Industriekrise
Nach IWF-Prognose warnt DIHK-Chefin: „Alarmsignal für unseren Wirtschaftsstandort“
Turbulente Zeiten für Deutschland als Industrienation spiegeln sich auch in der IWF-Prognose wider. DIHK-Chefin warnt: Es brauche einen „Neustart“ der deutschen Wirtschaft.
Washington – Droht Deutschland erneut Schlusslicht unter den großen Industrieländern zu werden? Der China-Konflikt und die Wirtschaftspolitik in den USA stellen eine Bedrohung für die Industrienation Deutschland dar. Die IWF-Prognose verheißt für Deutschland mit dem prall gefüllten Schuldensack wenig Gutes. „Der internationale Wind wird rauer und Deutschland steht mittendrin“, meint Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Was müsste getan werden, um dem entgegenzuwirken?
Wird Deutschland wieder Schlusslicht? IWF-Prognose ist „Weckruf“ für die Wirtschaft
Zum Abschluss der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington bezeichnet Melnikov die aktuelle Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) als „Weckruf für Deutschland“. Deutschland drohe erneut das Schlusslicht unter den großen Industrieländern zu werden. „Die erratische Wirtschaftspolitik der USA und die erneute Eskalation im Handelskonflikt mit China sind zentrale Risiken für unsere exportorientierte Wirtschaft.“ Und da die größten Volkswirtschaften der Welt gleichzeitig Deutschlands Haupthandelspartner sind, geraten die Unternehmen hierzulande unter Druck.
Beim Treffen der internationalen Finanzwelt in Washington hat sich der Blick auf Deutschland verändert – allerdings nur bedingt zum Positiven. In den vergangenen Jahren war die Botschaft des IWF meist dieselbe: Deutschland müsse endlich mehr investieren, um die Basis für künftiges Wachstum zu schaffen. Das ist jetzt anders – dank des historisch großen Schuldentopfs, das sogenannte Sondervermögen, und die nicht mehr begrenzten Verteidigungsausgaben. Trotz der geplanten Rekordinvestitionen rechnet der IWF für Deutschland im kommenden Jahr nur mit einem Wachstum von 0,9 Prozent.
„Wir müssen uns umdrehen und gucken: Was wird das Wachstum von morgen bringen?“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und laut ZDFheute einer der Architekten des Sondervermögens. „Da ist es sicherlich hilfreich, wenn unsere Brücken wieder funktionieren, auch unsere Straßen besser sind und die Bahn wieder pünktlich ist. Aber dadurch holen wir den technologischen Rückstand, den wir haben, nicht auf. Das heißt: Da muss noch viel mehr passieren – vor allem bei Forschung, Entwicklung und Hochtechnologie-Investitionen.“
So soll das kränkelnde Deutschland wieder auf Vordermann gebracht werden
Die DIHK-Präsidentin fordert von Deutschland und der Politik Mut zu Reformen, denn drei Jahre ohne Wachstum sei „ein Alarmsignal für unseren Wirtschaftsstandort“. Die strukturellen Aufgaben im Land müssen dringend angegangen werden. Als „Hausaufgaben“, um im globalen Wettbewerb zu bestehen, müsse es zu Bürokratieabbau, Entlastungen bei Energiekosten und Steuern, Modernisierung des Sozialstaates und mehr Freiraum für unternehmerisches Handeln kommen – die deutsche Wirtschaft brauche einen „Neustart“.
„Wer im globalen Wettbewerb bestehen will, muss seine Hausaufgaben machen. Ein Neustart der deutschen Wirtschaft gelingt nicht ohne Anstrengung.“
Milliarden für Deutschlands Wirtschaft: „Wir müssen uns hier nicht verstecken“
Deutschlands Wirtschaft hat es aktuell inmitten globaler Herausforderungen alles andere als einfach. Die Exportbeschränkungen der chinesischen Regierung für Seltene Erden treffen die deutsche Industrie hart. Laut einer aktuellen Studie hängen allein in Deutschland rund vier Millionen Arbeitsplätze davon ab. Hinzu kommt, dass sich die deutsche Industrie aufgrund der wechselhaften Wirtschaftspolitik der USA kaum auf stabile Rahmenbedingungen verlassen kann. Nun soll ein riesiger Schuldenberg Deutschland wieder auf Vordermann bringen.
Hunderte Milliarden Euro fließen in ein modernes Deutschland: Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ermöglicht Rekordinvestitionen von Bund, Ländern und Kommunen. Das Geld soll für Schulen und Kitas, Bahnstrecken, Straßen, Forschung und Digitalisierung zur Verfügung stehen. Mit der Grundgesetzänderung im März 2025 schuf der 20. Deutsche Bundestag die Grundlage für ein Sondervermögen von über 500 Milliarden Euro, das zusätzlich kreditfinanzierte Projekte für Infrastruktur und Klimaneutralität bis 2045 erlaubt.
Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil warb in Washington mit diesem Sondervermögen um Investoren. Deutschland soll in turbulenten Zeiten der sichere Hafen sein: „Wir müssen uns hier nicht verstecken“, meinte er. Auch die DIHK-Chefin fordert die Politik auf, ihren Reformkurs fortzusetzen. Die Bundesregierung dürfe nicht vor notwendigen Entscheidungen zurückschrecken, denn: „Wachstum kommt nicht von allein, wir müssen es uns erarbeiten.“