„Völlig überfordert“
Sinken die Heizkosten in Deutschland durch Trumps Venezuela-Pläne? Experte widerlegt Theorie
Die USA wollen Venezuelas Ölförderung ankurbeln. Welche Auswirkungen hat das auf den Ölpreis und die Verbraucher in Deutschland?
Frankfurt – Venezuela sitzt auf dem größten bekannten Erdöl-Schatz der Welt – rund 300 Milliarden Barrel des schwarzen Goldes lagern dort. Nach dem Militäreinsatz der USA am Samstag (3. Januar) in Caracas und der Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro kündigte Donald Trump an, die Ölförderung dort massiv auszubauen. Welche Auswirkungen hat das für den Ölpreis und für Deutschland?
„Völlig überfordert“: Öl-Infrastruktur in Venezuela aktuell noch ineffizient
Anders als bei anderen geopolitischen Krisen wie dem Ukraine-Krieg bliebt der Ölpreis am Montag und Dienstag (5./6. Januar) zunächst stabil. „Das ist bemerkenswert, denn normalerweise sorgt jede Intervention in einem ölreichen Land für psychologische Effekte, welche die Märkte bewegen“, sagt Andreas Goldthau, Energieexperte und Leiter der Willy Brandt School an der Universität Erfurt, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Der Grund: Laut Goldthau spielt Venezuela auf dem globalen Ölmarkt derzeit nur eine geringe Rolle. Trotz der enormen Menge an Erdöl sind die tatsächlichen Fördermengen in Venezuela aktuell vergleichsweise gering. Nach jüngsten Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) lag die Fördermenge im November 2025 im Schnitt bei 860.000 Barrel pro Tag. Im Vergleich dazu: Saudi-Arabien produzierte im selben Monat rund 9,93 Millionen Barrel am Tag. Damit zählt Venezuela trotz enormer Bodenschätze nicht zu den Top-20-Förderländern.
Durch eine Lockerung der US-Sanktionen ließe sich die Produktion mit US-Hilfe schnell erhöhen, sagt Goldthau. Kurzfristig würde das die Preise erstmal senken. Langfristig sei die Situation jedoch komplexer: „Die staatliche Ölgesellschaft PDVSA ist völlig überfordert – sie wurde mit Aufgaben überfrachtet, die eigentlich der Sozialstaat übernehmen sollte. Das hat massive Ineffizienzen geschaffen und Investitionen blieben aus.“ Für eine signifikante Produktionssteigerung bräuchte es Milliarden-Investitionen und eine Umstrukturierung. „Das ist keine Aufgabe für wenige Monate, sondern würde Jahre dauern.“
USA und China profitieren am meisten von Öl aus Venezuela
Was bedeutet das für Deutschland? Insbesondere hierzulande sind die Entwicklungen auf dem Ölmarkt relevant. Der Jahresbericht 2024 der AG Energiebilanzen zeigt, dass Erdöl mit einem Anteil von knapp 36 Prozent am gesamten Energiebedarf der wichtigste Energieträger der deutschen Wirtschaft ist. Knapp 44 Milliarden Euro gab die Bundesrepublik im selben Jahr für Erdöl-Importe aus.
In der Theorie könnte ein größeres Angebot zu einem sinkenden Ölpreis führen. Doch Deutschland sowie Europa würden laut Goldthau nur wenig von einer steigenden Ölproduktion aus Venezuela spüren: „Wir importieren ohnehin nur geringe Mengen venezolanischen Öls. Zudem kann nicht jede Raffinerie venezolanisches Öl verarbeiten – das ist kein universelles Produkt.“ Europäische Raffinerien würden daher weniger direkten Einfluss spüren.
Anders sieht es in den USA und China aus – dort sind die Raffinerien auf venezolanisches Öl ausgerichtet. „Die USA waren bis vor nicht allzu langer Zeit ironischerweise die größten Importeure von venezolanischem Öl, weil ihre [amerikanischen] Raffinerien das eigene Öl oft nicht verarbeiten können“, erklärt Goldthau. Auch China zählt zu den großen Abnehmern.
Benzin, Diesel und Heizöl: Wird Tanken und Heizen in Deutschland bald teurer?
„Für Verbraucher in Deutschland bleibt der Effekt begrenzt“, sagt Goldthau. Denn die Preise an der Tankstelle oder beim Heizöl-Lieferanten folgen nicht direkt dem Rohölpreis, so der Experte. Stattdessen orientieren sich Konzerne wie BP an sogenannten Ölderivaten – also weiterverarbeiteten Produkten wie Diesel oder Benzin. Diese Märkte funktionieren nach eigenen Regeln.
Hinzu kommt laut Goldthau: Benzin- und Heizölpreise in Deutschland bestehen zu einem großen Teil aus Steuern und Abgaben. Selbst wenn der Rohölpreis sinken sollte, kommt davon beim Verbraucher oft wenig an. Daher ist weder ein deutlich teureres noch spürbar günstigeres Tanken und Heizen durch die Entwicklungen in Venezuela zu erwarten. (Quellen: eigene Recherche, AG Energiebilanz)
Rubriklistenbild: © Alex Brandon/dpa
