Werder-Pleite in der Analyse

Zu zehnt ohne Idee: Wie Werder in Köln ein wichtiges Kellerduell verlor – die Taktik-Analyse

Warum für Werder Bremen gegen den 1. FC Köln (1:3) alles schiefgelaufen ist, was schieflaufen kann, erklärt Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse!

Die Luft wird dünner für Werder Bremen. Bei der 1:3-Niederlage gegen den 1. FC Köln läuft alles schief, was für eine Fußballmannschaft nur schieflaufen kann. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher bemerkt aber auch, dass Werders Formkurve nach unten zeigt – gerade in der Offensive.

Der Boxer Mike Tyson wurde einst vor einem Kampf nach der minutiösen Vorbereitung seines Konkurrenten gefragt. Tysons Antwort: „Jeder hat einen Plan, bis er eins auf die Fresse bekommt.“ Es war seine Art zu sagen: Egal, wie gut man sich vorbereitet – die Realität sieht anders aus. Der SV Werder Bremen bekam im Spiel gegen den 1. FC Köln bereits in der ersten Halbzeit zwei metaphorische Schläge ins Gesicht. Nach sieben Minuten lag Werder nach einem Elfmeter-Pfiff zurück. Nach 24 Minuten mussten die Bremer zu zehnt weiterspielen, weil Marco Friedl wegen einer strittigen Notbremse die Rote Karte sah. So richtig erholen konnte sich das Team nicht von diesen Rückschlägen. Zugleich zeigte sich erneut: Werder hat große Probleme, Durchschlagskraft zu erzeugen.

Trainer Daniel Thioune und der SV Werder Bremen kassierten beim 1. FC Köln eine bittere Niederlage - wie es dazu kam, erklärt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Überraschung auf Werders Linksaußen

Trainer Daniel Thioune nahm im Vergleich zur knappen 1:2-Niederlage in Leipzig eine Änderung vor. Cameron Puertas fehlte angesichts einer Gelbsperre. Das hatte eine Kettenreaktion zur Folge: Romano Schmid, zuletzt auf der rechten Seite im Einsatz, füllte das zentrale Mittelfeld gegen den 1. FC Köln auf. Felix Agu rückte von der Rechtsverteidiger-Position auf die vakante Linksaußen-Rolle. Yukinari Sugawara kam neu in die Startelf des SV Werder Bremen.

Mit dieser Umstellung reagierte Daniel Thioune nicht nur auf Puertas Fehlen, sondern auch auf die Spielweise des Gegners. René Wagner, neuer Coach des 1. FC Köln, setzte bei seinem Debüt in der vergangenen Woche auf eine Mischung aus Dreier- und Viererkette. Jan Thielmann agierte gegen den SV Werder Bremen als Scharnier zwischen beiden Formationen: Mal rückte er als Außenstürmer weit nach vorne, mal gliederte er sich als Rechtsverteidiger in die Viererkette ein.

Werder Bremen setzte gegen den 1. FC Köln auf eine ähnliche Formation: Agu positionierte sich häufig als Linksaußen, ließ sich aber auch mal in die Abwehrkette fallen. So konnte Agu seinen Gegenspieler Thielmann verfolgen. Im Mittelfeld wiederum setzten die Bremer auf eine klassische Manndeckung. Leonardo Bittencourt und Schmid deckten die gegnerische Doppelsechs.

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Frühes Gegentor zwingt Werder zur Aktivität

Der zurechtgelegte Plan war nur von kurzer Relevanz. Nach dem frühen Elfmeter-Gegentor jagten die Bremer einem Rückstand hinterher. Fortan musste Werder Bremen das Spiel gestalten. Zwischen dem Gegentor und der Roten Karte gegen Marco Friedl lag Bremens Ballbesitzwert bei über 60 Prozent.

Die Bremer versuchten, das Spiel über eine Dreierkette aufzubauen. Linksverteidiger Olivier Deman verblieb im Aufbau tief, während Sugawara weit nach vorne schob. Hiermit hatten die Bremer in der ersten Aufbaulinie eine Überzahl gegen den 1. FC Köln Diese verteidigten aus einer 4-4-2- oder einer 5-3-2-Formation – je nachdem, wie tief Thielmann stand. Kölns Doppelsturm erlangte gegen den Dreieraufbau des SV Werder Bremen keinen Zugriff.

Jedoch plagten Werder Bremen in dieser Phase dieselben Probleme wie in der gesamten Saison. Ihnen gelang es kaum, das eigene Ballbesitzspiel ins letzte Drittel zu tragen. Vorne fehlte jede Durchschlagskraft, zumal Flanken mangels Zielspieler keine Option waren. Bittencourt erschwerte Werders Aufgabe zusätzlich, als er Friedl mit einem zu kurzen Rückpass unter Druck setzte, was in der Roten Karte mündete.

Die Grafik zeigt, wie Werder Bremen die Partie im Elf-gegen-Elf angehen wollte. Agu verfolgte Thielmann. Der 1. FC Köln wiederum rochierte viel auf der eigenen linken Seite. Das stellte Werder vor einige Probleme.

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Said El Mala findet ins Spiel

In Unterzahl musste Werder Bremen plötzlich dem Ball hinterherjagen. Die Grün-Weißen stellten sich in einem defensiven 4-4-1 auf. Der 1. FC Köln setzte fortan auf einen ähnlichen Spielaufbau wie die Bremer: Sie eröffneten das Spiel aus einer Dreierkette. Mit viel Geduld passten sie den Ball hin und her. Sie hatten es nicht eilig, in Richtung des Bremer Strafraums zu gelangen.

Gefährlich wurden die Gäste in dieser Phase vor allem, sobald Said El Mala etwas Freiraum auf dem linken Flügel fand. Der Jung-Nationalspieler begann nominell als zweiter Stürmer, wich aber praktisch ständig nach links aus. Er beschäftigte die Abwehr des SV Werder Bremen mit seinen Dribblings.

Nach der Pause wechselte Said El Mala gänzlich auf die linke Seite beim 1. FC Köln. Er besetzte die Breite, während der eingewechselte Linksverteidiger Alessio Castro-Montes Richtung Zentrum zog. Kurz nach Wiederanpfiff ging dieses Wechselspiel vollends auf. Werder Bremen hatte Glück, dass Castro-Montes bei seinem Tor wenige Millimeter im Abseits stand (47.).

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Werder findet keine Lösung

Nachdem die Bremer bis dahin kaum Zugriff in Unterzahl erlangt hatten, setzten sie nun auf ein aktiveres Pressing. Mit der Einwechslung von Salim Musah stellte Werder Bremen nach der Pause auf ein 4-3-2 um. Doch die beiden Stürmer blieben vorne weiterhin in Unterzahl gegen den Dreieraufbau des 1. FC Köln. Werder gewann kaum Bälle.

So plätscherte die Partie lange Zeit vor sich hin. Der 1. FC Köln ließ Ball und Gegner laufen und suchte immer wieder die Breite. Werder Bremen verschob viel, konnte jedoch nicht jeden Angriff über die Außen verhindern. Nach dem Kölner Treffer zum 2:0 (65.) schien die Partie praktisch beendet. Doch Stürmer Ragnar Ache schenkte Werder einen Elfmeter. Plötzlich stand es 1:2 aus Bremer Sicht (75.).

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Mio Backhaus hält Werder im Spiel - und patzt

Anschließend versuchten die Bremer, noch einmal heranzukommen. Daniel Thioune stellte auf ein offensives 4-2-3-System um, wobei alle drei Angreifer sich zentral positionierten. Der Ball sollte lang nach vorne geschlagen und sofort auf das Tor gebracht werden. Werder Bremen gelangte tatsächlich häufiger in die gegnerische Hälfte. Zugleich sicherten meist nur zwei oder drei Akteure die eigenen Angriffe ab. Köln fuhr Konter um Konter. Nur Torhüter Mio Backhaus hielt Werder im Spiel, ehe er kurz vor dem Abpfiff patzte – 1:3 (90.+4).

Es war der verdiente Schlusspunkt eines einseitigen Spiels. Werder Bremen konnte sich von den beiden frühen Schlägen nie erholen. Vor allem ein Wert macht Sorgen: Ohne den Elfmeter summierten sich Werders Chancen auf gerade einmal 0,13 Expected Goals. Damit blieb Werder im vierten Spiel in Folge unter der Marke von einem Expected Goal. Dieser Wert sollte in der kommenden Woche höher ausfallen, sofern Werder im wichtigen Derby gegen den Hamburger SV (Samstag, 15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) drei Punkte holen möchte.

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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