Unentschieden gegen Darmstadt
Zu wild für Europa: Werder vergibt die große Chance, noch mehr träumen zu dürfen
Mit dem 1:1-Unentschieden gegen den SV Darmstadt 98 verpasst der SV Werder Bremen die Chance, noch mehr von Europa zu träumen. Warum das Team für den großen Coup noch nicht bereit scheint.
Bremen – Natürlich, es ist nur ein Traum – und das vor allem einer der Fans des SV Werder Bremen und der Medien: Der unerwartete Sprung auf Platz sieben durch vier Siege in fünf Rückrundenspielen hat die Hoffnung geweckt, dass in dieser Saison durch günstige Fügungen viel mehr möglich sein könnte als der Klassenerhalt. Da bot sich das Heimspiel gegen einen Tabellenletzten natürlich herrlich an, dieses Thema durch einen Sieg weiter zu bedienen. Doch gegen den SV Darmstadt 98 gab es ein am Ende enttäuschendes und sogar glückliches 1:1 (1:1), das offenbarte: Für den großen Coup ist diese Mannschaft noch nicht bereit, weil sie entweder nicht konsequent genug agiert oder zu wild.
Schwalbe und Abseits: Werder Bremen verpasst es gegen den SV Darmstadt 98, das zweite Tor nachzulegen
„Wir sind sehr gut reingekommen, haben sehr gut die Räume gefunden, hatten Tempowechsel drin“, geriet Clemens Fritz als Leiter Profifußball schon ein bisschen ins Schwärmen, als er über die erste Halbzeit sprach. Werder Bremen hatte alles im Griff und Ole Werners Kniff, Romano Schmid als dritten Stürmer auf der rechten Seite zu bringen, zahlte sich prompt aus. Der Österreicher nötigte mit seiner scharfen Hereingabe Darmstadts Christoph Zimmermann zum Eigentor. Aus dem 1:0 hätte durchaus ein 2:0 werden können, wenn sich Marvin Ducksch nicht für eine Schwalbe, sondern für einen Torabschluss entschieden hätte (18.). Der Video-Assistent kassierte den Elfmeter-Pfiff von Schiedsrichter Florian Badstübner wieder ein – und für den Bremer gab es noch Gelb.
Werder Bremen blieb aber weiter am Drücker, Schmid machte auch das vermeintliche 2:0, hatte aber wegen eines zu späten Abspiels von Jens Stage im Abseits gestanden (26.). Wie bei der Ducksch-Szene wäre da mit mehr Konsequenz Positiveres möglich gewesen. Und ähnlich verhielt es sich hinten. Der sonst so zuverlässige Anthony Jung passte nicht scharf genug auf Felix Agu, der den Ball mit seiner wieder mal zu zögerlichen Art dann auch prompt verlor. Julian Justvan war mit seinem abgefälschten Schuss zum 1:1 der Nutznießer (33.).
Werder Bremen fehlte gegen SV Darmstadt 98 die Reife - dann wurde es wild: „Das darf uns nicht passieren“
„Durch eigene Fehler, vor allem kleine Unsauberkeiten, haben wir Darmstadt ins Spiel kommen lassen“, ärgerte sich Fritz. Allerdings hatten die Gäste auch etwas umgestellt und sich damit besser auf Werder Bremen eingestellt. Was dazu führte, dass erst Justin Njinmah nach einer Stunde wieder eine echte Chance besaß. „Nach der Pause hatten wir dann über weite Strecken nicht die Spielkontrolle, die wir uns gewünscht hätten“, monierte Fritz. Da fehlten den Gastgebern ganz klar die Reife und vor allem der Glaube daran, so eine Partie mit der eigenen Stärke für sich entscheiden zu können. Ducksch und Co. wählten einen anderen Weg. „Die letzten 20 Minuten ging es hin und her, es wurde wild. Das ist etwas, was uns nicht passieren darf, weil das dann eher Darmstadt liegt als uns“, kritisierte Ole Werner. Er hatte zwar in der 76. Minute mit seinen durchaus offensiven Wechseln – Leonardo Bittencourt und Dawid Kownacki für Senne Lynen und Romano Schmid – das Signal auf Attacke gestellt, „weil wir unbedingt den Heimsieg wollten“, so der Coach: „Aber gerade dann ist es wichtig, dass du mit einer Struktur spielst. Das haben wir nicht mehr gemacht.“
Die Folge: Es gab beim blinden Anrennen kaum gute eigene Torchancen und dafür zu viel Platz für Darmstädter Angriffe. Gleich zwei Mal stürmte fast die gesamte Besetzung der Gäste-Bank jubelnd auf den Rasen, doch das vermeintliche 2:1 wurde jeweils durch den Video-Assistenten einkassiert. Erst hatte Torschütze Tim Skarke minimal im Abseits gestanden (78.), dann den Ball nach einem Fehler von Keeper Michael Zetterer an die Hand bekommen (90.+7). Auch wenn es alles regelkonform war, gestand Fritz: „Da hatten wir zwei Mal Glück.“
Europa-Traum von Werder Bremen? Eigentlich kaum zu glauben, aber auch schön
Immerhin blieb Werder Bremen damit das totale Aufsteiger-Desaster erspart. Im vierten Duell mit den Neulingen Heidenheim und Darmstadt war es der erste Punkt in dieser Saison, was wiederum auch bedeutet: Die Bremer haben in diesen Duellen elf Punkte liegen gelassen. Was einen beim Blick auf die Tabelle kurz schlucken und dann sofort fragen lässt: Was wäre nur möglich gewesen, wenn...? Aber so denkt ein Ole Werner nicht. „Wir stehen nach 23 Spielen bei 30 Punkten. Ich glaube, dass das eine ganz bemerkenswerte Entwicklung der Spieler ist“, hob der Coach hervor.
Zu Beginn des Jahres hatte das noch ganz anders ausgesehen, da wurde nach dem glücklichen 1:1 zum Hinrunden-Ausklang beim VfL Bochum mit 17 Zählern aus 17 Partien noch sehr skeptisch in die Zukunft geblickt. Dass jetzt im Umfeld des Clubs tatsächlich ein bisschen von Europa geträumt wird, ist eigentlich kaum zu glauben, aber eben auch schön. Deshalb sollte damit niemand aufhören, so lange die Eurozone näher ist als die Abstiegszone. Und wer weiß, wenn ein Ducksch wieder zur alten Form findet oder andere für ihn in die Bresche springen dürfen, ist für Werder Bremen doch etwas ganz Besonderes möglich – die nächste Chance dazu gibt es am kommenden Sonntag bei der TSG 1899 Hoffenheim. (kni)