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Bremen - Von Hans-Günter Klemm. Thomas Schaaf und Thomas Wolter zählen zu den Urgesteinen bei Werder Bremen – zu den Dauerbrennern bei dem Erstligisten, die für die glorreiche Ära von und mit Otto Rehhagel stehen.
Der Erfolgstrainer feiert am Donnerstag seinen 80. Geburtstag. Da lassen es sich zwei seiner wichtigsten Spieler nicht nehmen, ihn zu würdigen: Schaaf (57), der gerade als Technischer Direktor zu Werder zurückgekehrt ist, und Wolter (54), der sportliche Leiter des Leistungszentrums, im Gespräch mit der DeichStube.
Wer von Ihnen wird Ex-Trainer Otto Rehhagel heute als Erster anrufen und zum Geburtstag gratulieren?
Thomas Schaaf: Wir (seine Frau und er, Anm. d. Red.) halten es seit Jahren so, dass wir Otto Rehhagel zu solchen Anlässen vorher schreiben und auf diese Weise gratulieren. Von daher müssen wir ihn nicht mehr anrufen.
Thomas Wolter: Ich werde es probieren, ihn an die Strippe zu bekommen. Doch ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird.
Ein Wiedersehen könnte es am Samstag beim Tag der Fans im Weserstadion geben, die Meisterelf von 1993 soll beim 25-jährigen Jubiläum geehrt werden. Hat Rehhagel zugesagt?
Wolter: Nach meinen Informationen kommt Otto.
Wann haben Sie den früheren Coach zuletzt gesehen?
Wolter: Im August 2017, 25 Jahre nach unserem Sieg im Europapokal. Danach haben wir noch einige Male telefoniert. Wir stehen in lockerem Kontakt.
Schaaf: Ich weiß gar nicht mehr, wann genau es der Fall gewesen ist. Irgendwann bei einem Spiel im Europacup wird es gewesen sein, beim Finale der Europa League oder der Champions League. An der Europacup-Feier in Bremen konnte ich leider nicht teilnehmen.
Sie haben beide über viele Jahre mit Rehhagel zusammengearbeitet. An welchen besonderen Moment können Sie sich noch erinnern?
Schaaf: Bei mir waren es sage und schreibe 14 Jahre. Diese lange Zeit lässt sich schwer auf ein Ereignis reduzieren. Das kann ich beileibe nicht, weil jede Saison und jeder Erfolg, den wir gefeiert haben, für sich steht und etwas Besonderes hat.
Wolter: Ich durfte elf Jahre unter Otto Rehhagel spielen. Ich habe noch unsere erste Begegnung vor Augen, die Szene, als wir uns kennengelernt haben. Als junger Spieler aus Hamburg war ich zum Probetraining in Bremen bestellt, ich war entsprechend nervös auf der Zugfahrt. Ich kam am Bremer Hauptbahnhof an. Und dort stand auf dem Bahnsteig Otto Rehhagel, der mich abgeholt hat. In diesem Augenblick war für mich alles gelaufen, die ganze Anspannung abgefallen. Anschließend fuhren wir zum Frühstück. Nicht in dem berühmten Café, in dem Rehhagel später oft saß, sondern in ein Kaufhaus in der Innenstadt, wo bereits Beate Rehhagel wartete.
Otto Rehhagel: Die besten Sprüche der Werder-Legende
Rehhagel war bekannt dafür, seine legendären Mannschaftssitzungen mit gelungenen Sprüchen oder historischen Zitaten großer deutscher Dichter zu untermalen. Ist Ihnen ein Beispiel präsent?
Wolter: Seine Ansprachen in der Kabine waren unfassbar, einzigartig und oft sehr witzig. Wir haben häufig alle vor Lachen auf dem Boden gelegen. Ein besonderer Spruch ist nicht bei mir haften geblieben. Dafür erinnere ich mich, wie er intern manche Dinge erklärt und relativiert hat. Uns Verteidigern wie Thomas Schaaf und mir oder wie Dieter Eilts oder Mirko Votava hat er stets die Bedeutung und Wichtigkeit unserer Rollen verdeutlicht. Im Vergleich zu den Stürmern, die immer gefeiert und umjubelt werden.
Hatte dies möglicherweise den Hintergrund, dass Rehhagel selbst in seiner aktiven Zeit ein Defensivspieler gewesen ist?
Schaaf: Es steht generell für seine Einstellung zum Spiel, seine Gedanken zum Fußball im Allgemeinen. Kontrollierte Offensive, das Wort, das er geprägt und immer gepredigt hat, besagt alles. Es war sein Hauptsatz, sein Ansatz für den Fußball, der ihm vorschwebte. Heute wird es anders benannt, meint aber das Gleiche: kompaktes Abwehrverhalten mit dem Ziel, offensiv zu agieren.
Was war Rehhagels Erfolgsgeheimnis?
Schaaf: Er war seine Fähigkeit, eine Mannschaft zusammenzubauen und zu formen. Es war sein Vermögen, jedem im Team zu vermitteln, wie wichtig er für das Ganze ist.
Wolter: Genau, er hat es geschafft, verschiedene Charaktere zusammenzubringen. Otto hat nicht nur leicht zu leitende Spieler geholt, sondern auch schwierige Charaktere. Und er hat vollbracht, dass alles gepasst hat.
Gerühmt wird in diesem Zusammenhang seine Art der Menschenführung.
Wolter: Völlig zu Recht, jeder, der unter ihm arbeiten durfte, spricht noch heute von diesem Punkt mit Hochachtung. Alle Kollegen rühmen seine Art, wie er mit uns Spielern umgegangen ist. Otto war immer da für uns. Jeder konnte zu ihm kommen, wenn er ein Problem hatte. Dabei hat er immer zwischen dem Spieler und dem Menschen unterschieden. Wenn es um sportliche Dinge ging, konnte er knallhart sein. Doch er hat sich auch für den Menschen hinter dem Profi interessiert, für dessen Sorgen und Nöte. Das habe ich an ihm immer bewundert.
Die Spieler haben ihn, wie alle betonen, stets respektiert. Es gab Spiele, wo Sie beiden nicht zur Startelf zählten. Konnten Sie daher dies leichter verkraften?
Schaaf: Zunächst einmal: Wer nicht von Beginn an spielt, ist erst einmal unzufrieden. So war es auch bei mir, sicherlich auch bei Thomas Wolter. Doch wir haben es akzeptiert, konnten mit dieser Situation umgehen. Es zeichnete Otto Rehhagel aus, dass er, wenn er Spielertransfers getätigt hat, auch auf den Charakter der Spieler geschaut hat, nicht nur auf das Können. Otto hatte ein Gespür dafür, Akteure zu holen, die sich persönlich zurückzunehmen wussten und bereit waren, alles für den Erfolg der Mannschaft zu tun. So war es bei mir, auch bei Thomas Wolter. Wir spielten auf der gleichen Position, waren insofern Konkurrenten. Wir sind mit dieser Situation klargekommen, haben den anderen respektiert. Andererseits haben wir zeitweise auch gemeinsam in der Elf gestanden und erfolgreich harmoniert.
Wolter: Otto Rehhagel war bei seinen personellen Entscheidungen manchmal knallhart. Ich habe es 1990 erfahren. Im verlorenen Pokalfinale gegen Kaiserslautern hatte ich ganz schlecht gespielt, war ausgewechselt worden. Eine Maßnahme, die ich nachvollziehen konnte. Doch es war damit noch nicht zu Ende. Otto hat es mich in der neuen Saison spüren lassen, etwa drei Monate lang musste ich bluten, fand mich häufig auf der Ersatzbank wieder.
In einem Interview für den „kicker“ hat Willi Lemke, Rehhagels Pendant als Manager in der Führungsetage, mal geäußert: „Otto hatte alles im Griff.“ Der Begriff Diktator sei nicht so falsch gewesen. Stimmt es?
Schaaf: Er selbst hat damals den Begriff „demokratischer Diktator“ geprägt, was den Kern schon traf. Unserem Trainer war klar, dass er für alles verantwortlich gemacht wird, also forderte er eine Position ein, von der aus er auch Verantwortung übernehmen konnte. Otto hat sich um alles gekümmert. Um alles, was wichtig war im sportlichen Bereich. Diese Vollmacht war die Basis dafür, dass sich der Erfolg einstellte.
Erfolg auf der ganzen Linie an vielen Stationen. Europapokal mit Werder, der Titel mit dem Aufsteiger Kaiserslautern oder die Europameisterschaft als Nationaltrainer Griechenlands. Was war sein größter Erfolg?
Wolter: Jeder Erfolg, jeder Titel oder Pokal steht für sich. Das Kennzeichen aller dieser Titelgewinne ist dabei dies: Alle kamen ziemlich überraschend. Als wir in Bremen 1988 erstmals mit ihm Meister wurden, zählten wir im Dauerduell mit den Münchner Bayern nicht gerade zu den Favoriten. Wir hatten Rudi Völler abgegeben, im Tor den Wechsel zu Oliver Reck vollzogen. Unfassbar gar sein Titel mit Lautern, dem Neuling. Ich behaupte: Das wird so nicht mehr möglich sein. Und die Griechen 2004 bei der EM: ein Triumph aus dem Nichts.
Schaaf: Woran werden Erfolge festgemacht? Meistens doch an Titelgewinnen. Doch für mich ist weitaus wichtiger, sich zu fragen, was hinter den Titeln steckt, wie es dazu gekommen ist. Der größte Erfolg in der Karriere des Otto Rehhagel ist für mich, wie er mit den Erfolgen umgegangen ist, wie er sich damit auseinandergesetzt hat. Diese Gabe und dieser Respekt zu seinen Spielern, beides prägt ihn auch heute noch.
Sie haben beide auch den Beruf des Trainers ergriffen, arbeiten schon seit vielen Jahren erfolgreich in dem Job und zählen zu den Rehhagel-Jüngern. Was haben Sie von Ihrem populären Lehrmeister übernommen?
Schaaf: Es ist ein schlechter Trainer, der es nur auf eine Kopie anlegt. So habe ich es immer gehalten, wollte Otto Rehhagel nie in bestimmten Dingen nacheifern. Doch seine Verhaltensweisen haben mich sicherlich inspiriert und geprägt. Generell seine Grundhaltung, seine Umgangsformen untereinander in der Mannschaft, wie er sich um seine Spielern gekümmert hat. Daraus habe auch ich einen Lustgewinn für meine tägliche Arbeit gezogen.
Wolter: Thomas hat Recht. Jeder sollte seinen eigenen Weg finden. So habe ich es auch gehalten. Entscheidend ist, immer authentisch zu bleiben. Ich habe stets angestrebt, von allen Trainern, die ich gehabt habe, etwas mitzunehmen für mich. In dieser Hinsicht habe ich gewiss das Meiste von Otto Rehhagel übernommen, der auch mich entscheidend geprägt hat. Doch einige Dinge auch von Aad de Mos, wie man es machen oder nicht machen sollte. Dabei habe ich mich bemüht, immer ich selbst zu bleiben.