Werder geht in Baden-Württemberg baden
Eine Lehrstunde für Werder: Die Niederlage gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse
Stuttgart - Der VfB Stuttgart trat gegen Werder Bremen so auf, wie sich das Werder-Fans von ihrem Verein wünschen. Die Grün-Weißen konnten zu kaum einem Zeitpunkt mit dem technisch wie taktisch anspruchsvollen Fußball der Stuttgarter mithalten. Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.
Der VfB Stuttgart lebt den Traum eines jeden Werder-Fans. In den vergangenen Jahren mühte sich der VfB stets im Abstiegskampf. Noch in der Vorsaison konnten sie nur über die Relegation die Klasse halten. In der neuen Spielzeit hat Sebastian Hoeneß seine Mannschaft komplett auf links gedreht. Der VfB steht nicht nur tabellarisch auf einem Champions-League-Platz. Auch ihr Spielstil zählt zu den offensivsten und attraktivsten der Liga. Das ließen sie am 13. Spieltag Werder Bremen spüren.
Werder-Bremen-Pleite in der Taktik-Analyse: VfB Stuttgart setzt auf Sturmduo
Werder-Coach Ole Werner nahm nach der 0:3-Niederlage gegen Bayer Leverkusen nur eine Änderung vor. Felix Agu begann auf der linken Seite anstelle von Olivier Deman. Werder Bremen begann die Partie in der altbekannten Mischung aus 3-4-3 und 5-3-2. In dieser Partie rückte Romano Schmid auf der halbrechten Seite nur selten nach vorne. Die meiste Zeit verteidigte Werder in einem kompakten 5-3-2.
Stuttgarts Coach Hoeneß stand vor einer taktisch anspruchsvollen Aufgabe: Top-Torjäger Serhou Guirassy meldete sich wieder fit. Sein Ersatzmann Deniz Undav hatte zuletzt aber überzeugt. Hoeneß wollte ihn nicht auf die Bank setzen – und stellte einfach beide Stürmer auf. Das Stuttgarter System veränderte sich von einem 4-2-3-1 zu einem 4-4-1-1, wobei Undav die etwas tiefere Rolle im Sturm übernahm.
In den ersten Minuten konnte Werder Bremen die Partie noch ausgeglichen gestalten. Die Bremer versuchten, den VfB Stuttgart über die Flügel zu knacken. Im Spielaufbau suchten sie häufig die linke Seite. Von dort wollten sie das Spiel auf den gegenüberliegenden Flügel verlagern. Mitchell Weiser bot sich dort an. Stuttgart reagierte auf Werders Breite im Spiel: Silas schob auf eine Höhe mit der Viererkette, sodass letztlich fünf Spieler in der letzten Linie verteidigten. Im 5-3-2 konnte der VfB die gesamte Breite des Felds abdecken.
Werder Bremen gegen VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Die Hausherren übernehmen schnell die Kontrolle
Spätestens nach einer Viertelstunde übernahmen die Hausherren das Kommando. Der VfB Stuttgart sammelte nun deutlich mehr Ballbesitz als Werder Bremen. Zur Pause lag ihr Wert bei 60 Prozent. Langsam, aber sicher traten die Stärken der Stuttgarter zum Vorschein. Unter Hoeneß verfügen sie über einen technisch wie taktisch anspruchsvollen Spielaufbau. Mit kurzen Pässen locken sie den Gegner heraus, um anschließend die Räume im Mittelfeld zu bespielen.
Werder tat dem VfB zwar nur selten den Gefallen, früh zu stören. Dafür kamen die Schwaben auf anderem Wege zu Torchancen. Besonders ihr Gegenpressing stach hervor: Nach Ballverlusten setzte der VfB Stuttgart wuchtig nach. Die Außenverteidiger postierten sich weit im Zentrum. Sobald Werder Bremen das Stuttgarter Pressing über Leonardo Bittencourt oder Romano Schmid umspielen wollte, schnappten sich Stuttgarts Außenverteidiger den Ball. So kam der VfB häufig im zweiten Anlauf zu Möglichkeiten.
Ein weiterer Schlüsselfaktor war die Positionierung der Stuttgarter Doppelsechs. Hoeneß hatte auf Angelo Stiller verzichtet. Er agiert sonst als Spielmacher und Anker vor der Abwehr. Stattdessen begann Enzo Millot auf der Doppelsechs. Er interpretierte seine Rolle offensiver. Immer wieder bot er sich in der Lücke hinter Schmid an. Sobald dieser zum Pressing überging, stand Millot dahinter frei. Der VfB kombinierte sich mit flachen Pässen durch, bis Millot den Ball bekam.
Taktik-Analyse: Werder Bremens Glück ist die Chancenverschwendung des VfB Stuttgart
Große Probleme hatte Werder Bremen mit der Geschwindigkeit der Stuttgarter Stürmer. Sobald Millot oder der zurückfallende Undav auf die Kette zuliefen, starteten die übrigen Stuttgarter Angreifer in die Tiefe. Werders Abwehr nahm diese Läufe zu spät auf oder kam schlicht nicht hinterher. Immer wieder kam der VfB Stuttgart nach Schnittstellenpässen zu Chancen.
Offensiv fand Werder kaum statt. Das lag zum einen am starken Stuttgarter Gegenpressing, zum anderen fehlte Werder Bremen aber auch Tempo und Ideen, um vor das gegnerische Tor zu gelangen. Die einzigen echten Chancen gab es, sobald Werders Verlagerungen auf Weiser glückten. Das geschah jedoch nur zweimal in den ersten sechzig Minuten.
Dass Werder Bremen lange von einem Punktgewinn träumen konnte, lag einzig an der schlampigen Chancenverwertung der Gastgeber. Schon zur Pause hätte der VfB deutlich führen können. Immer wieder tauchten Undav und Guirassy allein vor dem Tor auf. Gerade Letzterer zeigte sich ungewohnt fahrig im Abschluss. Erst in der 75. Minute konnte der VfB Stuttgart per Elfmeter das vorentscheidende 2:0 erzielen. Das Schussverhältnis zu diesem Zeitpunkt: 19:3 für den VfB, wobei es nach Schüssen auf das Tor gar 6:0 stand.
Fazit der Taktik-Analyse: Werder Bremen wäre gerne da, wo der VfB Stuttgart jetzt steht
In der Schlussviertelstunde kam Werder Bremen immerhin noch zu neun Schüssen, von denen drei auf den Kasten gingen. Coach Werner hatte mit Justin Njinmah (63., für Marvin Ducksch) Tempo eingewechselt. Vor allem Rafael Borré tat sich in dieser Phase hervor mit seinen Sprints in die Tiefe. Dass die Bremer endlich ins Spiel fanden, lag aber vor allem an Gegner. Der VfB Stuttgart zog sich im 5-4-1 zurück, störte kaum mehr und ließ Werders Abwehr die Chance, Pässe in die Tiefe zu spielen.
Die Schlussphase kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der VfB Stuttgart die Partie über weite Strecken nach Belieben dominierte. Nicht nur taktisch fand Werder Bremen keinen Zugriff. Das flache Passspiel der Stuttgarter präsentierte sich technisch ausgereifter. Werder-Fans träumen davon, dass ihre Mannschaft auch einmal so kombiniert wie der frühere Abstiegskonkurrent aus dem Schwabenland. Davon ist Werder derzeit aber weit entfernt. Für sie heißt die Realität weiterhin Abstiegskampf.
