dreimal den Pokal. Aktuell arbeitet der 56-Jährige als technischer Beobachter für die Uefa.

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