„Risiko für Finanzmärkte“
Rekordschulden: Was die Krise Frankreichs für Deutschland bedeutet
Auf Europa könnte eine Schuldenkrise zukommen. Der mögliche Auslöser heißt Frankreich. Die Folgen könnten auch Deutschland treffen.
Paris – Frankreich steckt in der Krise. Der Schuldenstand ist so hoch wie selten zuvor und innerhalb Europas steht Frankreich diesbezüglich nur hinter Griechenland und Italien. Der neue Premierminister Sébastien Lecornu versucht, die verschiedenen politischen Lager zu einem Kompromiss zu bringen, damit der Sparhaushalt für 2026 durch die Nationalversammlung geht. Jetzt droht jedoch auch von anderer Stelle aus neuer Druck: Die Kreditwürdigkeit Frankreichs steht auf dem Spiel.
Schulden-Krise in Frankreich – „Risikofaktor für die Finanzmärkte“
Was war passiert? Auslöser für das aktuelle Chaos in Frankreich ist die enorme Schuldenquote. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind es 114 Prozent – erlaubt sind nach EU-Stabilitätspakt 60 Prozent. Mit 5,8 Prozent übersteigt das Haushaltsdefizit den europäischen Grenzwert von drei Prozent bei Weitem. Die Lösung: drastische Sparmaßnahmen. François Bayrou, dessen Regierung jüngst erst gestürzt ist, wollte darum im neuen Haushalt 44 Milliarden Euro einsparen.
Das hat die Franzosen auf die Barrikaden gebracht. Tausende protestierten am 11. September gegen den Sparkurs, aber eine Lösung für die aktuellen Probleme ist nicht in Sicht. Jahrelang hat die Regierung viel mehr Geld ausgegeben als das Land generieren konnte. „Die Krise ist auch ein Risikofaktor für die Finanzmärkte“, zitierte SWR Aktuell den Ökonomen Friedrich Heinemann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
Jetzt muss Frankreich für seine Staatsanleihen höhere Zinsen zahlen als Griechenland und den Investoren fast so viel bieten wie Italien. Die Rendite der 30-jährigen französischen Staatsanleihen kletterte kurz vor dem Misstrauensvotum gegen Bayrou zeitweise über 4,5 Prozent. Zehnjährige Anleihen erreichten – zumindest zeitweise – einen Rekordwert wie seit 2009 nicht mehr. Die anziehenden Zinsen deuten auf ein wachsendes Misstrauen der Investoren hin, warnen Experten.
Kommt die globale Schulden-Krise? – OECD-Länder leihen massiv Geld aus
Das beschränkt sich jedoch nicht zwangsläufig auf Frankreich. Ein Kommentator im Handelsblatt sieht die Gefahr einer globalen Schuldenkrise kommen, der Schuldenstress habe sich weit über Frankreich und die Euro-Zone hinweg ausgebreitet. Zu viele Regierungen stünden vor einem Verlust ihrer finanziellen Handlungsfreiheit.
In Zahlen sieht das aus wie folgt: Die 38 Mitgliedsländer der OECD haben ihre Verschuldungsquote zwischen 2007 und 2023 von etwa 72 Prozent auf 110 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistungen hochgetrieben. Damals hatte Frankreichs Schuldenquote bei 77,3 Prozent gelegen; Italien mit 115 Prozent und Griechenland mit rund 110 Prozent lagen deutlich darüber. Nach den vorläufigen Zahlen für 2024 steht Griechenlands Schuldenquote bei fast 170 Prozent, Italien bei fast 150 Prozent und die USA knapp über 122 Prozent.
Anfang September hat es wegen der Unsicherheiten, ob die Länder ihre Ausgaben in den Griff bekommen, rund um den Globus einen Kursrutsch bei den lang laufenden Staatsanleihen gegeben. Die Gründe unterschieden sich zwar im Detail, aber die Sorge um die ausufernden Staatsschulden war größtenteils ein gemeinsamer Nenner.
Steigende Schulden auch in Deutschland – Parallele zu Griechenland
Abseits von den individuell zu hohen Schulden besteht Sorge, dass die drohende Krise sich von Frankreich auf andere europäische Länder ausbreitet, darunter eben auch Deutschland. Deutschland lag mit seiner Schuldenquote dagegen lange unter dem OECD-Schnitt. 2024 noch lag die Schuldenquote bei unter 64 Prozent. Die Zahlen für 2025 liegen bei der OECD noch nicht vor, aber angesichts der massiven Investitionen, die die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigt hat, könnte diese Zahl ansteigen.
Bei der Griechenland-Krise von einst waren Investoren dazu übergegangen, auch anderen Ländern wie Irland oder Portugal das Vertrauen zu entziehen. Die Regierungen mussten Sparpläne vorlegen, egal, welche politische Seite an der Macht war.
Die Wirtschaftswoche hat ebenfalls die Parallele zu Griechenland gezogen und warnt, dass Frankreich – im Gegensatz zu Griechenland – wegen seiner Größe nicht gerettet werden könnte. Außerdem seien die Schuldenstände wesentlich höher, die Defizite genauso. Gleichzeitig erschwere die politische Zersplitterung den Willen zum Kompromiss, und zwar in mehreren westlichen Ländern. Aber: Bislang ist die französische Krise eben eine französische Haushaltskrise, eine Ansteckungsgefahr sei „noch“ nicht gegeben.
Sorge vor schwacher Bonität – Frankreich-Rating steht bevor
Das wiederum führt zum nächsten Risikofaktor. Aktuell droht Frankreich die Herabstufung seiner Bonität. Stand 12. September liegt die Einstufung noch bei AA-, also sehr gut bis gut, aber das könnte sich noch am Abend desselben Tags ändern. Für 17:00 Uhr steht eine Neueinschätzung der Rating-Agentur Fitch bevor. Wenn diese ihre Einschätzung von Frankreichs Kreditwürdigkeit ändert, droht die Negativspirale – das jedenfalls fürchten Ökonomen wie Heinemann.
Die Kreditwürdigkeit sagt Investoren, wie sehr sie darauf vertrauen können, ihr Geld zurückzuerhalten. Frankreich gehört zum wirtschaftlichen Rückgrat der EU, und falls sich im Zuge der Krise Anleger zurückziehen und die Schulden weiter steigen, kann das einen Dominoeffekt auslösen. (Laernie mit AFP)
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